Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Nase des Vaters

Etwas Trau­rig-Melan­cho­lisch-Fas­zi­nie­ren­des geht von dem Gesicht auf dem Schutz­um­schlag aus. Das Buch dazu hat Bar­ba­ra Honig­mann über ihren Vater Georg geschrie­ben. Die knapp 160 Sei­ten lesen sich rasch, aber sie hin­ter­las­sen ein depres­si­ves Gefühl und vie­le Fra­gen. Wovon geht die Autorin und Toch­ter aus? Von der »Unent­rinn­bar­keit des Gezeich­net­seins« schreibt sie. Sät­ze wie »Sei­ne Her­kunft war ihm ins Gesicht geschrie­ben« irri­tie­ren, beson­ders die immer wie­der­keh­ren­de »pro­mi­nent nose«. Kri­te­ri­en, auf denen das NS-Blatt Stür­mer sei­ne juden­feind­li­chen Kari­ka­tu­ren auf­bau­te. Bil­der im Kopf, uralt, die nicht erst die Nazis für sich ent­deck­ten zur Aus­gren­zung des Ande­ren. Immer wie­der sprach Georg von der »mie­sen Erb­schaft« des Groß­va­ters, der sich assi­mi­liert und der über die Eman­zi­pa­ti­on der Juden geschrie­ben hat­te, in der Bres­lau­er Zei­tung. Was Georg, in der Ber­li­ner Staats­bi­blio­thek Unter den Lin­den sit­zend, kopier­te für sei­ne Toch­ter, die nicht ver­stand, »was er mir damit mit­tei­len woll­te«. Sie sah nur, dass auch der Vater »sich in nai­vem Glau­ben einer auf­klä­re­ri­schen Idee ver­schrie­ben hat­te, von der er einen Uni­ver­sa­lis­mus erhoff­te, der ihn sei­ner Her­kunft und natür­li­chen Kenn­zeich­nung ent­kom­men las­sen wür­de«. Der Vater, ein Jude ohne Bekennt­nis, aber: »Das Jude­sein war ihm ins Gesicht geschrie­ben.« Sät­ze wie in Stein gemei­ßelt. Die Toch­ter spricht von der »Sache«, der er sich hin­ge­ge­ben hat­te, die schon »im Ver­ge­hen war, so wie sei­ne eige­ne Lebens­zeit«. Die­se »Sache«, damit ist der Kom­mu­nis­mus gemeint, in dem der Vater »eine Gemein­schaft« zu fin­den hoff­te, in der er weder Jude noch Deut­scher war son­dern »ein­fach nur ein Mensch«.

Georg Honig­mann, in Frank­furt gebo­ren, Sohn eines Arz­tes und Pro­fes­sors, besuch­te die Oden­wald­schu­le und pro­mo­vier­te 1929 in Gie­ßen über die »sozia­len und poli­ti­schen Ideen im Welt­bild Georg Büch­ners«. Danach arbei­te­te er als Jour­na­list, wur­de Kor­re­spon­dent der Vos­si­schen Zei­tung in Ber­lin. Noch bevor der Ull­stein Ver­lag von den Nazis ari­siert wur­de, ging er als Kor­re­spon­dent nach Lon­don – obwohl er bis dahin kein Eng­lisch sprach. Sei­ne Behaup­tung, er kön­ne es, ret­te­te ihm viel­leicht das Leben. In Lon­don arbei­te­te er für den Exchan­ge Tele­graph und für Reu­ters. Dort hei­ra­te­te er Ruth, die er aus der Schul­zeit kann­te. In Lon­don lern­te er auch Ali­ce (Lit­zy) Kohl­mann ken­nen, die zu die­ser Zeit noch mit Kim Phil­by ver­hei­ra­tet war, dem Spi­on für die Sowjet­uni­on. 1946 lie­ßen sie sich schei­den. Lit­zy und Georg, der sich auch inzwi­schen von Ruth getrennt hat­te, wur­den ein Paar und die Eltern von Bar­ba­ra Honig­mann, 1949 gebo­ren. Nach 1939 wur­den in Eng­land alle Deut­schen und Öster­rei­cher als »enemy ali­ens« über­prüft, in Kate­go­rien ein­ge­teilt, um sie spä­ter in Kana­da oder Austra­li­en in Lagern zu inter­nie­ren, die eigent­lich für Kriegs­ge­fan­ge­ne gedacht waren. Georg kam nach Kana­da. Dort lern­te er wie­der Kom­mu­ni­sten ken­nen, er habe geträumt von einer »Erlö­sung aus dem Dilem­ma des ewi­gen Zwi­schen-den-Stüh­len-Sit­zens befreit zu wer­den, viel­leicht [gehofft] auf einen neu­en Anfang in einer sozia­li­sti­schen Brü­der­lich­keit, die kei­ne Beson­der­hei­ten mehr kennt, kei­ne ras­si­schen, kei­ne reli­giö­sen und kei­ne sozialen«.

Das ließ ihn, als er nach 1945 nach Deutsch­land zurück­keh­ren konn­te, den sowje­ti­schen Sek­tor von Ber­lin wäh­len. Sei­ne Toch­ter sieht das alles – heu­te – mit Unver­ständ­nis. Georg arbei­te­te zuerst für die Täg­li­che Rund­schau, war kurz Redak­teur der Ber­lin am Mit­tag, dann 1948/​49 stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der Ber­li­ner Zei­tung. Ein offen­sicht­li­cher Feh­ler ist die Infor­ma­ti­on, dass er die Deut­sche Pres­se-Agen­tur auf­bau­te. Im Ost­teil Ber­lins? Gemeint ist der All­ge­mei­ne Deut­sche Nach­rich­ten­dienst (ADN), der seit 1946 exi­stier­te. Von 1949 bis 1953 war Honig­mann Chef­re­dak­teur der BZ am Abend.

Die Autorin wird nicht müde, ihrem Vater, der ja Jour­na­list war, sei­nen »nai­ven Glau­ben an die Auf­klä­rung« vor­zu­hal­ten. Von 1953 an ver­such­te er mit der Pro­duk­ti­on der Kurz­film­rei­he »Das Sta­chel­tier« in sati­ri­scher Form zu unter­hal­ten und Kri­tik zu üben. Bei den Auf­nah­men lern­te er Gise­la ken­nen, die nur mit ihrem Vor­na­men genannt oder als »die Schau­spie­le­rin« bezeich­net wird. Dass es sich um Gise­la May han­delt, ist klar. 1956 lie­ßen sich Lit­zy und Georg schei­den, da kam Bar­ba­ra zur Schu­le. Gise­la May, eine Stief­mut­ter? Das Kind pen­delt von einer Mut­ter zur ande­ren. Sie fand es auf­re­gend, nie lang­wei­lig. So liest es sich auch. Die Kul­tur­schaf­fen­den, die aus dem Exil zurück­kehr­ten, tra­fen sich zu Festen in der »Möwe«. Oder im Som­mer am Schar­müt­zel­see in Bad Saa­row, wo vie­le ein Haus bewohn­ten. Gise­la May habe es spä­ter in Brie­fen als ihre glück­lich­ste Zeit beschrieben.

Georg ver­such­te mit dem »Sta­chel­tier«, so etwas wie »ech­te Sati­re in der Tra­di­ti­on Tuchol­skys« zu errei­chen. Aber dem stan­den die Behör­den, von denen die Fil­me geneh­migt wer­den muss­ten, im Wege. Den­noch ver­pflich­te­te Georg vie­le spä­ter bekann­te Künst­ler als Regis­seu­re und Akteu­re. Das »Sta­chel­tier«, es exi­stier­te nur bis Ende 1962. Georg wur­de gefeu­ert. Gise­la ging zum Ber­li­ner Ensem­ble und auf lan­ge Tour­ne­en. Es began­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Ehe, bis sie zer­brach und Georg ver­bit­tert in ein möblier­tes Zim­mer außer­halb Ber­lins zog.

1963 wur­de er zum Direk­tor des Kaba­retts die »Distel« beru­fen. Er zog in eine klei­ne Woh­nung in der Stadt und hei­ra­te­te ein vier­tes Mal: Lise­lot­te, mit der er noch eine Toch­ter bekam. Spä­ter wech­sel­ten sie in die Pro­vinz. Die »Distel« ver­ließ Georg aus eige­nem Ent­schluss 1968. Bar­ba­ra Honig­mann über den Vater: »Obwohl er in sei­nem Leben immer wie­der Frau­en, Freun­de, Fami­lie, Woh­nun­gen und Orte ver­las­sen hat­te – die Par­tei ver­ließ er nicht, den ›stump­fen Kern des Kom­mu­nis­mus‹ hat er doch nicht wahr­ha­ben wol­len.« Er schrieb kei­ne Memoi­ren, aber zwei »pole­mi­sche poli­ti­sche« Sach­bü­cher über die Medi­en­kö­ni­ge Wil­liam Ran­dolph Hearst und Alfred Hugen­berg (1963 ent­stand ein Film: »Die Geschäf­te des Axel Cae­sar Sprin­ger«). Im Lese­saal der Staats­bi­blio­thek arbei­te­te er die – wie sei­ne Toch­ter weg­wer­fend fest­stellt – »natür­lich sozia­li­sti­sche« Fach­li­te­ra­tur durch. Sie habe sich für die Bücher nicht inter­es­siert, sie nicht gele­sen, Bücher der »Anpas­sung an die DDR-Ideo­lo­gie«. Im näch­sten Satz erwähnt sie Wolf Bier­mann, mit dem sie sich ange­freun­det habe. Es gab immer mehr Dis­kus­sio­nen, manch­mal Krä­che, »immer poli­ti­scher Art«, wenn sie den Vater besuch­te. Die neu­en Freun­de aus den Mos­kau­er Dis­si­den­ten­krei­sen hat­ten sie »end­lich gründ­lich über den tota­li­tä­ren und ver­bre­che­ri­schen Cha­rak­ter des rea­len Sozia­lis­mus« auf­ge­klärt. Das auf­re­gen­de tra­gi­sche Leben von Georg Honig­mann ende­te 1984. Er liegt auf dem Jüdi­schen Fried­hof in Ber­lin-Wei­ßen­see begraben.

Bar­ba­ra Honig­mann: »Georg«, Carl Han­ser Ver­lag, 160 Sei­ten, 18 €