Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hingabe an ein Gaunerstück

Es war die 243. Sit­zung der 12. Wahl­pe­ri­ode des Deut­schen Bun­des­ta­ges, in der der Bun­des­mi­ni­ster der Finan­zen, Theo­dor Wai­gel, eine nahe­zu histo­ri­sche Rede hielt. »Es ist eine Bilanz der mensch­li­chen Gemein­heit und der öko­no­mi­schen Igno­ranz«, erklär­te er kurz, aber tref­fend in der Debat­te zum Bericht des Treu­hand-Unter­su­chungs­aus­schus­ses. Aller­dings mein­te er nicht die Treu­hand, son­dern die »trau­ri­ge Schluß­bi­lanz der sozia­li­sti­schen Herr­schaft«. Der Treu­hand sprach er den Dank des Vater­lan­des aus: »Die Treu­hand­an­stalt hat­te im Auf­trag der Bun­des­re­gie­rung den größ­ten und wahr­schein­lich schwie­rig­sten Teil der Auf­ga­be zu über­neh­men, näm­lich die geschei­ter­te Plan­wirt­schaft der DDR in die Sozia­le Markt­wirt­schaft zu trans­for­mie­ren. Es galt vor allem, das staat­li­che Eigen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln in pri­va­tes, unter­neh­me­ri­sches Eigen­tum zu über­füh­ren […] Wir dan­ken allen, die inner­halb und außer­halb der Treu­hand­an­stalt ihre Pflicht und noch viel mehr getan haben. Das war und ist Ein­satz für Deutsch­land und Hin­ga­be an unser Vater­land, das wir wie­der­ge­won­nen haben.«

Der Jubel der CDU/C­SU-Abge­ord­ne­ten ob die­ser berech­tig­ten und bewe­gen­den Dank­sa­gung war groß, nahe­zu gren­zen­los. Am lieb­sten hät­ten sie die Zei­len des Kin­der­lie­des »Ein Mann, der sich Kolum­bus nannt« ange­stimmt: »Glo­ria, Vik­to­ria wide-wide-witt, juch-hei-ras-sa, Glo­ria, Vik­to­ria wide-wide-witt, bum, bum.« Aber sie unter­lie­ßen es und beschränk­ten sich auf den erhe­ben­den Gedan­ken »Glo­ria, Vik­to­ria!«, denn dank der Treu­hand hat­te die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land dem dik­ta­to­ri­schen DDR-Unrechts­re­gime auch öko­no­misch den Gar­aus gemacht: Aus 600 Mil­li­ar­den DM Volks­ver­mö­gen (Roh­wed­der), die Mod­row-Regie­rung hat­te 980 Mil­li­ar­den DM errech­net, hat­te die Ent­eig­nungs­in­sti­tu­ti­on mit dem fal­schen Namen einen Schul­den­berg von 256 Mil­li­ar­den DM gemacht. Wenn das kein Grund zum Jubeln war, was dann?

25 Jah­re spä­ter, Ende Juni 2019, war die Stim­mung im Hohen Haus ein wenig gedämpf­ter. Die Frak­ti­on der Lin­ken hat­te sich erdrei­stet, einen Antrag zur Ein­set­zung eines Unter­su­chungs­aus­schus­ses zur Treu­hand­an­stalt ein­zu­brin­gen. Der Antrag wur­de abge­lehnt. Wie wür­de es denn auch aus­se­hen, wenn Ex-Finanz­mi­ni­ster Theo­dor Wai­gel, sein dama­li­ger Staats­se­kre­tär und heu­ti­ger Ex-Bun­des­prä­si­dent Horst Köh­ler und die ver­dienst­vol­le Ex-Treu­hand­che­fin Bir­git Breu­el in den Unter­su­chungs­aus­schuss ein­be­stellt und mit völ­lig unnö­ti­gen Fra­gen kon­fron­tiert wür­den? Schließ­lich hat­ten vor allem sie doch sei­ner­zeit unter dem Bei­fall vor allem der CDU/C­SU-Frak­ti­on beschei­nigt bekom­men, ihre Pflicht und noch viel mehr für das Vater­land getan zu haben.

Doch wie gesagt, die­ses Mal war die Stim­mung der CDU/C­SU-Man­dats­trä­ger bei der Erör­te­rung des Antra­ges der Lin­ken – die AfD hat­te kurz vor der Debat­te, selbst­ver­ständ­lich nicht aus popu­li­sti­schen Grün­den, einen ähn­li­chen Antrag ein­ge­reicht – ein wenig gedämpf­ter. Ihr erster Spre­cher, Eck­hardt Reh­berg, gestand mit Blick auf die Treu­hand sogar ein: »Ja, es waren Glücks­wan­de­rer unter­wegs. Ja, es war auch kri­mi­nel­le Ener­gie dabei.« Noch deut­li­cher wur­de der CDU-Hau-drauf­ex­per­te Arnold Vaatz. Er schlug kri­ti­sche Töne an: »Es sind natür­lich eine gan­ze Rei­he von Din­gen pas­siert, die die Öffent­lich­keit zu Recht auf­re­gen. Zum Bei­spiel haben vie­le Erwer­ber gedacht, dass sie die Treu­hand-Erwer­bun­gen als Spe­ku­la­ti­ons­ob­jek­te betrach­ten kön­nen. Sie haben damit den Ver­fas­sungs­grund­satz ›Eigen­tum ver­pflich­tet‹ zu gewis­sen Tei­len mit Füßen getre­ten.« Aber dann, offen­sicht­lich erschrocken über die eige­nen Ein­ge­ständ­nis­se, voll­zog er eine klas­si­sche Vol­te und sah in den Lin­ken die eigent­lich Schul­di­gen für die Treu­hand­aus­wüch­se. Gewandt an die­se führ­te er vol­ler nur all­zu gut ver­ständ­li­chem Zorn aus: »Dass Sie es geschafft haben, den ver­rot­te­ten Zustand, in dem Sie die DDR in die Zukunft ent­las­sen haben, den tech­no­lo­gi­schen Rück­stand, die tota­le Man­gel­wirt­schaft, in der die­ses Land geen­det ist, schließ­lich und end­lich den­je­ni­gen anzu­la­sten, die ver­sucht haben, die Sache aus dem Dreck wie­der her­aus­zu­zie­hen, ist eine genia­le machia­vel­li­sti­sche Leistung.«

Mit die­ser Ana­ly­se blieb Vaatz nicht allein. Sein Kol­le­ge von der CDU/C­SU-Frak­ti­on Patrick Schnie­der stieß in das glei­che Horn: »Ja, das Wir­ken der Treu­hand ist längst noch nicht auf­ge­ar­bei­tet. Doch was kann ein Unter­su­chungs­aus­schuss dort lei­sten? […] Wir brau­chen die Zwangs­mit­tel des Unter­su­chungs­aus­schus­ses nicht, um die Arbeit der Treu­hand zu beleuch­ten. […] In den Wen­de­jah­ren 1989 und 1990 war schlicht der jahr­zehn­te­lan­ge SED-Betrug am eige­nen Volk auf­ge­flo­gen. Die DDR war bank­rott, die Wirt­schaft lag vie­ler­orts am Boden. […] Der Antrag der Lin­ken möch­te den Blick davon weg­len­ken. Das Pikan­te ist: Sie als Nach­fol­ge­rin von SED und PDS, die damals den Osten Deutsch­lands in die Grüt­ze gerit­ten haben, spie­len mit den Emo­tio­nen, die Mil­lio­nen Men­schen beim Gedan­ken an die Treu­hand haben.«

Ori­gi­nell waren sol­che prä­zi­sen Ein­schät­zun­gen nicht gera­de. Aus beru­fe­nem Mun­de waren sie sprach­lich bereits über­zeu­gen­der for­mu­liert wor­den. Vom ehren­wer­ten lang­jäh­ri­gen Wirt­schafts­mi­ni­ster der Bun­des­re­pu­blik und ver­ur­teil­ten Steu­er­be­trü­ger Otto Graf Lambs­dorff stammt der schö­ne Spruch, 40 Jah­re Miss­wirt­schaft der SED hät­ten dem Osten Deutsch­lands mehr Scha­den zuge­fügt als der Zwei­te Welt­krieg. Und Rai­ner Eppe­l­mann, Vor­sit­zen­der der nach ihm benann­ten Stif­tung, stell­te im Hohen Haus kri­stall­klar fest: »So wie wir nach dem Ende des von der ersten deut­schen Dik­ta­tur aus­ge­lö­sten Krie­ges unser zer­stör­tes Land wie­der auf­bau­en muß­ten, so müs­sen wir heu­te nach dem Ende der zwei­ten deut­schen Dik­ta­tur […] die neu­en Län­der gemein­sam wie­der aufbauen.«

Ja, wie hat­te er doch Recht, der Chef der Ein­rich­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur. Nach 1945, nach Faschis­mus und Krieg haben sich die Bewoh­ner zwi­schen Elbe und Oder/​Neiße bemüht, den öst­li­chen Teil des Vater­lan­des wie­der auf­zu­bau­en. Mit mäßi­gem Erfolg. Obwohl es Ende der 1980er Jah­re um ihre Wirt­schaft nicht gera­de zum Besten stand, hat­ten sie, so behaup­ten die ewi­gen DDR-Nost­al­gi­ker, doch eini­ges geschafft: Wirt­schaft­lich erreich­te die DDR 1950 das Vor­kriegs­ni­veau, sie ver­dop­pel­te es bis 1955. 1989 über­traf sie den Stand von 1936 13fach und den 1945 vor­ge­fun­de­nen Stand 30fach. In den letz­ten 17 Jah­ren der DDR war das Natio­nal­ein­kom­men, so wur­de fabu­liert, jähr­lich um rund vier Pro­zent gestie­gen, 1988 erreich­te es ein Volu­men von 258 Mil­li­ar­den Mark, was einem Brut­to­so­zi­al­pro­dukt von über 300 Mil­li­ar­den DM ent­sprach. 65 Pro­zent die­ses Ein­kom­mens wur­den von der Indu­strie pro­du­ziert. Der Außen­han­dels­um­satz betrug 1989 rund 84 Mil­li­ar­den DM, 48 Pro­zent des Expor­tes ent­fie­len auf Maschi­nen, Aus­rü­stun­gen und Trans­port­mit­tel. Nicht weni­ge Zwei­ge der Volks­wirt­schaft, so die Erd­öl- und Erd­gas­chemie, die Ver­ed­lungs­me­tall­ur­gie, der Schiffs­bau und die Mikro­elek­tro­nik, hat­ten ein beacht­li­ches Niveau erreicht. Laut dem bun­des­deut­schen »Sta­ti­sti­schen Jahr­buch 1990« betrug die Zahl der in der Indu­strie beschäf­tig­ten Arbei­ter und Ange­stell­ten 3.211.000, allein der Maschi­nen­bau zähl­te 962.000 Beschäftigte.

Erreicht wur­den die Ergeb­nis­se, so die Rea­li­täts­ver­wei­ge­rer, unter Umstän­den, wie sie ungün­sti­ger kaum hät­ten sein kön­nen: weit­aus grö­ße­re Kriegs­zer­stö­run­gen als in West­deutsch­land, gewal­ti­ge öko­no­mi­sche Dis­pro­por­tio­nen, äußerst schwa­che Ener­gie­ba­sis, so gut wie kei­ne Grund­stoff­in­du­strie, immense Repa­ra­ti­ons­lei­stun­gen für ganz Deutsch­land mit einem Gesamt­wert von 99,1 Mil­li­ar­den DM (das ent­sprach 97 Pro­zent der gesamt­deut­schen Repa­ra­tio­nen), erzwun­ge­ne Ein­bin­dung in das ost­eu­ro­päi­sche, öko­no­misch und tech­no­lo­gisch weit zurück­lie­gen­de Wirt­schafts­sy­stem, Han­dels­dis­kri­mi­nie­run­gen und -sank­tio­nen sei­tens der BRD und ihrer Ver­bün­de­ten, geziel­te Abwer­bung von Fach­ar­bei­tern und Spe­zia­li­sten, Embar­go­po­li­tik im Bereich der Hochtechnologie.

Das hört sich alles ganz gut an, aber Buch über die unter Mühen erziel­ten öko­no­mi­schen Ergeb­nis­se führ­te das Sta­ti­sti­sche Amt der DDR, und deren Zah­len waren bekannt­lich mani­pu­liert und geschönt. Oder etwa nicht? Soll­ten sie gar die Rea­li­tät wider­ge­spie­gelt haben? Anschei­nend doch. Mit dem Anschluss der DDR hat­te das Sta­ti­sti­sche Bun­des­amt das Sta­ti­sti­sche Amt der DDR über­nom­men und des­sen Arbeits­wei­se und Daten­ma­te­ri­al einer Tie­fen­prü­fung unter­zo­gen. Sechs Mona­te spä­ter, Mit­te April 1991, gab der dama­li­ge Prä­si­dent des bun­des­deut­schen Amtes, Egon Höl­der, das Ergeb­nis die­ser Über­prü­fung bekannt: Zwar sei­en im Sta­ti­sti­schen Jahr­buch »mög­lichst nur posi­tiv ein­ge­schätz­te Ergeb­nis­se ver­öf­fent­licht« wor­den, aber, so wur­de fest­ge­stellt, die DDR-»Statistik zeich­ne­te im Wesent­li­chen die Rea­li­tät« nach. Lambs­dorff, Eppe­l­mann und Gleich­ge­sinn­te hat­ten das anschei­nend nicht mitbekommen.

Sei’s denn, wie hell hebt sich doch gegen­über den beschei­de­nen Ergeb­nis­sen von 40 Jah­ren ost­deut­scher soge­nann­ter Plan­wirt­schaft das glän­zen­de Resul­tat der Treu­hand­an­stalt ab. In nur vier Jah­ren, vom 1. Juli 1990 bis zum Mai 1994 wur­den 3495 volks­ei­ge­ne Betrie­be »abge­wickelt«, also geschlos­sen. Die Eigen­tü­mer der Betrie­be, die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger der DDR, wur­den ent­schä­di­gungs­los ent­eig­net. Die Zahl der Arbei­ter und Ange­stell­ten wur­de von 4,1 Mil­lio­nen auf 1,24 Mil­lio­nen redu­ziert. Der Indu­strie­staat DDR wur­de im gro­ßen Umfang deindu­stria­li­siert. Die Zeit­schrift metall, Organ der IG Metall, bezeich­ne­te das Super­ergeb­nis als »die wohl größ­te Ver­nich­tung von gesell­schaft­li­chem Reich­tum zu Frie­dens­zei­ten«. Diet­mar Bartsch, Co-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der Lin­ken, hat es dra­stisch for­mu­liert: »Die Treu­hand hat aus dem Osten einen 1-Euro-Laden gemacht. Und wer hat davon pro­fi­tiert? 85 Pro­zent der Unter­neh­men sind an west­deut­sche Inve­sto­ren gegan­gen, und nicht ein­mal die rest­li­chen 15 Pro­zent sind bei den Ossis geblie­ben, son­dern im Wesent­li­chen an aus­län­di­sche Inve­sto­ren gegan­gen.« Wenn das kei­ne Erfolgs­bi­lanz ist, was dann?

Alles was Recht ist, Ex-Finanz­mi­ni­ster Wai­gel ist vor­be­halt­los zuzu­stim­men, wenn er allen dankt, die inner­halb und außer­halb der Treu­hand­an­stalt ihre Pflicht und noch viel mehr getan haben. Das war »Hin­ga­be an unser Vater­land«. Oder wäre nicht prä­zi­ser zu sagen: Hin­ga­be an ein Gaunerstück?