Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Sangerhausen: Berg- und Rosenstadt

Vor ein paar Wochen gin­gen die Bil­der um die Welt: Schlan­ge ste­hen am Mount Ever­est. Wäh­rend eines Schön­wet­ter­fen­sters im Mai muss­ten meh­re­re hun­dert Berg­stei­ger lan­ge War­te­zei­ten in Kauf neh­men, um den höch­sten Gip­fel der Erde zu erklimmen.

Ganz so dra­ma­tisch wird das Gedrän­ge am 25. August an der Sang­er­häu­ser Abraum­hal­de »Hohe Lin­de« des ehe­ma­li­gen Tho­mas-Münt­zer-Schach­tes wohl nicht sein, trotz­dem wer­den vie­le Besu­cher sicher die Gele­gen­heit zu einem Gip­fel­sturm nut­zen. Zwei­mal im Jahr, im Mai und August, lädt der Sang­er­häu­ser Berg­ar­bei­ter­ver­ein zur Bestei­gung der 147 Meter hohen Spitz­ke­gel­hal­de ein, deren Betre­ten anson­sten aus Sicher­heits­grün­den ver­bo­ten ist. 147 Meter – das klingt nicht viel. Damit ist die Hal­de aber höher als die Che­ops-Pyra­mi­de. Dar­über hin­aus bedeckt sie eine Flä­che von 13 Hekt­ar, und ihr Gesamt­ge­wicht beträgt immer­hin rund 20 Mil­lio­nen Ton­nen. Der weit­hin sicht­ba­re Abraum­ke­gel ist ein Relikt der Sang­er­häu­ser Berg­bau­ge­schich­te. Über 800 Jah­re wur­de hier eine etwa 30 Zen­ti­me­ter star­ke Gesteins­schicht mit Kup­fer­schie­fer abge­baut. In einer von Kai­ser Hein­rich II. im Jah­re 1006 aus­ge­stell­ten Schen­kungs­ur­kun­de ist der Berg­bau in die­ser Regi­on erst­mals erwähnt. Die »Hohe Lin­de« ent­stand aber nur über den kur­zen Zeit­raum von 35 Jah­ren. Über eine 900 Meter lan­ge Seil­bahn wur­de das Abraum­ma­te­ri­al von der Schacht­an­la­ge hier her­trans­por­tiert und dann mit einem Höhen­för­de­rer auf dem Gip­fel abge­kippt. 1990 wur­de die Gewin­nung des Kup­fer­schie­fers im Tho­mas-Münt­zer-Schacht jedoch eingestellt.

Der Auf­stieg ist kein Zucker­schlecken, etwas Fit­ness soll­te man schon mit-brin­gen. Vor allem festes Schuh­werk, denn bei dem auf­ge­schüt­te­ten Mate­ri­al kann man leicht ins Rut­schen kom­men. Wegen des hohen Schwer­me­tall­ge­hal­tes des Gesteins ist die Hal­de weit­ge­hend vege­ta­ti­ons­los, so dass man sich an kei­nem Gestrüpp fest­hal­ten oder hoch­zie­hen kann. Von den Ver­eins­mit­glie­dern wird jedoch an den Besu­cher­ta­gen ein Siche­rungs­seil gespannt.

Außer Atem oben ange­kom­men, wird man für die Mühe ent­lohnt: ein wun­der­ba­rer Rund­blick auf die Stadt und die wei­te­re Umge­bung. Das Kyff­häu­ser-Denk­mal und die süd­li­chen Harz­gip­fel zum Grei­fen nahe. Außer­dem gibt es den begehr­ten Stem­pel in den Gip­fel­pass. Der Abstieg ist zwar weni­ger anstren­gend, dafür die Rutsch­ge­fahr aber grö­ßer. Unten kann man sich dann bei Bock­wurst und diver­sen Geträn­ken stärken.

Nicht ohne Grund hat Sang­erhau­sen den Bei­na­men Berg- und Rosen­stadt, denn mit dem Euro­pa-Rosa­ri­um, dem man unbe­dingt einen Besuch abstat­ten soll­te, besitzt die Stadt die größ­te Rosen­samm­lung der Welt. Mehr als 8500 Rosen­sor­ten und -arten wer­den hier gehegt und gepflegt. Über 80.000 Rosen­stöcke mit über 1.000.000 Blü­ten bil­den ein duf­ten­des Blü­ten­meer. Bereits im Mai begin­nen die Wild­ro­sen zu blü­hen. 500 Arten befin­den sich davon im Rosa­ri­um. Berühmt ist die ein­ma­li­ge Samm­lung von 850 Klet­ter­ro­sen, die zu Pyra­mi­den und Säu­len gebun­den dem Park ein groß­ar­ti­ges Aus­se­hen geben. Ab Juni setzt dann die Haupt­blü­te der Bee­tro­sen ein. Süße Düf­te und eine berücken­de Far­ben­pracht bezau­bern die Besu­cher bis zum Spät­herbst. Die Köni­gin der Blu­men hat in Sang­erhau­sen ihr eige­nes König­reich, das 2006 Auf­nah­me ins Guin­ness-Buch der Rekor­de fand.

1903 wur­de auf einer sanft hüge­li­gen Flä­che von 1,5 Hekt­ar anläss­lich des Deut­schen Rosen­kon­gres­ses das Rosa­ri­um eröff­net. Im Eröff­nungs­jahr konn­ten die 20.000 Besu­cher bereits über 2000 Rosen­ar­ten bewun­dern. In den Fol­ge­jah­ren stif­te­ten vie­le inter­na­tio­na­le Bota­ni­ker und Baum­schu­len zahl­rei­che sel­te­ne und histo­ri­sche Rosen­sor­ten, so dass die Samm­lung stän­dig wuchs und die Anla­ge kon­ti­nu­ier­lich erwei­tert wer­den muss­te. Durch ver­schie­de­ne Kunst­wer­ke und Was­ser­spie­le erhielt das Rosa­ri­um außer­dem ein roman­ti­sches Flair. In Vor­be­rei­tung auf das 100-jäh­ri­ge Jubi­lä­um ent­stan­den ein neu­er Haupt­ein­gangs­be­reich (mit Gastro­no­mie) und ein Jubi­lä­ums­gar­ten. 2008 wur­de dann die über­dach­te ROSENARENA errich­tet, wo regel­mä­ßig zahl­rei­che Ver­an­stal­tun­gen statt­fin­den – von »Rock in der Rosen­are­na« bis zur »Klas­sik­nacht«. Heu­te prä­sen­tiert sich das Euro­pa-Rosa­ri­um als Park­an­la­ge mit rund 300 sel­te­nen Baum- und Strauch­ar­ten; in die­se Kulis­se ist die Viel­falt und Schön­heit der Köni­gin der Blu­men ein­ge­bet­tet. Dar­un­ter sol­che Rari­tä­ten wie die »Grü­ne Rose« oder »Schwar­ze Rose«. Vie­le tra­gen auch den Namen von Per­sön­lich­kei­ten – von Uwe See­ler bis Stef­fi Graf oder von Kon­rad Ade­nau­er bis Hel­mut Kohl.

Nicht uner­wähnt blei­ben soll die drit­te Sang­er­häu­ser Sehens­wür­dig­keit: Das Speng­ler-Muse­um – benannt nach dem Tisch­ler­mei­ster und Hei­mat­for­scher Gustav Adolf Speng­ler (1869–1961) – beher­bergt das Ske­lett eines Alt­mam­muts (Mam­mut­hus tro­gen­the­rii). Das Tier leb­te im Eis­zeit­al­ter vor etwa 400.000 bis 500.000 Jah­ren. Das voll­stän­di­ge Ske­lett wur­de 1930 in einer Kies­gru­be bei Eders­le­ben ent­deckt und aus­ge­gra­ben. Jah­re­lang konn­ten nur Tei­le davon in Speng­lers Pri­vat­mu­se­um in sei­nem Wohn­haus besich­tigt wer­den. Erst 1952 wur­de am Bahn­hofs­platz ein ent­spre­chen­der Muse­ums­neu­bau (der erste Muse­ums­neu­bau der DDR) errich­tet, wo das Ske­lett kom­plett auf­ge­baut wer­den konn­te. In dem viel­sei­ti­gen Hei­mat­mu­se­um gibt es Aus­stel­lun­gen zur Ur- und Früh­ge­schich­te der Regi­on sowie zur Stadt­ge­schich­te. Seit ein paar Jah­ren hat hier auch der Sang­er­häu­ser Künst­ler Einar Schle­ef (1944–2001) mit einer klei­nen Dau­er­aus­stel­lung eine Heim­statt gefun­den, obwohl das einst skan­dal­um­wit­ter­te Mul­ti­ta­lent mit sei­ner Hei­mat­stadt eine Art krank­haf­ter Hass­lie­be ver­band. Nach Schle­efs Tod hat man sich zwar mit dem »ver­lo­re­nen Sohn« aus­ge­söhnt, doch den Bahn­hofs­platz in »Einar-Schle­ef-Platz« umzu­be­nen­nen, dazu konn­ten sich die Stadt­vä­ter in die­sem Jahr (zum 75. Schle­ef-Geburts­tag) nicht durchringen.