Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Marxismus, unorthodox wiederbelebt

Im Urlaub soll­te mensch sich erho­len und neue Kräf­te schöp­fen: sich erho­len von den Stra­pa­zen der aus­beu­te­ri­schen Lei­stungs­ge­sell­schaft, Kraft und Mut schöp­fen nicht zuletzt auch in poli­ti­scher, gei­stig-ideo­lo­gi­scher und theo­re­ti­scher Hin­sicht. Dazu eig­net sich vor­züg­lich die Lek­tü­re des neu her­aus­ge­ge­be­nen Buches »Pari­ser Medi­ta­tio­nen« des mar­xi­sti­schen Phi­lo­so­phen und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lers Tho­mas Met­scher. Der Band mit dem anspruchs­vol­len Unter­ti­tel »Zu einer Ästhe­tik der Befrei­ung« sorgt aus meh­re­ren Grün­den für eine ermu­ti­gen­de Lek­tü­re: Er greift zurück auf Fort­schritt­li­ches in der Geschich­te, gibt Ant­wor­ten auf vie­le Fra­gen der Gegen­wart, weist aber kei­ne durch­ge­hen­de syste­ma­ti­sche Stren­ge auf, die eine suk­zes­si­ve Lek­tü­re voraussetzt.

Was Letz­te­res betrifft, hat die Leser­schaft durch das aus­führ­li­che Inhalts­ver­zeich­nis genü­gend Anhalts­punk­te für die Ent­schei­dung, wel­cher der Buch­tei­le sie vor­ran­gig inter­es­siert, um die­sen ande­ren vor­zu­zie­hen und zuerst zu lesen. Es ist jeden­falls nicht zwin­gend, bei der Lek­tü­re vorn zu begin­nen und sich bis zum Ende durch­zu­mü­hen. Der Umfang von mehr als 500 Sei­ten soll­te des­halb von der Lek­tü­re nicht abschrecken. Abwechs­lungs­reich ist der Inhalt des Buches auch des­halb, weil der Autor unter­schied­li­che For­men der Refle­xi­on und des Schrei­bens ver­sam­melt: Werk­in­ter­pre­ta­tio­nen, lite­ra­tur- und kunst­hi­sto­ri­sche Skiz­zen, Kul­tur­kri­tik, ästhe­ti­sche Theo­rie, phi­lo­so­phi­sche Betrach­tun­gen, poli­ti­sche Theo­rie und Ana­ly­sen, nicht zuletzt auch Text­for­men an der Gren­ze zum Rei­se­be­richt und zum poe­ti­schen Aus­druck. Dadurch weist der Band eine Viel­falt und gro­ße Band­brei­te intel­lek­tu­el­ler Zugän­ge auf, ange­rei­chert um ein reich­hal­ti­ges Spek­trum theo­re­ti­scher Erkennt­nis­se aus mar­xi­sti­scher Sicht.

Geglie­dert ist das Werk in zehn Tei­le, begin­nend mit einem Besuch von Paris, der »Stadt der Revo­lu­tio­nen«. Anschlie­ßend ent­wickelt Met­scher, aus­ge­hend von der »Ästhe­tik des Wider­stands« bei Peter Weiss, sein Ver­ständ­nis einer mar­xi­sti­schen Ästhe­tik der Befrei­ung. Die fol­gen­den Tei­le unter­su­chen die revo­lu­tio­nä­ren Ele­men­te der Kün­ste im Zeit­al­ter des Epo­chen­um­bruchs vom 18. zum 19. Jahr­hun­dert. Am Bei­spiel von Goe­thes »Faust« stellt der Autor die umwäl­zen­den Wege in die Moder­ne dar. Es folgt ein Teil, der auf­zeigt, wie sich in Bil­dern der Land­schaft nicht nur ein kul­tu­rel­ler Ort und Spie­gel der See­le erken­nen lässt, son­dern auch kon­kret Uto­pi­sches im Sin­ne eines gesell­schaft­li­chen Zukunftsentwurfs.

Ein wei­te­rer Teil wid­met sich der ästhe­ti­schen Erkennt­nis­wei­se und Dia­lek­tik, aus­ge­hend von Lenins »Kon­spekt zu Hegels ›Wis­sen­schaft der Logik‹«. Dabei ent­wickelt Met­scher einen Kern­ge­dan­ken sei­nes theo­re­ti­schen Kon­zepts: die Gleich­wer­tig­keit und den inne­ren Zusam­men­hang phi­lo­so­phi­scher und ästhe­ti­scher Erkennt­nis. Aspek­te einer Theo­rie der Gegen­wart ent­wirft der Autor im dar­auf­fol­gen­den Kapi­tel, in dem sei­ne Gedan­ken um das Schick­sal des Mar­xis­mus krei­sen. Ange­sichts des kata­stro­pha­len Zusam­men­bruchs der sozia­li­stisch genann­ten Gesell­schaf­ten Ende der 1980er Jah­re wagt und lei­stet er eine trag­fä­hi­ge Rekon­struk­ti­on des Marx­schen Den­kens im Sin­ne einer Theo­rie der Befrei­ung. In den abschlie­ßen­den Tei­len ergänzt Met­scher sein theo­re­ti­sches Pro­gramm auf poe­tisch-sub­jek­ti­ve Wei­se und kehrt zurück zum ersten Teil des Ban­des: nach Paris, wo auf den Fried­hof Père-Lachai­se die Toten der Com­mu­ne ruhen.

Met­schers Pro­gram­ma­tik eines Den­kens in mar­xi­sti­scher Tra­di­ti­on fin­det ihren Aus­druck in der »Ent­wick­lung eines expe­ri­men­tel­len Den­kens, in dem die Kon­ven­tio­nen wis­sen­schaft­li­chen Schrei­bens, ja die fest­ge­leg­ten Gren­zen gei­sti­ger Arbeits­tei­lung über­schrit­ten wer­den« (S. 19). Je nach per­sön­li­chem Zugang und per­sön­li­cher Schwer­punkt­set­zung der Lesen­den erschließt sich für sie aus die­ser expe­ri­men­tel­len Grund­ein­stel­lung Schritt für Schritt und immer wie­der aufs Neue die Gedan­ken­füh­rung Met­schers und sein immenses Wis­sen über und aus Lite­ra­tur, Kunst und Phi­lo­so­phie. Eine intel­lek­tu­ell bele­ben­de und in die Tie­fe gehen­de Lek­tü­re, die in theo­re­ti­scher Hin­sicht Mut macht und Kraft verleiht!

Das Buch han­delt, kurz gesagt, von den Pro­ble­men histo­ri­scher Eman­zi­pa­ti­ons­pro­zes­se und dem immer noch gül­ti­gen Ver­spre­chen der Frei­heit. Es berei­chert auf anschau­li­che, erhel­len­de und beglücken­de Wei­se nicht zuletzt des­halb, weil sein Ver­fas­ser den Mar­xis­mus neu ent­deckt und unor­tho­dox wie­der­be­lebt als mate­ria­li­sti­sche Befrei­ungs­er­kennt­nis und dia­lek­ti­sche Durch­drin­gung der Wider­spruchs­struk­tur histo­ri­scher Pro­zes­se und der aktu­el­len poli­tisch-öko­no­mi­schen Rea­li­tät. Eine auf­bau­en­de Lek­tü­re – nicht nur in der Ferienzeit!

Tho­mas Met­scher: »Pari­ser Medi­ta­tio­nen. Zu einer Ästhe­tik der Befrei­ung«, Man­gro­ven Ver­lag, 536 Sei­ten, 30 €