Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Seele in neoliberalen Zeiten

Ver­ro­hung der Welt­po­li­tik: Der Prä­si­dent der füh­ren­den Welt­macht droht 80 Mil­lio­nen Men­schen die Aus­lö­schung an (Trump gegen Iran). Die EU lässt Tau­sen­de Flücht­lin­ge ertrin­ken, stellt die Daseins­vor­sor­ge dem Markt anheim und ver­wer­tet die Men­schen als Human­ka­pi­tal. In Tei­len der Gesell­schaft steigt der Hass­pe­gel. Was befeu­ert die geball­te Wucht der men­schen­feind­li­chen Impul­se und Taten? Viel­leicht dies: Die Pro­pa­gan­di­sten des »homo oeco­no­mic­us« haben geflis­sent­lich über­se­hen, dass der Mensch eine See­le hat.

Wie die mei­sten Krie­ge beginnt auch der Sie­ges­zug des Neo­li­be­ra­lis­mus mit einer Lüge. Weder führt die angeb­lich rei­ne Markt­ori­en­tie­rung (die aber stän­dig mas­si­ve Staats­ein­grif­fe bean­sprucht) zu einer gerech­ten Ver­tei­lung, noch bewirkt sie all­ge­mei­ne Zufrie­den­heit durch die Frei­heit von Angst und Unter­drückung. Eher schon den Sozi­al­ras­sis­mus, den der Staat durch »Nar­ra­ti­ve« zu ver­schlei­ern sucht. Der Neo­li­be­ra­lis­mus hat die Herr­schaft der Kon­zer­ne eta­bliert und von der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie nur noch eine Hül­le übrig gelas­sen. Aber die Fra­ge bleibt: Wie kommt eine pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Wirt­schafts­theo­rie in die Köp­fe und beein­flusst Den­ken, Füh­len und Verhalten?

Abwer­tung und Verachtung

Schau­en wir die Ent­wick­lung in den neu­en Bun­des­län­dern an. Die grund­ge­setz­lich gefor­der­te »Gleich­wer­tig­keit der Lebens­ver­hält­nis­se« bleibt auch nach 30 Jah­ren lee­res Ver­spre­chen – vom ver­lo­ge­nen Nar­ra­tiv der blü­hen­den Land­schaf­ten ganz zu schwei­gen. Gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung sind des­il­lu­sio­niert, die real exi­stie­ren­de Demo­kra­tie ver­liert an Über­zeu­gungs­kraft, was rech­te Dem­ago­gen für sich nut­zen. Der Hin­ter­grund: Vor 30 Jah­ren wur­de nicht die Wie­der­ver­ei­ni­gung gleich­be­rech­tig­ter Part­ner voll­zo­gen, son­dern die bru­ta­le Über­nah­me eines Staa­tes, die Deindu­stria­li­sie­rung, hohe Arbeits­lo­sig­keit und Abbau öffent­li­cher Dienst­lei­stun­gen bewirk­te und zur Abwan­de­rung von 1,2 Mil­lio­nen Men­schen führ­te. Die Bevöl­ke­rung (1989: gut 16 Mil­lio­nen) ist in 25 Jah­ren um 2,3 Mil­lio­nen geschrumpft.

Die Bewoh­ner erleb­ten eine kras­se Abwer­tung durch die Arro­ganz der neu­en west­li­chen Eli­te, die sozi­al­ras­si­sti­sche Züge annahm. Die­se ver­let­zen­de Über­heb­lich­keit wird aber auch in dem »Lob« von Ex-Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck spür­bar: »Kei­ner hat ihnen [den Ost­deut­schen] bei­gebracht, eigen­stän­dig zu den­ken, und trotz­dem sind sie Jour­na­li­sten und Autoren gewor­den« (BNN, 24.7.2019). Die Sozio­lo­gin Yana Milev beschreibt eine »kul­tur­ko­lo­nia­le Domi­nanz« der West­deut­schen, die zu einer Ent­wer­tung der Lebens­lei­stung der Ost­deut­schen führ­te (jun­ge Welt, 24.7.2019). Wäh­rend vor der Über­nah­me ein Gemein­schafts­ge­fühl und ein kol­lek­ti­ves Selbst­be­wusst­sein die Men­schen ver­bun­den habe, bewirk­te der poli­ti­sche Umschwung einen irrepa­ra­blen Ver­trau­ens­bruch im Namen der Demo­kra­tie und Gefüh­le von Aus­gren­zung und Zurück­set­zung – getoppt durch den Spott über die undank­ba­ren Jam­mer-Ossis. Die Wirt­schaft wur­de gezielt zer­stört – und den Men­schen eine trau­ma­ti­sche Erfah­rung zugefügt.

Ein ande­res Bei­spiel: Eine Flut von Hass­mails, Mord­dro­hun­gen per Face­book, eine rech­te Hass­wel­le über­rollt Bür­ger­recht­ler, Flücht­lings­hel­fer, kri­ti­sche Jour­na­li­sten und auch Kom­mu­nal­po­li­ti­ker. Begün­stigt durch Anony­mi­tät und tech­ni­sche Ver­brei­tung über­bie­ten sich die Autoren der pri­mi­ti­ven Mails in ihren bru­ta­len Gewalt­phan­ta­sien; die Betrof­fe­nen sind ihnen meist wehr­los aus­ge­setzt. Drückt sich hier eine in der Gesell­schaft ver­brei­te­te Stim­mung als Sym­ptom einer »ent­hemm­ten Mit­te« aus, wie sie die Leip­zi­ger »Mitte«-Studie beschrie­ben hat? Besteht womög­lich ein Zusam­men­hang zum Men­schen- und Gesell­schafts­bild der neo­li­be­ra­len Ideo­lo­gie, wie er in der Lang­zeit­stu­die »Deut­sche Zustän­de« (Wil­helm Heit­mey­er et al.) kon­sta­tiert wurde?

Ent­wer­tung, Ent­hem­mung, Entleerung

Der Sie­ges­zug des Neo­li­be­ra­lis­mus ver­dankt sich mit­nich­ten dem über­zeu­gen­den wirt­schaft­li­chen Erfolg: Er bewirk­te welt­weit wach­sen­de sozia­le Ungleich­heit, bedroh­li­che Kri­sen, Zer­fall der Daseins­vor­sor­ge und der Infra­struk­tur. Der tota­le (und tota­li­tä­re) »Erfolg« grün­det viel­mehr dar­auf, dass er der Macht­eli­te eine schein­wis­sen­schaft­li­che Legi­ti­ma­ti­on zum rück­sichts­lo­sen Ego­is­mus lie­fer­te. Die­ser sei in der mensch­li­chen Natur ver­an­kert; nur ein radi­kal frei­er Markt stel­le eine hier­ar­chi­sche Ord­nung her, von der dann alle pro­fi­tie­ren wür­den. Die­se angeb­lich alter­na­tiv­lo­se men­schen­feind­li­che Ideo­lo­gie grif­fen die Macher an den Schalt­he­beln der Macht begie­rig auf; es folg­ten die Raub­zü­ge, in deren Ver­lauf die Bevöl­ke­rung allent­hal­ben aus­ge­beu­tet, das gemein­schaft­li­che Ver­mö­gen ent­eig­net und die super­rei­chen Olig­ar­chen mit neu­en Mil­li­ar­den und poli­ti­scher Macht aus­ge­stat­tet wurden.

Der Neo­li­be­ra­lis­mus kennt kei­ne Moral außer der Frei­heit des Mark­tes, er ist aso­zi­al aus Über­zeu­gung und pre­digt den Sozi­al­dar­wi­nis­mus: Die Sie­ger haben das Recht, sich alles anzu­eig­nen, die Ver­lie­rer ver­die­nen kein Mit­leid, und sozia­le Absi­che­rung stört nur die natür­li­che Aus­le­se. Empa­thie­lo­sig­keit ist die neue Moral, und der Mensch gilt genau­so als Ware auf dem Markt wie alles ande­re auch. War die­se Hal­tung schon vor­her laten­te Grund­la­ge kapi­ta­li­sti­scher Wirt­schafts­wei­se, so wur­de sie jetzt Gesetz. Ein gna­den­lo­ser Erfolgs­druck zwingt Poli­ti­ker und Bür­ger, sich gut zu ver­kau­fen und über­zeu­gend zu lügen, ohne schlech­tes Gewis­sen. Seit der Umset­zung die­ser Ideo­lo­gie in den füh­ren­den west­li­chen Län­dern durch die Regie­run­gen Rea­gan, That­cher und Schrö­der gilt die radi­ka­le Leh­re als Staats­dok­trin; sie begrün­de­te die Agen­da 2010 eben­so wie impe­ria­le Krie­ge, kras­se Berei­che­rung durch Steu­er­ge­set­ze und -ver­bre­chen und die Zer­set­zung des Völ­ker­rechts und der Menschenrechte.

Die neu­en Nor­men rück­sichts­lo­ser Kon­kur­renz und Selb­st­op­ti­mie­rung fan­den Ver­brei­tung; die neo­li­be­ra­le Poli­tik hat nicht nur die Wirt­schaft und die Schutz­ge­set­ze dere­gu­liert, son­dern auch das sozia­le Zusam­men­le­ben. Für Erfolg ist alles erlaubt. Nied­rig­lohn, pre­kä­re Arbeits­ver­hält­nis­se, Pri­va­ti­sie­rung und neo­ko­lo­nia­le Krie­ge um Roh­stof­fe fan­den ihre Ent­spre­chung im Pri­va­ten in Form kras­ser Ent­hem­mung (zum Bei­spiel Hass­mails), radi­ka­ler Ent­wer­tung (von Arbeits­lo­sen, Flücht­lin­gen, Min­der­hei­ten) und einer Ent­lee­rung von »Wahr­heit«: Nar­ra­ti­ve der Poli­tik und auf Mani­pu­la­ti­on zie­len­de Wort­hül­sen wol­len Emo­tio­nen wecken und Mei­nun­gen beein­flus­sen, unab­hän­gig von ihrem Wahr­heits­ge­halt. Die Men­schen sind von klein auf der Bear­bei­tung für wirt­schaft­li­che wie poli­ti­sche Inter­es­sen aus­ge­setzt. Deren Ziel ist nicht Auf­klä­rung über Fak­ten und Zusam­men­hän­ge. Kaum jemand ver­mag sich gegen die all­ge­gen­wär­ti­ge Mani­pu­la­ti­on zu wehren.

Angst und Aggression

Jeder Mensch kennt Gefüh­le wie Wut und Anti­pa­thie, durch­aus auch aggres­si­ve Impul­se. Es ist ein Ergeb­nis gelun­ge­ner Sozia­li­sa­ti­on, die­se Impul­se kon­trol­lie­ren zu kön­nen. Jetzt gilt aber die Norm, sol­che Impul­se aus­zu­le­ben – und sei es nur, um wahr­ge­nom­men zu wer­den, auf­zu­fal­len und sich als stark erle­ben zu kön­nen (übri­gens auch an der Spit­ze vie­ler Staa­ten). Die von der Poli­tik ver­mit­tel­te Abwer­tung und Ver­ach­tung der Mit­mensch­lich­keit darf wei­ter­ge­ge­ben wer­den: Es gibt Min­der­wer­ti­ge, und das wird man doch noch sagen dür­fen. Und was mit Ver­lie­rern und Opfern pas­siert, das zeigt das Agie­ren der USA und der EU Armen, Flücht­lin­gen, Kri­ti­kern oder »Kolo­ni­sier­ten« gegenüber.

Res­sen­ti­ments und wach­sen­de Hass- und Gewalt­be­reit­schaft sind Sym­pto­me einer kran­ken Gesell­schaft. Die gna­den­lo­se Kon­kur­renz und Selb­st­op­ti­mie­rung kosten Kraft, sie wir­ken als chro­ni­scher Stress, und sie haben ihren Preis – sowohl bei den »Min­der­lei­stern« als auch bei den »Sie­gern«: Die Zahl see­lisch Über­for­der­ter steigt. Die Bun­des­zen­tra­le für gesund­heit­li­che Auf­klä­rung berich­tet, jedes fünf­te Kind und jeder drit­te Jugend­li­che kla­ge über Kopf­schmer­zen. Laut Deut­scher Gesell­schaft für sozia­le Psych­ia­trie ver­schrei­ben Ärz­te der­zeit sie­ben­mal so viel Anti­de­pres­si­va wie noch 1991. Auch die mate­ri­ell abge­si­cher­te Mit­tel­schicht ver­spürt Angst, kann sie aber »kul­ti­vier­ter« in Aggres­si­on umzu­set­zen als die Abge­häng­ten. Als mate­ria­li­sier­tes Sym­bol dafür kann die Ver­stop­fung der Stra­ßen durch hoch­ge­rü­ste­te SUVs gel­ten, mit kli­ma­schäd­li­chem Ver­brauch und Auto­ma­ßen, die eine Ver­grö­ße­rung der Park­plät­ze erzwin­gen. Die nicht immer bewusst erleb­te Angst durch all­ge­gen­wär­ti­gen Wett­be­werb wird in der SUV-Festung gemil­dert und kann in aggres­si­ves Potenz­ge­ha­be umge­setzt wer­den – in Form eines Fahr­zeugs, das jeden Klein­wa­gen platt­ma­chen kann, wie die Unfall­sta­ti­sti­ken zeigen.

Poli­tik und Kon­zern­herr­schaft haben nicht nur die Tarif­ver­trä­ge aus­ge­höhlt, son­dern auch die Demo­kra­tie. Die Staats­bür­ger, von denen alle Macht aus­ge­hen soll­te, haben nichts zu mel­den gegen­über der unkon­trol­lier­ten Herr­schaft glo­ba­ler Kon­zer­ne; sie wis­sen und spü­ren es, emp­fin­den die Ohn­macht und reagie­ren auf die Ver­ach­tung sei­tens der Poli­tik, ihre Degra­die­rung zu Kun­den und Ver­brau­chern und Ent­wer­tung zu Arbeits­kräf­ten mit Aggres­si­on oder Angst. Der kapi­ta­li­sti­sche Staat weiß die­se Angst zu nut­zen, denn ängst­li­che Men­schen las­sen sich bes­ser len­ken, begeh­ren nicht auf und nei­gen zu Aggres­si­on gegen Schwa­che und nicht gegen die­je­ni­gen, die ihr Leid ver­ur­sa­chen; eine Grund­la­ge für den auto­ri­tä­ren Staat. Die Macht­eli­te ent­wickelt ein umfang­rei­ches Reper­toire an Metho­den der Angst­er­zeu­gung und Mani­pu­la­ti­on, etwa durch Fein­bil­der oder sozia­len Aus­schluss. Die begrün­de­te Real­angst ver­wan­delt sich in »Bin­nen­angst«, die schein­bar kei­ne Ver­bin­dung hat zu den Anläs­sen: eine zen­tra­le Herr­schafts­tech­nik, wie Rai­ner Maus­feld in »Angst und Macht« (Westend Ver­lag, 2019) zeigt.

Es gibt see­li­sche Grund­be­dürf­nis­se. Als deren wich­tig­ste gel­ten das Bedürf­nis nach Selbst­be­stim­mung, also der Wunsch, die Kon­trol­le über das eige­ne Leben zu behal­ten; wei­ter­hin das Bedürf­nis nach Aner­ken­nung, als Mensch wert­ge­schätzt zu sein, und schließ­lich der Wunsch nach sozia­ler Ein­ge­bun­den­heit. Genau die­se essen­ti­el­len, tief in der See­le ver­an­ker­ten Sehn­süch­te zer­stört der Neo­li­be­ra­lis­mus und sucht sie durch Kon­sum und/​oder Angst zu erset­zen. Er ver­ach­tet Empa­thie und Soli­da­ri­tät, macht damit die See­le und die Gesell­schaft krank. Sein »Allein­stel­lungs­merk­mal« ist aso­zi­al und ras­si­stisch. Wider­stand gegen die­se tota­li­tä­re Herr­schaft dient der Bewah­rung der Würde.