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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Dienstreiserisiken

Mei­ne Pro­fes­si­on bringt es mit sich, zuwei­len in frem­den Bet­ten zu schla­fen und frem­de Bäder zu benut­zen. Ich schnarch­te bereits auf fünf Kon­ti­nen­ten und stand dort unter diver­sen Duschen. Gele­gent­lich glitt ich unter der Brau­se aus, ohne ernst­haft zu Fall zu kom­men, gott­lob. Doch die Furcht war mein stän­di­ger Beglei­ter, dem ich ein­mal – wür­de ich Zeit zum Schrei­ben fin­den – lite­ra­risch den Gar­aus zu machen hoff­te. Das Buch soll­te hei­ßen: »Die Angst des enga­gier­ten Dienst­rei­sen­den vor einem unbe­ab­sich­tig­ten Sturz aus einer zu hohen Dusch­tas­se«. Wer jemals in höhe­rem Auf­trag unter­wegs war, kennt gewiss die Sor­ge zu schei­tern. Und wenn dies auch noch unter der­art miss­li­chen Umstän­den geschah, bekam man es anschlie­ßend mit den stirn­run­zeln­den Vor­wür­fen des Vor­ge­setz­ten und dem höh­ni­schen Gespött der Kol­le­gen zu tun. Die­se See­len­qual woll­te ich, mit einem gewis­sen Anflug von Iro­nie, in die­sem Buch aus­brei­ten. Auch die DDR soll­te dar­in vor­kom­men. Schließ­lich sah man sich schon aus Devi­sen­grün­den ver­an­lasst, die preis­gün­stig­sten Abstei­gen zu wäh­len und konn­te dar­um eini­ges erzäh­len. Nicht nur von glit­schi­gen Dusch­tas­sen, son­dern auch von ande­ren schlüpf­ri­gen Din­gen. So besuch­te ich bei­spiels­wei­se in den frü­hen acht­zi­ger Jah­ren eine Peep­show in Stutt­gart. Die­se Ein­rich­tun­gen hat­ten soeben den Gel­tungs­be­reich des Grund­ge­set­zes erreicht, und mich trieb jour­na­li­sti­sche Neu­gier zur Inve­sti­ti­on von einer D-Mark mei­nes beschei­de­nen Tages­gel­des. Ich ver­ließ als­bald gelang­weilt den Platz an der Klap­pe, den dank­bar ein hin­ter mir war­ten­der Schwa­be in fei­nem Zwirn besetz­te, wel­cher offen­kun­dig hier sei­nen Nach­tisch zum Lunch mit den Augen ein­zu­neh­men wünsch­te und nun spa­ren konnte.

Das monat­li­che Akt­fo­to in unse­rem Maga­zin fand ich erheb­lich interessanter.

Davon erzähl­te ich nach mei­ner Rück­kehr in der Redak­ti­on und erzeug­te mit dem Bericht schen­kel­klop­fen­de Hei­ter­keit bei den Kol­le­gen. Der bei­sit­zen­de Stell­ver­tre­ter des Chef­re­dak­teurs amü­sier­te sich nicht min­der, was ihn jedoch nicht davon abhielt, mich Minu­ten spä­ter in sein Büro zu rufen, um mich zu tadeln. Die Arbei­ter­klas­se erwirt­schaf­te im Schwei­ße ihres Ange­sichts und im sozia­li­sti­schen Wett­be­werb müh­sam die Devi­sen für unser Land, auch damit ich auf Dienst­rei­se geschickt wer­den kön­ne, und was mache ich? Ich wür­de das Geld für solch einen Schund aus­ge­ben. Eine D-Mark, woll­te ich ein­wen­den, doch unter­ließ es: Der mein­te das ernst, was er mir an den Kopf warf. (Spä­ter fand ich doch tat­säch­lich dar­über eine Notiz in mei­ner Kader­ak­te. Ich besä­ße noch nicht die mora­li­sche Rei­fe für Rei­sen ins NSW und soll­te dar­um für­der­hin nicht mehr in die­sen Teil der Welt rei­sen, schrieb eben jener Mann, der dafür bekannt war, sich – obwohl ver­hei­ra­tet – für jün­ge­re Kol­le­gin­nen aus der Redak­ti­on zu inter­es­sie­ren. Nun ja, dies geschah auf dem Boden unse­res Lan­des und eben nicht im nicht­so­zia­li­sti­schen Wirt­schafts­ge­biet. Aber auch das war die DDR, wes­halb ich sie lieb­te: Oft ver­hall­te, wie auch in mei­nem Fal­le, das Gequa­ke von Pha­ri­sä­ern ohne jedes mess­ba­re Echo.

Auf der­lei histo­ri­sche Abschwei­fun­gen wäre ich also auch zu schrei­ben gekom­men, wodurch mei­ne – hof­fent­lich lau­ni­gen – Geschicht­chen punk­tu­ell auch einen auf­klä­re­ri­schen Zug erhal­ten soll­ten. Doch der Ver­lag wink­te ab. Der Titel sei zu lang. Das war noch bevor Jonas Jonas­sons Welt­best­sel­ler »Der Hun­dert­jäh­ri­ge, der aus dem Fen­ster stieg und ver­schwand« erschie­nen war. Danach gab es eine Infla­ti­on ellen­lan­ger Buch­ti­tel. Da aber hat­te ich Wich­ti­ge­res zu Papier zu brin­gen als Bana­les aus Bade­zim­mern zu berich­ten, wor­an sich bis dato eigent­lich kaum etwas geän­dert hat.

An das Vor­ha­ben wur­de ich aller­dings jüngst erin­nert, als ich in einem Hotel auf Use­dom abstieg. Ich sah die Bau­gru­be und spä­ter den Roh­bau, die fei­er­li­che Eröff­nung im Früh­jahr hat­te der Lock­down zunich­te gemacht. Nun gehör­te ich zufäl­lig zu jenen sech­zig Pro­zent, die nach der Locke­rung mit Mund­schutz ein­checken und das Haus ent­decken durf­ten. 40 Pro­zent der Bet­ten müs­sen laut Vor­schrift unbe­rührt blei­ben. Alles schick, alles neu, alles desi­gned und gestylt. Das Bad: ohne Dusch­tas­se, wie inzwi­schen üblich, und die Glas­tür mit Lotos­ef­fekt, was gewiss das mehr­heit­lich aus Polen stam­men­de Per­so­nal erfreu­te. Die hüb­schen Mäd­chen hat­ten nichts zu polie­ren. Der ein­zi­ge Makel war das hän­gen­de Toi­let­ten­becken. Die Füße schweb­ten über dem Flie­sen­bo­den, die Schüs­sel war min­de­stens zwan­zig Zen­ti­me­ter zu hoch ange­bracht. Es war der höch­ste Thron, den ich jemals erobert hat­te. Pas­send viel­leicht für Men­schen mit einer Kör­per­grö­ße von 185 Zen­ti­me­tern und dar­über. Ich gehör­te spür­bar nicht zu die­ser Spezies.

Nein, die Becken hin­gen in allen Bädern in der glei­chen Höhe, ver­nahm ich bedau­ernd an der Rezep­ti­on auf mei­ne Bit­te nach einer nied­ri­ge­ren Alter­na­ti­ve. Ich sei aller­dings nicht der erste Gast, dem die Bei­ne an eben jenem Orte ein­ge­schla­fen sei­en und der sich dar­über bereits bit­ter beklagt habe, lächel­te die Dame hin­term Mundschutz.

Mir kam ein glei­cher­ma­ßen abwe­gi­ger wie logi­scher Gedan­ke. Das Haus befand sich in Pri­vat­be­sitz und hat­te also einen Bauherrn.

»Sagen Sie mal«, erkun­dig­te ich mich, »wie groß ist Ihr Chef?«

»Zwei Meter und sie­ben«, kam die Ant­wort. »Wie­so?«

Da war mir alles klar.