Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Dracula: Vor- und andere Urteile

Ist Ihnen schon mal auf­ge­fal­len, wie streng unse­re ver­öf­fent­lich­te Mei­nung mit nahen und fer­nen Nach­barn ver­fährt? Über Russ­land wol­len wir gleich schwei­gen – aber auch die EU-Nach­barn wer­den ein­ge­teilt: Vor allem unser süd­li­cher Hin­ter­hof – der beginnt in der Slo­wa­kei – ist bestech­lich, kor­rum­piert, hat eine grau­en­vol­le (kom­mu­ni­sti­sche) Geschich­te hin­ter sich und eine Zukunft vor sich, die nur dank deut­scher Finan­zen garan­tiert sein könnte.

Rumä­ni­en ist ein Para­de­bei­spiel für ger­ma­ni­sche Unkennt­nis – die sich bereits im bie­de­ren Kri­mi zeigt. Da wer­den in Jut­ta Mehlers »Mord mit Nuss­kro­kant«, einer sich zäh hin­zie­hen­den Geschich­te mit älte­ren Damen, gleich zu Beginn alle übli­chen Kli­schees bedient. Rumä­ni­en war unter Ceauşes­cu ein schlim­me­res Gefäng­nis als jede afri­ka­ni­sche Dik­ta­tur. Die Schul­lek­tü­re bra­ver west­deut­scher Mädels – Orwells 1984 – sei ein Nichts gewe­sen gegen die Ver­fol­gung der dort seit Jahr­hun­der­ten ansäs­si­gen Deut­schen. Erst die demo­kra­ti­schen Pflänz­chen ab 1990 erlau­ben wie­der deut­sche Schu­len … Dass Ceauşes­cu in den 1960ern gehu­delt und gelobt wur­de vom guten Westen, weiß man nicht mehr. Auch dass man in Tei­len Rumä­ni­ens wäh­rend der kom­mu­ni­sti­schen Nacht vom Kin­der­gar­ten bis zur Uni­ver­si­tät alle Bil­dung in deut­scher Mut­ter­spra­che absol­vie­ren konn­te – darf eigent­lich nicht gewe­sen sein.

Dabei war gera­de die rumä­ni­en­deut­sche Lite­ra­tur von einer so erstaun­li­chen Blü­te ab den 1970ern, dass die bun­des­deut­sche Lite­ra­tur bis heu­te davon zeh­ren kann. Ein Bei­spiel, wie wider­sprüch­lich in die­sem Bal­kan-Kom­mu­nis­mus die Kunst leb­te und auf­leb­te, hat Horst Sam­son (*1954) mit sei­nem Band »Hei­mat als Ver­su­chung – Das nack­te Leben« gelie­fert. Sam­son, gebo­ren in der Bără­gan-Step­pe wegen Depor­ta­ti­on der Eltern, nach Stu­di­um Redak­teur der (deutsch­spra­chi­gen) Neu­en Bana­ter Zei­tung und der Neu­en Lite­ra­tur, war unter ande­rem Sekre­tär des »Adam-Mül­ler-Gut­ten­brunn-Krei­ses«, erhielt auch Lite­ra­tur­prei­se in Rumä­ni­en. Sei­ne Aus­rei­se 1987 nach Deutsch­land war erzwun­gen; sei­ne bereits in Rumä­ni­en geschrie­be­nen Tex­te sind gül­tig bis heu­te. Nichts wird beschö­nigt von Secu­ri­ta­te-Gräu­eln bis Zen­sur – aber das rumä­ni­en­deut­sche Kul­tur­le­ben bestand eben nicht nur aus jenen Kli­schees, die für das deut­sche Volk im Kri­mi, in der Tages­zei­tung und im all­ge­mei­nen Bewusst­sein reser­viert sind: Kei­ne Kul­tur da unten, nur Bestechung, Kor­rup­ti­on und natür­lich tra­di­tio­nel­le Blutsaugerei.

Jut­ta Mehl­er: »Mord mit Nuss­kro­kant«, Emons Ver­lag, 272 Sei­ten, 11,90 €; Horst Sam­son: »Hei­mat als Ver­su­chung – Das nack­te Leben: lite­ra­ri­sches Lese­buch – Gedich­te, Pro­sa, Kri­ti­ken, Inter­views«, Pop-Ver­lag, 486 Sei­ten, 24,50 €