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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Drei oder vier Ringe

Gott­hold Ephra­im Les­sing war mal Eigen­tü­mer. Nicht der näm­li­che, son­dern der Sohn des Goß­nef­fen des Autors von »Nathan, der Wei­se«. Die­ser Groß­nef­fe hieß Carl Robert L. und war der Her­aus­ge­ber der Vos­si­schen Zei­tung. Er konn­te sich das Barock­schloss 1885 lei­sten und sei­nem Sohn Gott­hold Ephra­im Les­sing schen­ken. Viel­leicht, weil einer sei­ner Autoren Fon­ta­ne hieß. Gott­hold Ephra­im II., Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter der Frei­sin­ni­gen und Erbe des Mese­ber­ger Schlos­ses, starb 1919 kin­der­los, die Wit­we ver­äu­ßer­te das Anwe­sen 1934. An Gott­hold Les­sing, den Jün­ge­ren, und sei­ne Anna erin­nert ein Mau­so­le­um und ein Stein im Park, der drei Rin­ge auf­weist: Nathans Meta­pher für inter­kul­tu­rel­le Tole­ranz von Chri­sten­tum, Juden­tum und Islam.

Vor dem gel­ben Schloss steht ein Auto­mo­bil mit vier Rin­gen. Die Neu­gie­ri­gen – die mei­sten Auto­kenn­zei­chen auf dem Park­platz begin­nen mit B – bestau­nen die Regie­rungs­li­mou­si­ne vor dem roten Tep­pich, der über die Stu­fen aus Sand­stein ins Foy­er führt, als hät­ten sie noch nie einen schwar­zen Audi gese­hen. Auf der Wie­se dane­ben war­tet ein Hub­schrau­ber. Ob er das dort immer tut, ist nicht zu erfah­ren, wohl aber der publi­zi­sti­sche Unmut, dass der Unter­halt des Gäste­hau­ses der Regie­rung zu teu­er kom­me. Im Jahr kostet es weit über eine Mil­li­on Euro, nicht gerech­net die Mil­lio­nen für die Siche­rungs-Auf­wen­dun­gen durch die Bun­des­po­li­zei. Der gan­ze Auf­wand loh­ne sich nicht, wenn – sta­ti­stisch gese­hen – nur alle 45 Tage jemand vor­bei­schaue: ein Staats­gast, die Kanz­le­rin oder die Mini­ster zur Kabi­netts­klau­sur, lau­tet der zag­haft erho­be­ne Vorwurf.

Nur ein­mal im Jahr füllt sich das Haus in Mese­berg, gele­gen kurz vor Gran­see und neben der B 96, näm­lich am Tag des offe­nen Schlos­ses. Voll wird eigent­lich nur das erste Geschoss, denn zum zwei­ten darf kei­ner hin­auf. So folgt man auf scho­nen­den Gum­mi­läu­fern der vor­ge­zeich­ne­ten Rou­te, wahl­wei­se begin­nend im Emp­fangs­sa­lon West oder im Emp­fangs­sa­lon Ost. Die Blicke des uni­for­mier­ten Per­so­nals sind nicht ganz so streng wie am Ein­gang, wo jeder Besu­cher inten­si­ver noch als auf dem Air­port einen Sicher­heits­check mit Lei­bes­vi­si­ta­ti­on über sich erge­hen las­sen muss. Wer, wie ich, eine Kame­ra mit sich führt, muss bewei­sen, dass die­se wirk­lich und aus­schließ­lich zum Foto­gra­fie­ren tauge.

Die Innen­räu­me glei­chen einem Muse­um, wes­halb man sich nicht über die anti­quier­te Poli­tik wun­dern muss, die bis­wei­len von hier aus­geht. Gemäl­de, Lüster, Tape­ten, Stüh­le und Spie­gel: Die Mes­ser­schmitt-Stif­tung, die dem Ver­neh­men nach für die Restau­rie­rung des Hau­ses 25 Mil­lio­nen aus­gab, hat auch bei der Aus­stat­tung nicht geknau­sert. Das stil­ech­te Mobi­li­ar wur­de auf Auk­tio­nen erstei­gert oder, wie etwa eini­ge Stuhl­be­zü­ge, in Chi­na nach ori­gi­na­ler Vor­la­ge »nach­ge­webt«.

Nur in der win­zi­gen Biblio­thek ste­hen in einem klei­nen Bücher­schrank Erzeug­nis­se jün­ge­ren Datums: sie­ben Bän­de der Gro­ßen Bran­den­bur­ger Aus­ga­be des Auf­bau Ver­la­ges mit Fon­ta­nes Wer­ken. Das muss nicht über­ra­schen. Eher schon, dass sich dort auch Rus­sen wie Tur­gen­jew und Dosto­jew­ski fin­den. Wel­cher Poli­ti­ker wür­de hier in länd­li­cher Idyl­le vorm Ein­schla­fen »Der Idi­ot« lesen wollen?

Über den Gar­ten­saal gelangt man hin­aus in den sym­me­trisch ange­leg­ten Gar­ten. Der Blick geht auf den Huwenow­see, aus dem eine Pum­pe unab­läs­sig Was­ser in die Höhe schießt, und hin­über zum Gar­ten­pa­vil­lon. Es ist ein ange­neh­mes Fla­nie­ren, igno­riert man die Kame­ras, die jeden Schritt ver­fol­gen. Sie ste­hen oder hän­gen an der Umzäu­nung in weni­gen Metern Abstand. Drei­zehn Mil­lio­nen habe man in Kon­fe­renz- und Sicher­heits­tech­nik inve­stiert, heißt es. Nun ja, was hat­te man sich einst über Wand­litz in den Medi­en mokiert …

Mit­ten in der 150-See­len-Gemein­de erhebt sich die Dorf­kir­che, deren Besuch aus ver­schie­de­nen Grün­den lohnt. Ein Anlass ist die Kan­zel­uhr am Altar, die dem Pastor anzeig­te, gemäß der Vor­ga­be des Schloss­herrn beim täg­li­chen Got­tes­dienst nicht län­ger als eine Stun­de zu pre­di­gen, damit den Knech­ten und Mäg­den durch die Andacht nicht zu viel wert­vol­le Arbeits­zeit genom­men wur­de. Und ein zwei­ter Grund ist ein Rie­sen­bild von 1588, wel­ches einem Schü­ler von Lucas Cra­nach zuge­schrie­ben wird. Das mehr als fünf­zehn Qua­drat­me­ter gro­ße Ölge­mäl­de zeigt Lud­wig und Anna von der Groe­ben mit ihren 17 Kin­dern. Es ist das größ­te Votiv­bild in Deutschland.

Das Gra­fen­ge­schlecht von der Groe­ben, über zwei­hun­dert Jah­re Eigen­tü­mer von Mese­berg, gehört zu den älte­sten Adels­häu­sern in Bran­den­burg. Aktu­ell leben noch etwa acht­zig Nach­fah­ren, von denen zumin­dest eini­ge die Restau­rie­rung des Wer­kes mit einer fami­li­en­ei­ge­nen Stif­tung unter­stüt­zen. Auch jene kul­ti­vier­te, unauf­fäl­li­ge Dame jen­seits der sieb­zig, die zufäl­lig auf der Bank neben mir beim Orgel­kon­zert Platz genom­men hat. Ohne Titel, wie sie betont, als sie sich outet. Ande­re Ver­wand­te sei­en da tra­di­ti­ons­be­wuss­ter, etwa Ulri­ke Grä­fin von der G., die seit nun­mehr drei­ßig Jah­ren bei RTL in Köln arbei­te und den Sport ansa­ge. Sie selbst lebe in Ber­lin und bewoh­ne in Mese­berg einen Bau­ern­hof. Back to the roots. Obgleich: Ihre Her­kunft sieht man ihr jeden­falls nicht an. Drei Rin­ge ste­hen ihr ver­mut­lich näher als vier. Das Schloss hat sie zum letz­ten Mal vor der Restau­rie­rung von innen gesehen.