Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Monatsrückblick: Schön und nobel

»Nichts ist schö­ner und nobler, als Frei­heit und Demo­kra­tie zu ver­tei­di­gen in dem Land, in dem Frei­heit und Demo­kra­tie erfun­den wur­den«, fin­det US-Außen­mi­ni­ster Mike Pom­peo ange­sichts der mili­tä­ri­schen Prä­senz der USA in Grie­chen­land. Schön und nobel? »Das öst­li­che Mit­tel­meer ent­wickelt sich zur am stärk­sten mili­ta­ri­sier­ten Zone der Welt«, sag­te US-Admi­ral James Fog­go, Chef der US-See­streit­kräf­te in Euro­pa und Afri­ka beim Som­mer­se­mi­nar des Inter­na­tio­na­len Insti­tuts für Stra­te­gi­sche Stu­di­en in Lon­don. (maz, 13.8.20)

Vor Kre­ta ope­rier­te Anfang August der Flug­zeug­trä­ger »Eisen­ho­wer«, ein Lang­strecken­bom­ber B-52 lan­de­te auf der Insel, wie auch diver­se senk­recht star­ten­de Flug­zeu­ge vom Typ »Fisch­ad­ler«, geeig­net für gehei­me Son­der­kom­man­dos. Grie­chen­land und die Tür­kei sind im Kon­flikt um die Aus­beu­tung von Gas­fel­dern süd­lich von Kre­ta. Die Tür­kei ist der Mei­nung, ihr Fest­landsockel sto­ße dort direkt an den von Liby­en, wes­halb sie bereits mit der liby­schen Regie­rung über die Auf­tei­lung ver­han­delt, ohne Grie­chen­land zu fra­gen, das die­ses Gebiet eben­falls hoheit­lich bean­sprucht. Zum mili­tä­ri­schen Auf­rü­sten der Tür­kei tru­gen Expor­te der Bun­des­re­pu­blik in den letz­ten Jah­ren ent­schei­dend bei, wie Sevim Dağ­de­len, Obfrau der Lin­ken im Aus­wär­ti­gen Aus­schuss des Bun­des­tags, kri­ti­sier­te. Jetzt fehlt in dem Kon­flikt eigent­lich nur noch Isra­el, das ja auch gern hoheit­li­che Gebie­te ande­rer Staa­ten bean­sprucht. Aber des­sen Part­ner­schaft in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Erdoğan hat sich Grie­chen­land gesichert.

Nicht gesi­chert ist die Anzahl der Demon­stran­ten am 1. August in Ber­lin. »20.000 oder 1,3 Mil­lio­nen« (Ber­li­ner Zei­tung, 2.8.20) – genau­er bekommt man es nicht hin mit dem Zäh­len der Teil­neh­mer der Demon­stra­ti­on gegen die Coro­na-Maß­nah­men. Alles Rech­te und Spin­ner? »Die drei­ste Klein­rech­nung der Teil­neh­mer­zah­len […] durch die Ber­li­ner Poli­zei ent­spricht in etwa dem Geschwätz von der ›Zusam­men­rot­tung eini­ger weni­ger Row­dys‹, mit der die DDR-Medi­en anfangs die Demon­stra­tio­nen von 1989 klein reden woll­ten«, ätz­te der CDU/C­SU-Frak­ti­ons­vi­ze Arnold Vaatz. (dpa, 6.8.20) Ich wei­ge­re mich nach jahr­zehn­te­lan­gen Erfah­run­gen mit Demon­stra­tio­nen und poli­zei­li­chen Zäh­lun­gen, offi­zi­el­le Zah­len ein­fach nach­zu­be­ten. Aber ich war nicht dabei, kann mich nur auf Hören­sa­gen beru­fen. Die für den 29. August ange­mel­de­te zwei­te Auf­la­ge der Demo wur­de ver­bo­ten, vom Gericht aber wie­der erlaubt: Die von der Ord­nungs­be­hör­de geäu­ßer­te Erwar­tung, von der Demon­stra­ti­on gehe eine Gesund­heits­ge­fähr­dung aus, sieht das Gericht nicht gege­ben. Die Ver­an­stal­ter hät­ten mit ihrem Kon­zept, 900 Ord­nern und 100 Dees­ka­la­ti­ons­teams erkenn­bar für einen geord­ne­ten Ver­lauf vor­ge­sorgt. (https://www.berlin.de/gerichte/verwaltungsgericht/presse/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung.982439.php)

Die UNO warnt der­weil, dass Mil­lio­nen Kin­der wegen der Coro­na-Kri­se an Unter­ernäh­rung ster­ben wer­den (zeit-online, 13.7.20). Eine »Kata­stro­phe für eine gan­ze Genera­ti­on« sei­en die Schul­schlie­ßun­gen, sagt UN-Gene­ral­se­kre­tär Antó­nio Gut­er­res. Es müs­se höch­ste Prio­ri­tät haben, die Schü­ler so sicher wie mög­lich wie­der in den Unter­richt zu brin­gen, »sobald die erste Über­tra­gung des Coro­na­vi­rus vor Ort unter Kon­trol­le sei«, mahn­te er laut Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters (https://de.reuters.com, 4.8.20).

Die SPD pro­du­ziert einen Medi­en­coup und kürt Olaf Scholz zum Kanz­ler-kan­di­da­ten. »Wir regie­ren, und das wer­den wir auch wei­ter tun. Der Wahl­kampf beginnt heu­te«, und »ich will gewin­nen«, meint Scholz, und die Gro­ße Koali­ti­on sei kein »Nor­mal­mo­dell«. (maz, 11.8.20) »Olaf hat den Kanz­ler-Wumms«, schrie­ben die SPD-Vor­sit­zen­den Esken und Wal­ter-Bor­jans auf Twit­ter (10.8.20). Wie ist das noch mal mit Zah­len? In Umfra­gen liegt die CDU mit 38 Pro­zent unein­hol­bar vorn, dann kom­men Bündnis90/​Die Grü­nen mit 18 Pro­zent und dann erst die SPD mit 14 Pro­zent der Stim­men. (For­sa, 3.–7.8.20) Bis jetzt wur­de Olaf Scholz immer als Poli­ti­ker mit Maß und Augen­maß gehandelt.

Jedes Augen­maß ver­lo­ren zu haben scheint der Prä­si­dent von Bela­rus, Luka­schen­ko. Er hal­lu­zi­niert ein Wahl­er­geb­nis von 80 Pro­zent für sich und hat mit Poli­zei und Mili­tär auch die Mög­lich­kei­ten, sei­ne Zähl­wei­se durch­zu­set­zen. »Es wird kei­nen Mai­dan geben, egal wie sehr jemand das will.« (maz, 11.8.20) Da hat er sicher recht: In Minsk gibt es kei­nen »Maidan«-Platz. Aber Unzu­frie­den-heit mit der schlech­ter wer­den­den Wirt­schafts­la­ge schon. Wie weit es dem inter­es­sier­ten Aus­land gelingt, einen Auf­stand gegen Luka­schen­ko dar­aus zu machen, ist frag­lich – auch, wie weit das poli­tisch gewollt sein könn­te. Bis­her war Bela­rus als Seil­tän­zer zwi­schen Russ­land und dem Westen recht beliebt, alle drei hat­ten wirt­schaft­li­che Vor­tei­le davon und konn­ten Sank­tio­nen umge­hen. Ande­rer­seits gibt es in Bela­rus weder ein Indu­strie­zen­trum wie den Don­bass noch eine histo­risch bedeu­ten­de Feri­en­halb­in­sel mit Mari­ne­stütz­punkt wie die Krim. Und schon die Inve­sti­tio­nen in die Ukrai­ne blei­ben poli­tisch umstrit­ten und unsi­cher. Ob also ein wei­te­rer Kon­flikt­herd im Inter­es­se der USA liegt? Augen­maß auf allen Sei­ten ist Bela­rus jeden­falls zu wün­schen. Wohin Desta­bi­li­sie­rung führt, ist inzwi­schen von anders­wo bekannt.

Die EU warn­te vor einer »desta­bi­li­sie­ren­den Wir­kung« der Ereig­nis­se in Mali auf die gesam­te Regi­on »und den Kampf gegen den Ter­ro­ris­mus« in West­afri­ka. Auch Ange­la Mer­kel ver­ur­teil­te den Putsch. (ntv.de, 24.8.20) Dass die Bevöl­ke­rung den Mili­tär­auf­stand gegen den lang­jäh­ri­gen Prä­si­den­ten unter­stützt, ist im Fall Mali nicht erwäh­nens­wert, Mali ist schließ­lich nicht Bela­rus. Und fran­zö­si­sche und deut­sche Trup­pen sind schon da. Dass sie die Sicher­heit in Mali sta­bi­li­siert hät­ten, kann aller­dings nicht behaup­tet werden.

In Boli­vi­en hat die Putsch-Regie­rung den Wahl­ter­min wei­ter ver­scho­ben auf den 18. Okto­ber und wei­te­re Oppo­si­tio­nel­le wegen Ter­ro­ris­mus ange­klagt. Streiks und Stra­ßen­sper­ren der Bevöl­ke­rung gehen wei­ter, wäh­rend das Regime bru­tal gegen sie vor­geht. Irgend­wel­che Boy­kott­auf­ru­fe oder auch nur Pro­te­ste aus den USA oder der BRD sind nicht eingegangen.

In Bra­si­li­en hat eine Unter­su­chung der Oswal­do-Cruz-Stif­tung erge­ben, dass bereits vor der Kar­ne­val­zeit Covid 19 im Land ange­kom­men war und für Todes­fäl­le gesorgt hat­te. Die Ver­brei­tung hät­te mit einem Ver­bot der Umzü­ge gestoppt wer­den kön­nen – aber Bra­si­li­en ohne Kar­ne­val? Das ging ja nicht mal im Rhein­land! Jetzt sind dort vor allem die Bus­fah­rer einem hohen Infek­ti­ons­ri­si­ko (71 Pro­zent) aus­ge­setzt, da die Bus­li­ni­en pri­va­ti­siert sind und kei­ne Maß­nah­men zum Schutz der Fah­rer getrof­fen wur­den: Die Bra­si­lia­ner sind nach wie vor dar­auf ange­wie­sen, mit Bus­sen zur Arbeit gefah­ren zu wer­den. (jW, 11.8.20)

Muss Andre­as Kal­bitz (Ex-AfD, Ex-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der AfD in Bran­den­burg) dem­nächst nicht mehr zur Arbeit in den Land­tag fah­ren? In Medi­en­be­rich­ten wird dar­über spe­ku­liert, ob die Poli­zei mit Kal­bitz eine Gefähr­der­an­spra­che geführt habe. Eine sol­che Anspra­che sei prä­ven­tiv üblich, »wenn der Poli­zei bekannt wird, dass jemand für sich selbst oder für ande­re eine poten­zi­el­le Gefahr sein könn­te. Die Poli­zei will damit errei­chen, dass die Per­son weiß, dass die Behör­den ihn oder sie im Blick haben«. (Ber­li­ner Zei­tung, 23.8.20) Nach einem »freund­schaft­li­chen« Schlag in die Sei­te des amtie­ren­den Bran­den­bur­ger AfD-Frak­ti­ons­chefs Den­nis Hoh­loch hat die­ser einen Milz­riss davon­ge­tra­gen, und im Land­tag soll die Angst umge­gan­gen sein, dass wei­te­re Schlä­ge zu erwar­ten sei­en. Nun, Kal­bitz‘ Ruf als Rechts­ex­tre­mer wird das nicht scha­den. Nichts ist schö­ner und nobler als ein Schlag unter Freunden!