Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hohlraumkonservierung

Wir suchen nach bild­haf­tem Aus­druck für das, was wir erken­nen. Da besteht doch kein Man­gel – welch ergie­bi­ge Wort­kom­bi­na­tio­nen lie­gen da zur Ver­fü­gung bereit! Als die Autos noch rost­emp­find­li­cher und die Win­ter noch rost­schaf­fen­der waren, haben wir mit einer che­mi­schen Sub­stanz die Hohl­räu­me unse­rer Fahr­zeu­ge gegen Rost immun gemacht. Schüt­zens­wer­te Frei­räu­me sind jedoch anders­wo eben­falls vor­sorg­li­cher Beach­tung wert. Und wenn es sogar im eige­nen Kopf sein könnte?

Etwa bei der auf die Ver­ar­bei­tung aktu­el­ler Rei­ze aus­ge­rich­te­ten Hirn­sphä­re. Nach­weis­bar ist sie gewis­sen Stim­mun­gen schwan­ken­der Dich­te aus­ge­setzt. Da kann es schon gesche­hen, dass irgend­ein Auf­re­ger des Tages auf­ge­pu­stet bis zum Geh­t­nicht­mehr Über­deh­nun­gen nor­ma­len Nach­denk­ver­hal­tens ver­ur­sacht. In bla­sen­för­mi­gen Wuche­run­gen kön­nen dann von Sinn und Ver­nunft ent­leer­te Hohl­räu­me ent­ste­hen. Die­se wer­den sogar unter ungün­sti­gen Umstän­den über gan­ze Lebens­ab­schnit­te kon­ser­viert. Man spricht dann von Hohl­raum­ver­sie­ge­lung. Die Rän­der zu Vor­ur­tei­len ver­fe­stigt, greift kaum eine Chan­ce zur Ver­än­de­rung Platz. Wer noch ver­sucht, zu Ein­sicht und Umden­ken zu mah­nen, steht auf ver­lo­re­nem Posten.

Das ist inso­fern mehr als bedau­er­lich, als es die Gefahr des Ein­drin­gens radi­ka­ler Paro­len und Signa­le begün­stigt. Eine sol­che Gedan­ken­lee­re ent­blößt die selbst­kri­ti­sche Wahr­neh­mung so sehr, dass völ­lig unre­flek­tier­te Schlag­wor­te sich zu gei­sti­gen Brand­sät­zen zu ver­klum­pen ver­mö­gen. Die Gefahr besteht, dass der Hirn­be­sit­zer fort­an sein übli­ches Intel­li­genz­ni­veau öfter unter­schrei­tet, als ihm lieb sein dürf­te. Die häu­fig beklag­te Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit unter den Men­schen mag dadurch zusätz­lich beför­dert wer­den. Mit­ten in der Atmo­sphä­re einer gepfleg­ten Gleich­gül­tig­keit mit eigent­lich unmo­ti­vier­ten poli­ti­schen Wut­aus­brü­chen auf­fäl­lig zu wer­den – kei­ne Klei­nig­keit. Auf ein­mal in Mikro­fo­ne und Kame­ras selt­sa­men Wort­sa­lat abzu­son­dern, das ver­wun­dert schon ein wenig.

Wenn ein­mal die Ver­nunft weit­ge­hend sus­pen­diert ist, gibt es Ver­rückt­hei­ten am lau­fen­den Band. Vie­le von uns sind heu­te noch nie in unse­rer Mit­te leben­den Juden begeg­net, und trotz­dem wer­den die­se zum Ziel von Attacken. Doch bei Men­schen, die weit davon ent­fernt sind, in die Hass­kli­schees der Nazis zu ver­fal­len, wird fix ein angeb­lich tief wur­zeln­der Anti­se­mi­tis­mus dia­gno­sti­ziert, wenn sie Kri­tik an israe­li­scher Regie­rungs­po­li­tik üben. Das kommt schon wie­der aus einer ande­ren Luft­bla­se: Unfä­hig zu dif­fe­ren­zie­ren, wer­den kri­ti­sche Fra­gen mit einer gleich­lau­tend abwei­sen­den Wort­wahl über­gan­gen. Doch die beste Metho­de, mit Hor­ror­sze­na­ri­en und Ver­schwö­rungs­theo­rien fer­tig zu wer­den, ist ihre Rück­füh­rung auf die eigent­li­che Sub­stanz. Gei­sti­ge Fehl­stel­len sind mit Argu­men­ten zu füllen.

Pseu­do-Argu­men­te zie­hen nicht. Iden­ti­tä­re Erklä­rungs­mu­ster sind in der Regel von erstaun­lich alter­tü­melnd anma­ßen­der Dik­ti­on. Fun­da­men­ta­li­sti­sche Recht­ha­be­rei ist quer durch die Kom­men­ta­re spür­bar. Ver­ba­le Ent­glei­sun­gen kom­men so gut wie immer von einer Sei­te: Nur Rechts garan­tiert eine Aus­schließ­lich­keit des Macht­an­spruchs, der über­haupt kei­ne dis­kur­si­ve Beschei­den­heit kennt. Aus der Ent­ste­hungs­zeit im Milieu der Zeit des Deut­schen Rei­ches – stock­kon­ser­va­tiv und präfa­schi­stisch – weht der Mief der Gewalt­tä­tig­keit herüber.

Das Raf­fi­nier­te: Sie wecken ein auf gespen­sti­sche Wei­se fatal abge­wer­te­tes Natio­nal­ge­fühl, wel­ches legi­tim an deut­scher Spra­che und deut­scher Kunst fest­macht. Daher im Grun­de der ver­wun­der­li­che Grad an Zustim­mung bei Leu­ten, denen man jede Men­ge Ver­nunft zutraut. Doch ver­ges­sen wir nicht, wel­che enor­men Wis­sens­lücken bei vie­len klaf­fen. Das eben ist eine Fra­ge der poli­ti­schen Bil­dung. Man beach­tet kaum, wodurch die­se behin­dert wird. Unter dem Schutt plat­ter Wer­be­stra­te­gien und blö­deln­der Unter­hal­tung geht der beste Geist am Ende ver­schütt. Wer gibt sich noch Mühe, die Kriegs­grün­de von anno dun­nemals auf­zu­spü­ren, die als Vor­wand für heu­ti­ge Kon­flik­te die­nen? Unun­ter­bro­chen wer­den Feind­bil­der aben­teu­er­li­cher Ten­denz repro­du­ziert. Stich­wor­te wie »Hit­ler-Sta­lin-Pakt« oder »SED-Regime« sind eben lei­der unte­res Niveau – wie »End­lö­sung«, »Blitz­krieg« und »Anne­xi­on« blind­lings Kon­fron­ta­ti­on reproduzierend.

»Rela­ti­vie­rung« wird dann wie »Objek­ti­vi­tät« ein unge­bräuch­li­ches Fremd­wort. Selbst den Begriff »Ras­sis­mus« soll­ten wir eher lächer­lich machen, als nur wütend sei­nen sämt­li­chen Ver­äste­lun­gen nach­zu­spü­ren. Hun­de wer­den nach Ras­sen ein­ge­teilt. Das ist auf Men­schen doch nicht über­trag­bar. Oder kennt, wer wagt, von »Unter­men­schen« zu spre­chen, so etwas wie »Unter­hun­de«? Und die über­bor­den­de Lob­prei­sung von legi­tim »queer« leben­den Mit­men­schen soll­te mono­gam und hete­ro­se­xu­ell Ori­en­tier­te nicht zu sehr in Ver­le­gen­heit ver­set­zen. Man­che Redens­ar­ten klin­gen zu hohl, um unbe­dingt zum Fül­len von gei­sti­gen Hohl­räu­men zu dienen.