Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein Museum für Kurt-Tucholsky

Gut, dass das Kurt-Tuchol­sky-Lite­ra­tur­mu­se­um Rheins­berg am 27. April 21 selbst an sein 30jähriges Bestehen gedacht hat. Als der lite­ra­tur-, musik-, spott- und spä­ter auch erobe­rungs­süch­ti­ge »Fried­rich der Gro­ße« den Musen­hof sei­ner Jugend sei­nem Bru­der Hein­rich über­ant­wor­te­te, konn­te er noch nicht ahnen, dass dem reprä­sen­ta­ti­ven Haus-, Mar­stall- und Park­ge­län­de eine inter­es­san­te Per­spek­ti­ve vor­be­hal­ten war. Der Zug der Zeit und der damals noch jun­ge Fritz mach­ten es zum archi­tek­to­ni­schen, land­schaft­li­chen und gärt­ne­ri­schen Expe­ri­men­tier­feld für Sans­sou­ci, wo sich der König in freund­schaft­li­cher Geg­ner­schaft mit dem schlau­en Vol­taire her­um­stritt. Rheins­berg hin­ge­gen fas­zi­nier­te sei­ne pro­mi­nen­ten Besu­cher Schin­kel, Men­zel, Fon­ta­ne, Weg­ner und Arendt und, neben vie­len ande­ren, eben auch Tuchol­sky. Mit einer nicht ganz jugend­frei­en Novel­le, in der er sich als auf­müp­fi­gen jugend­li­chen Lieb­ha­ber und toll­küh­nen Ruder­boots­tou­ri­sten vor­führ­te, sorg­te er dafür, dass Ostprignitz/​Ruppin Anfang des 20. Jahr­hun­derts weit über das Land des Roten Adlers hin­aus bekannt wurde.

Und in den je nach Blick­win­kel des Betrach­ters Gol­de­nen oder grau­en Zwan­zi­gern war Tuchol­sky ein Viel­schrei­ber und zeit­wei­li­ger Chef­re­dak­teur der Weltbühne. Er hat ihr Pro­fil wesent­lich mitbestimmt.

Aber auch ande­re Bestands­jah­re sind bemer­kens­wert, so zu DDR-Zei­ten die nütz­li­che Ver­wen­dung des mär­ki­schen Klein­ods als Dia­be­ti­ker-Sana­to­ri­um »Hel­mut Leh­mann«. Aus dem Küchen­trakt des Kli­ni­kums ent­stand nach der erneu­ten Schlos­si­fi­zie­rung die erste Raum­kom­bi­na­ti­on der Kurt-Tuchol­sky-Gedenk­stät­te, die nach der Über­nah­me des Sam­mel­be­stan­des zu Tuchol­sky vom Hei­mat­mu­se­um Neu­rup­pin 2004 zum Lite­ra­tur­mu­se­um und »Kul­tu­rel­len Gedächt­nis­ort mit natio­na­ler Bedeu­tung« mutier­te. Seit­dem wis­sen die Bewun­de­rer Tuchol­skys und die Mit­glie­der des nach ihm benann­ten Ver­eins die lite­ra­ri­sche Fund­gru­be wohl zu schät­zen. Hier stell­te der uner­reich­te Spu­ren­su­cher des Dich­ters und Ver­eins­vor­sit­zen­de Micha­el Hepp 1993 in Anwe­sen­heit der Cou­si­ne Tuchol­skys, Bri­git­te Rothert, sei­ne »Bio­gra­phi­schen Annä­he­run­gen« vor, und im benach­bar­ten Thea­ter kam man mit Cor­ne­lia Froboes und Alfred Bio­lek ins Gespräch. Und hier fan­den Möbel und Hin­ter­las­sen­schaf­ten des von vie­len bewun­der­ten und von ande­ren gehass­ten Schrift­stel­lers, wie sein Schreib­tisch aus dem schwe­di­schen Hin­das sowie zwei Ses­sel aus dem gemein­sa­men Haus­stand von Kurt und Mary Gerold, eine wür­di­ge Blei­be – so auch eine Taschen­lam­pe vom Typ »Dai­mon« des Ber­li­ner Erfin­ders Paul Schmidt, mit deren Hil­fe der Sati­ri­ker einst nachts im Bedarfs­fall sei­nen Weg zur Toi­let­te beleuchtete.

Und hier lan­de­ten uner­setz­ba­re Kost­bar­kei­ten wie das 1. Exem­plar sei­nes Clai­re Pim­busch gewid­me­ten »Bil­der­bu­ches für Ver­lieb­te«, Kor­re­spon­den­zen mit sei­nem »Lott­chen« Lisa Mat­thi­as, Brie­fe, Kar­ten, Fotos und ande­re Doku­men­te. Dem Lite­ra­tur­mu­se­um ist es auch zu dan­ken, dass den dürf­ti­gen Spu­ren sei­ner ersten Ehe­frau, der jüdi­schen Ärz­tin Dr. Else Weil, die den Trans­port in ein Nazi­la­ger nicht über­leb­te, erschüt­tern­de Erkennt­nis­se hin­zu­ge­fügt wer­den muss­ten. Die For­sche­rin Sun­hild Pflug, unter­stützt vom Muse­ums­chef Peter Böthig, ver­dient dafür eine beson­de­re Hervorhebung.

Gro­ße Aner­ken­nung bei der Ana­ly­se des Lebens- und Schaf­fens­we­ges Kurt Tuchol­skys und für Doku­men­ten­be­reit­stel­lun­gen gebührt Bri­git­te Rothert, Bea­te Schmei­chel-Fal­ken­berg, Maren v. Both­mer, Ian King, Harald Vogel, Bernd Brün­trup, Roland Links, Frank-Burk­hard Habel, Gustav Huon­ker und vie­len anderen.

Die Aura des Tuchol­sky-Lite­ra­tur­mu­se­ums wird nicht zuletzt von der Vor­stel­lung lite­ra­ri­scher Neu­erschei­nun­gen und von Dis­kus­sio­nen und streit­ba­ren Gesprä­chen geprägt. Die Zusam­men­ar­beit mit dem Lite­ra­tur­mi­ni­ste­ri­um des Lan­des Bran­den­burg erstreckt sich nicht zuletzt auf die Ver­pflich­tung von zwei Stadt­schrei­bern, die seit 1995 die Mög­lich­keit erhal­ten, für jeweils fünf Mona­te vor Ort ihren lite­ra­ri­schen Ambi­tio­nen nach­zu­ge­hen und sich sowohl aktu­el­len Pro­blem­stel­lun­gen als auch noch offe­nen Fra­gen der Tuchol­sky-For­schung zu wid­men. Zu den bis­he­ri­gen Stadt­schrei­bern gehör­ten u. a. Vol­ker Braun, Bert Papen­fuß, Wolf­gang Hil­big, Wiglaf Dro­ste und Mari­on Brasch. Zur­zeit wetzt Man­ja Prä­kels in Rheins­berg ihre streit­ba­re Feder.

Ein wei­te­res Ver­dienst der Muse­ums­lei­tung besteht in der häu­fi­gen Gestal­tung von Kunst­aus­stel­lun­gen. Zu bewun­dern waren die Maler­freun­de von Chri­sta und Ger­hard Wolf und so pro­mi­nen­ten Künst­lern wie Joseph Beuys und Gün­ther Uecker. Im Som­mer 2020 stell­te der Gra­phi­ker und Illu­stra­tor Hans Ticha sein ori­gi­nel­les the­ma­ti­sches Werk vor. Mit sei­ner eigen­wil­li­gen, sati­risch gepräg­ten Kunst illu­strier­te er u. a. die Aus­wahl­bän­de der Bücher­gil­de Guten­berg über Kurt Tuchol­sky, Joa­chim Rin­gel­natz, Karel Capek, Ernst Jandl und Mascha Kaléko.

Man muss nicht unbe­dingt Fan von Kurt Tuchol­sky sein, um das Rheins­ber­ger Lite­ra­tur­mu­se­um in Nach­denk­lich­keit und mit Ver­gnü­gen zu genie­ßen. Es kann einem schluss­end­lich dabei hel­fen, zum Fan zu wer­den. Fah­ren Sie wie­der mal hin, sobald die Pan­de­mie weg­ge­spritzt ist.