Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Macht versus Wissenschaft

Gior­da­no Bru­no muss­te 1600 auf dem Cam­po de‘ Fio­ri in Rom sein Leben für die wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis von der Unend­lich­keit und Ewig­keit des Uni­ver­sums her­ge­ben. Die katho­li­sche Kir­che brauch­te 400 Jah­re, um zu erken­nen, dass des­sen Hin­rich­tung Unrecht war. Von Gali­leo Gali­lei ver­lang­te die­ses Macht­or­gan, ent­ge­gen des­sen astro­no­mi­schen Beob­ach­tun­gen nicht die Tat­sa­che zu ver­brei­ten, dass die Son­ne gegen­über der Erde eine Mit­tel­punkt­stel­lung ein­neh­me. Sein Leben ret­te­te er, indem er sich dem Unwis­sen beug­te. Die römi­sche Kurie brauch­te 360 Jah­re, um zu erken­nen, dass sich Macht gegen Wis­sen­schaft auf Dau­er nicht durch­set­zen lässt. Den­noch: Allein das Ver­fah­ren gegen Gali­lei hat­te die Wir­kung, dass ande­re Gelehr­te ein­ge­schüch­tert wur­den und aus Angst am lieb­sten ihre Schrif­ten ver­bren­nen woll­ten. Oft­mals genüg­te es, mit Macht­mit­teln zu dro­hen, um Wis­sen­schaft zum Schwei­gen zu bringen.

Man soll­te glau­ben, dass heut­zu­ta­ge ein sol­cher Umgang mit Wis­sen­schaft, ins­be­son­de­re im ver­meint­lich auf­ge­klär­ten Deutsch­land, der Ver­gan­gen­heit ange­hört, zumal Arti­kel 5 des Grund­ge­set­zes die Frei­heit der Wis­sen­schaft postu­liert. Wenn sich eine deut­sche Tages­zei­tung frei­mü­tig dazu bekennt, auf dem Boden einer bestimm­ten wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie und Metho­de zu ste­hen, schril­len jedoch die Alarm­glocken des Staa­tes. Sein Geheim­dienst fin­det gar her­aus, dass die­se Wis­sen­schaft respek­ti­ve Zei­tung ver­fas­sungs­feind­lich ist. Dass zur Frei­heit der Wis­sen­schaft die Wahr­heits­su­che und die prin­zi­pi­el­le Unab­ge­schlos­sen­heit des Erkennt­nis­pro­zes­ses kon­sti­tu­tiv sind, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfGE 90, 1/​12) ent­schie­den hat, ist beim Ver­fas­sungs­schutz noch nicht ange­kom­men. Staat­li­che Vor­ga­ben, auch in Gestalt der Erwäh­nung in jähr­li­chen Berich­ten des Ver­fas­sungs­schut­zes, wel­che wis­sen­schaft­li­chen Metho­den und Theo­rien anzu­wen­den sind und wel­che Resul­ta­te sie zu erbrin­gen haben, ver­sto­ßen ein­deu­tig gegen die ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­te Frei­heit der Wis­sen­schaft. In der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung vom 5.5.2021 (Geburts­tag des Wis­sen­schaft­lers Marx) auf eine klei­ne Anfra­ge der Frak­ti­on der Lin­ken, wes­halb die Tages­zei­tung jun­ge Welt im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt für das Jahr 2019 im Kapi­tel »Links­ex­tre­mis­mus« sowie im Regi­ster­an­hang von Grup­pie­run­gen mit ver­fas­sungs­feind­li­chen Zie­len auf­taucht, ist unter ande­rem zu lesen:

»Revo­lu­tio­nä­re mar­xi­sti­sche Grund­über­zeu­gun­gen basie­ren auf ver­schie­de­nen Aspek­ten, die sich gegen Grund­prin­zi­pi­en der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung rich­ten. Bei­spiels­wei­se wider­spricht die Auf­tei­lung einer Gesell­schaft nach dem Merk­mal der pro­duk­ti­ons­ori­en­tier­ten Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit der Garan­tie der Menschenwürde.«

Wer also zu der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis gelangt, dass es im Pro­duk­ti­ons­pro­zess Klas­sen gibt, die sich dar­in unter­schei­den, ob der eine Eigen­tü­mer von Pro­duk­ti­ons­mit­tel ist und der ande­re nicht, ist gemäß Ver­fas­sungs­schutz »ver­fas­sungs­feind­lich«, also Wider­sa­cher gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung. Da kann ja die Crè­me de la Crè­me der bür­ger­li­chen Histo­ri­ker und Öko­no­men des Kapi­ta­lis­mus von Glück reden, nicht in Deutsch­land im Jah­re 2021 gelebt zu haben, denn auch sie haben die Gesell­schafts­mit­glie­der nach »pro­duk­ti­ons­ori­en­tier­ter Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit« auf­ge­teilt, nicht erst die­ser Karl Marx. In dem berühm­ten Brief an Joseph Wey­de­mey­er vom 5. März 1852 schrieb Marx:

»Was mich nun betrifft, so gebührt mir nicht das Ver­dienst, weder die Exi­stenz der Klas­sen in der moder­nen Gesell­schaft noch ihren Kampf unter sich ent­deckt zu haben. Bür­ger­li­che Geschichts­schrei­ber hat­ten längst vor mir die histo­ri­sche Ent­wick­lung die­ses Kamp­fes der Klas­sen, und bür­ger­li­che Öko­no­men die öko­no­mi­sche Ana­to­mie der­sel­ben dargestellt.«

Zuzu­stim­men ist natür­lich der Bun­des­re­gie­rung, dass die­ser Klas­sen­ant­ago­nis­mus der Men­schen­wür­de wider­spricht, weil auf Grund des heu­ti­gen Stan­des der Pro­duk­tiv­kräf­te und einer damit ver­bun­de­nen Über­pro­duk­ti­on von Kon­sum­gü­tern, dafür kei­ne Not­wen­dig­keit mehr besteht. Aber der Klas­sen­ant­ago­nis­mus ver­schwin­det genau­so wenig wie das koper­ni­ka­ni­sche Welt­bild oder die Unend­lich­keit des Uni­ver­sums, auch wenn Macht­in­sti­tu­tio­nen Der­ar­ti­ges dekre­tie­ren oder als »links­ex­tre­mi­stisch« kriminalisieren.

Mäch­te jeder Cou­leur hat­ten seit jeher Schwie­rig­kei­ten mit wis­sen­schaft­li­chen Theo­rien und Metho­den, die die herr­schen­de Ord­nung ins Wan­ken brin­gen könn­ten. Wenn sich Macht gegen Wis­sen­schaft rich­tet, demon­striert sie meist in erschrecken­der Wei­se, inwie­weit sie der Zeit und ihren Erfor­der­nis­sen hin­ter­her­hinkt. Wir sind uns aber sicher, dass das wei­che Was­ser in Bewe­gung mit der Zeit – manch­mal gibt es jähe Wen­dun­gen – den har­ten Stein besie­gen wird, wozu Tages- und Wochen­schrif­ten einen klei­nen Bei­trag zu lei­sten imstan­de sind.