Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Staatsgefährdender Marxismus

Als ein­zi­ge Tages­zei­tung wird die jun­ge Welt seit Jah­ren im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt des Bun­des im Kapi­tel Links­ex­tre­mis­mus genannt. Auch der Ver­lag 8. Mai GmbH und die Genos­sen­schaft als Eigen­tü­me­rin wer­den im Regi­ster­an­hang des Geheim­dienst­re­ports als »Grup­pie­run­gen« genannt, die »ver­fas­sungs­feind­li­che Zie­le« ver­fol­gen. In einem Offe­nen Brief an die Bun­des­tags­frak­tio­nen haben Redak­ti­on, Ver­lag und Genos­sen­schaft des­halb »erheb­li­che Nach­tei­le im Wett­be­werb« beklagt. So ver­wei­gern die Deut­sche Bahn und ver­schie­de­ne Kom­mu­nen und Radio­sen­der unter Ver­weis auf die Ver­fas­sungs­schutz­nen­nung das Anmie­ten von Wer­be­plät­zen, Biblio­the­ken sper­ren den Online-Zugang zur Zei­tung, und eine Drucke­rei wei­ger­te sich sogar, eine Publi­ka­ti­on zu drucken, die eine Anzei­ge der jun­gen Welt enthielt.

Die Links­frak­ti­on woll­te dar­auf­hin von der Bun­des­re­gie­rung wis­sen, wie sie die mit der Nen­nung im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt ver­bun­de­nen Ein­grif­fe in die Pres­se- und Mei­nungs-, aber auch die Gewer­be­frei­heit recht­fer­tigt. In der Anfang Mai vor­ge­leg­ten Ant­wort behaup­te­te die Bun­des­re­gie­rung, jun­ge Welt, Ver­lag 8. Mai und Genos­sen­schaft LPG »ver­fol­gen Bestre­bun­gen gegen die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung«, da es sich bei der jun­gen Welt um eine »ein­deu­tig kom­mu­ni­stisch aus­ge­rich­te­te Tages­zei­tung« han­delt, deren »mar­xi­sti­sche Grund­über­zeu­gung« als »wesent­li­ches Ziel« die Erset­zung der frei­heit­li­chen Demo­kra­tie durch eine »sozialistisch/​kommunistische Gesell­schafts­ord­nung« sei. Und nun kommt der Ham­mer: »Bei­spiels­wei­se wider­spricht die Auf­tei­lung einer Gesell­schaft nach dem Merk­mal der pro­duk­ti­ons­ori­en­tier­ten Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit der Garan­tie der Men­schen­wür­de. Men­schen dür­fen nicht zum ›blo­ßen Objekt‹ degra­diert oder einem Kol­lek­tiv unter­ge­ord­net wer­den, son­dern der Ein­zel­ne ist stets als grund­sätz­lich frei zu behan­deln«, meint die Bun­des­re­gie­rung. Das Aus­spre­chen der nicht nur von Mar­xi­sten geteil­ten sozio­lo­gi­schen Erkennt­nis, dass wir in einer Klas­sen­ge­sell­schaft leben, soll also bereits ein Beleg für die Ver­fas­sungs­feind­lich­keit der jun­gen Welt sein. Beklagt wird wei­ter­hin die posi­ti­ve Bezug­nah­me der Zei­tung auf Klas­si­ker des Mar­xis­mus wie Marx, Engels, Lenin, Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg. »Fun­da­men­ta­le Kapi­ta­lis­mus­kri­tik« sei ein »Schwer­punkt­the­ma« der jun­gen Welt, stellt die Bun­des­re­gie­rung rich­tig fest. »Dem­ge­gen­über wer­den sozia­li­sti­sche Staats­ord­nun­gen, bei­spiels­wei­se von Kuba, ver­herr­li­chend dar­ge­stellt und als poli­tisch und mora­lisch über­le­gen« ange­se­hen – ein wei­te­rer »Beweis« für den Extre­mis­mus die­ser Zeitung.

Wei­ter heißt es, das Blatt ver­öf­fent­li­che regel­mä­ßig Bei­trä­ge, in denen »das The­ma Gewalt als Mit­tel im poli­ti­schen Kampf the­ma­ti­siert wird«, etwa Inter­views mit kolum­bia­ni­schen Gue­ril­la­kom­man­dan­ten. »Inso­fern erweckt die jW nach­hal­tig den Ein­druck, eine mög­li­che Gewalt­an­wen­dung durch sol­che Per­so­nen oder Grup­pie­run­gen zu tole­rie­ren. Die­sem so ver­mit­tel­ten Ein­druck tritt sie weder durch eine deut­li­che Distan­zie­rung noch durch ein Bekennt­nis zur Gewalt­frei­heit ent­ge­gen«, schreibt die Regie­rung, Damit legt sie an die lin­ke Zei­tung offen­sicht­lich ande­re Maß­stä­be an als an ande­re Medi­en, was die Distan­zie­rung von Auf­fas­sun­gen ihrer Autoren und Inter­view­part­ner angeht.

So ziel­ten Bei­trä­ge in der jW dar­auf ab, »Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen als Befrei­ungs­be­we­gun­gen zu ver­harm­lo­sen«. Die Art und Wei­se die­ser Bericht­erstat­tung sei einer von meh­re­ren rele­van­ten Aspek­ten für die Ein­stu­fung der Zei­tung als »extre­mi­stisch«. Maß­stab dafür, wel­che Gue­ril­la als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on zu gel­ten habe und auch von Jour­na­li­sten in Deutsch­land als sol­che gese­hen wer­den muss, ist für die Bun­des­re­gie­rung dabei die in gehei­mer Abstim­mung von den Regie­run­gen erstell­te EU-Ter­ror­li­ste. Eine nicht dar­an ori­en­tier­te Bericht­erstat­tung, die dort auf­ge­führ­te Orga­ni­sa­tio­nen als Befrei­ungs­be­we­gun­gen dar­stel­le, sei »mit­hin nicht objek­tiv, son­dern ten­den­zi­ös«. Und welch Wun­der: Auch »The­men­aus­wahl und Inten­si­vi­tät der Bericht­erstat­tung zie­len auf Dar­stel­lung ›lin­ker‹ und links­ex­tre­mi­sti­scher Poli­tik­vor­stel­lun­gen und ori­en­tie­ren sich am Selbst­ver­ständ­nis der jW als mar­xi­sti­sche Tages­zei­tung. (…) Die Zei­tung ver­brei­tet ihre eige­ne sub­jek­ti­ve Wahr­heit und will inso­fern ›Gegen­öf­fent­lich­keit‹ schaffen.«

Durch­aus rich­tig hat die Bun­des­re­gie­rung erkannt: »Mar­xi­sten beab­sich­ti­gen nicht nur zu infor­mie­ren, son­dern eine ›Denk­wei­se‹ her­aus­zu­bil­den, um bei den Bevöl­ke­rungs­grup­pen, die sie als Unter­drück­te oder Aus­ge­beu­te­te iden­ti­fi­zie­ren, Ver­ständ­nis und die Bereit­schaft zum Wider­stand her­vor­zu­ru­fen.« Ent­spre­chend wür­de die jW nicht nur über lin­ke Akti­vi­tä­ten infor­mie­ren, son­dern auch dafür mobi­li­sie­ren, »indem sie gemein­sam mit ande­ren Links­ex­tre­mi­sten Ver­an­stal­tun­gen durch­führt, sich an Akti­vi­tä­ten betei­ligt oder dafür wirbt«. Hier wird vor allem auf die all­jähr­lich im Janu­ar ver­an­stal­te­te Inter­na­tio­na­le Rosa-Luxem­burg-Kon­fe­renz ver­wie­sen, »an der sich über­wie­gend Links­ex­tre­mi­sten aus dem In- und Aus­land betei­li­gen«. Wer die­se »Links­ex­tre­mi­sten« sein sol­len, will die Bun­des­re­gie­rung unter Ver­weis auf das »Staats­wohl« nicht näher aus­füh­ren, denn sonst wür­de die Arbeits­wei­se des Geheim­dien­stes kenntlich.

Auf die Fra­ge, wer denn genau der vom Inlands­ge­heim­dienst aus­ge­mach­ten ver­fas­sungs­feind­li­chen Grup­pie­rung ange­hö­ren soll, bleibt die Bun­des­re­gie­rung unbe­stimmt. Für einen Per­so­nen­zu­sam­men­hang han­delt laut Ver­fas­sungs­schutz­ge­setz, »wer ihn in sei­nen Bestre­bun­gen nach­drück­lich unter­stützt. Eine Zurech­nung erfolgt daher nicht abstrakt anhand der Eigen­schaft als Redak­teur, Mit­ar­bei­ter, Genos­sen­schafts­mit­glied, Abon­nent oder frei­er Autor, son­dern anhand der jewei­li­gen Unterstützungshandlung.«

Schließ­lich gesteht die Bun­des­re­gie­rung frei­mü­tig ein, dass die von der jun­gen Welt beklag­ten, wett­be­werbs­recht­li­chen Behin­de­run­gen Absicht und Ziel der Nen­nung im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt sei­en. Auf­trag des Ver­fas­sungs­schut­zes sei es, die Öffent­lich­keit über »extre­mi­sti­sche Bestre­bun­gen« zu infor­mie­ren. »Mög­li­che Fol­gen für die hier­von betrof­fe­nen extre­mi­sti­schen Per­so­nen­zu­sam­men­schlüs­se oder Ein­zel­per­so­nen hat­te der Gesetz­ge­ber dabei im Blick. Es ist gera­de das Ziel die­ser Norm, die Öffent­lich­keit über ver­fas­sungs­feind­li­che Bestre­bun­gen zu infor­mie­ren, um die­sen damit den wei­te­ren Nähr­bo­den ent­zie­hen zu kön­nen. Inso­weit ist Ver­fas­sungs­schutz auch eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Aufgabe.«

Tat­säch­lich bewegt sich die Bun­des­re­gie­rung hier juri­stisch auf dün­nem Eis. Denn es gibt einen Prä­ze­denz­fall. Im Jahr 2005 urteil­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Fal­le der Rechts­au­ßen­po­stil­le Jun­ge Frei­heit, die vom NRW-Ver­fas­sungs­schutz als »Ver­dachts­fall« auf­ge­führt wur­de, dass eine sol­che Nen­nung einer Zei­tung eine unzu­läs­si­ge Ein­schrän­kung des Grund­rechts der Pres­se­frei­heit sei. Denn, so das Gericht, die­ses Grund­recht siche­re die Frei­heit der Her­stel­lung und Ver­brei­tung von Druckerzeug­nis­sen und damit das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um Pres­se. Durch eine Nen­nung im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt wer­de die Zei­tung in ihren Wir­kungs­mög­lich­kei­ten nach­tei­lig beein­flusst, was einem Ein­griff in das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­grund­recht gleich­kom­me. Im Fal­le der Jun­gen Frei­heit hat­te das Gericht erklärt, die Zei­tung bil­de einen »Markt der Mei­nun­gen« ab, daher kön­ne der Redak­ti­on nicht jede ein­zel­ne in dem Blatt ver­öf­fent­lich­te Äuße­rung zuge­rech­net wer­den. Einen sol­chen »Markt der Mei­nun­gen« will die Bun­des­re­gie­rung der jun­gen Welt nicht zubil­li­gen, die Viel­schich­tig­keit lin­ker und links­ra­di­ka­ler Strö­mun­gen, die sich in der jun­gen Welt wie­der­fin­den, wird völ­lig igno­riert und unter »Mar­xis­mus« sub­su­miert. Die­se Sicht­wei­se der Bun­des­re­gie­rung erin­nert an die Ade­nau­er-CDU im Kal­ten Krieg mit ihrer gegen Kom­mu­ni­sten wie Sozi­al­de­mo­kra­ten gerich­te­ten Losung »alle Wege des Mar­xis­mus füh­ren nach Moskau«.

Die Bun­des­re­gie­rung ver­sucht, ihre Sicht­wei­se auf die Gesell­schaft in der Bun­des­re­pu­blik sowie auf inter­na­tio­na­le Kon­flik­te als die ein­zig objek­ti­ve dar­zu­stel­len und davon stark abwei­chen­de Auf­fas­sun­gen als »extre­mi­stisch« zu brand­mar­ken. Da die Beob­ach­tung durch den Ver­fas­sungs­schutz mit ent­spre­chen­den nega­ti­ven Kon­se­quen­zen ver­bun­den ist, wird so fak­tisch ver­sucht, eine der Bun­des­re­gie­rung geneh­me Bericht­erstat­tung zu erzwin­gen. Dies muss als deut­li­cher Ein­griff in die Pres­se­frei­heit gewer­tet wer­den, deren Ver­tei­di­gung sich deut­sche Regie­rungs­po­li­ti­ker doch immer voll­mun­dig auf die Fah­ne schrei­ben – wenn es um Russ­land, Chi­na, Vene­zue­la oder Kuba geht.