Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Eine Gedicht-Anthologie und ihr Schöpfer

Gedich­te sind sicher nicht der Lieb­lings­un­ter­richts­stoff der mei­sten Schü­ler, vor allem Gedicht­in­ter­pre­ta­tio­nen. Trotz­dem ver­su­chen die Lehr­kräf­te erfreu­li­cher­wei­se immer wie­der, Ler­nen­de an Lyrik her­an­zu­füh­ren. Der erfolg­reich­ste Ver­such reicht dabei fast zwei­hun­dert Jah­re zurück – unter­nom­men von Theo­dor Ech­ter­mey­er, des­sen 175. Todes­tag sich am 6. Mai jährt. Sei­ne 1836 erst­mals her­aus­ge­ge­be­ne »Aus­wahl deut­scher Gedich­te für die untern und mitt­lern Clas­sen gelehr­ter Schu­len« ist die ein­zi­ge Lyrik-Antho­lo­gie jener Zeit, die heu­te noch regel­mä­ßig Neu­auf­la­gen erlebt. Der »Ech­ter­mey­er«, wie die Gedicht­samm­lung stets genannt wur­de, ist längst zu einer klei­nen Insti­tu­ti­on in der deutsch­spra­chi­gen Antho­lo­gie-Land­schaft geworden.

Die Erst­aus­ga­be erschien 1836 in der Ver­lags­buch­hand­lung des hal­le­schen Wai­sen­hau­ses. Das deutsch­land­weit ein­zi­ge nach­ge­wie­se­ne Exem­plar wird noch heu­te in der Biblio­thek der Francke­schen Stif­tun­gen auf­be­wahrt und steht sym­bol­haft für die jahr­hun­der­te­al­te erfolg­rei­che Schul­buch­pro­duk­ti­on in Hal­le. Die zwei­te Auf­la­ge (1839) hat­te dann einen Anhang für die »obern Clas­sen«. Es folg­ten Nach­auf­la­gen fast im Zwei­jah­res­takt, so dass 1900 bereits die 33. Auf­la­ge erschien. Die 50. Jubi­lä­ums­aus­ga­be fiel ins Kriegs­jahr 1943. Der »Ech­ter­mey­er« schaff­te aber nicht nur den Sprung ins 20. Jahr­hun­dert, son­dern auch ins drit­te Jahr­tau­send: So konn­ten 2010 Lyrik­freun­de die Jubi­lä­ums­aus­ga­be zum 175-jäh­ri­gen Bestehen des »Ech­ter­mey­er« in den Hän­den hal­ten. Neben den Gedich­ten wur­den hier auch 22 Fak­si­mi­les berühm­ter Dich­ter­hand­schrif­ten und -typoskrip­te auf­ge­nom­men, dar­un­ter von Goe­the, Höl­der­lin, Nietz­sche und Nel­ly Sachs.

Seit der Erst­aus­ga­be war der »Ech­ter­mey­er« immer wie­der Erwei­te­run­gen und Aktua­li­sie­run­gen unter­wor­fen. Begann die 1836-Aus­ga­be noch mit Uhlands bekann­tem Gedicht »Ein­kehr« (»Bei einem Wir­te, wun­der­mild; /​ da war ich jüngst zu Gaste«), so ste­hen in den neue­sten Aus­ga­ben die »Mer­se­bur­ger Zau­ber­sprü­che« am Anfang. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts wur­de die chro­no­lo­gi­sche durch eine Motiv-Anord­nung ersetzt. Erst mit dem Her­aus­ge­ber Ben­no von Wie­se, der dem Namen des Erst­her­aus­ge­bers auch sei­nen eige­nen hin­zu­füg­te, kehr­te man 1954 wie­der zur chro­no­lo­gi­schen Glie­de­rung zurück. Der Ger­ma­nist eli­mi­nier­te außer­dem Gedich­te mit kli­schee­haf­ter Sen­ti­men­ta­li­tät. Die Aus­ga­ben bis zu sei­nem Tod 1987 tru­gen deut­lich sei­ne Hand­schrift. 1990 wur­de dann eine Neu­aus­ga­be von Eli­sa­beth K. Paef­gen vor­ge­legt, in der zahl­rei­che avant­gar­di­sti­sche Lyrik­for­men Auf­nah­me fan­den. In den letz­ten bei­den Aus­ga­ben (2005 und 2010 gemein­sam mit Peter Geist) ließ sich die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin bei der Aus­wahl der Lyrik des 18. und frü­hen 19. Jahr­hun­derts dage­gen gele­gent­lich von Ech­ter­mey­er selbst inspirieren.

Selbst­ver­ständ­lich ent­brann­te mit jeder aktua­li­sier­ten Aus­ga­be unter Lyrik­freun­den und Rezen­sen­ten immer wie­der der Streit über die Eli­mi­nie­rung und die Neu­auf­nah­me von Autorin­nen und Autoren. Dabei soll­te man viel­mehr die Fra­ge stel­len: Was garan­tier­te die Lang­le­big­keit des »Ech­ter­mey­er«? Dafür gibt es sicher­lich eini­ge Grün­de – von der ästhe­ti­schen und didak­ti­schen Zusam­men­stel­lung des Erst­her­aus­ge­bers bis zu den durch­dach­ten Aktua­li­sie­run­gen, so dass der »Ech­ter­mey­er« stets den Anspruch einer Kanon­bil­dung erfüllte.

Wer aber war eigent­lich (Ernst) Theo­dor Ech­ter­mey­er? Er wur­de am 12. August 1805 als Sohn eines kur­säch­si­schen Amts­in­spek­tors in Lie­ben­wer­da gebo­ren. Von 1818 bis 1824 besuch­te er die berühm­te Für­sten­schu­le Schul­pfor­ta bei Naum­burg, wo bereits sein Inter­es­se für Lite­ra­tur und Alt­phi­lo­lo­gie geweckt wur­de. In Hal­le stu­dier­te Ech­ter­mey­er zunächst auf väter­li­chen Wunsch Jura, doch 1827 wech­sel­te er zum Stu­di­um der Phi­lo­so­phie und Phi­lo­lo­gie nach Ber­lin. Nach sei­ner Pro­mo­ti­on (1831) und einer kur­zen Lehr­tä­tig­keit in Zeitz erhielt Ech­ter­mey­er eine Beru­fung als Ober­leh­rer an das König­li­che Paedago­gi­cum der Francke­schen Stif­tun­gen in Hal­le. 1834 hei­ra­te­te er, und bald kam ein Sohn zur Welt. Ech­ter­mey­er ver­kehr­te mit den jun­gen Pro­fes­so­ren der Uni­ver­si­tät und gehör­te meh­re­ren hal­le­schen Ver­ei­nen und Gesell­schaf­ten an.

Für die Zwecke der Lehr­an­stalt ver­öf­fent­lich­te er 1836 sei­ne Muster­samm­lung deut­scher Gedich­te, »daß Sinn und Ver­ständ­niß für Poe­sie an einer Rei­he wahr­haft dich­te­ri­scher Pro­duc­tio­n­en stu­fen­wei­se geweckt und gebil­det wer­de« (aus sei­nem Vor­wort). Mit dem Schrift­stel­ler (und spä­te­ren Mit­glied der Frank­fur­ter Natio­nal­ver­samm­lung) Arnold Ruge gab er ab Janu­ar 1838 die »Hal­li­schen Jahr­bü­cher für Wis­sen­schaft und Kunst« und den »Deut­schen Musen­al­ma­nach« her­aus. Die »Hal­li­schen Jahr­bü­cher« mit über 150 Mit­au­toren wur­den schnell zum bedeu­tend­sten kri­ti­schen Organ der lin­ken Jung­he­ge­lia­ner. Ech­ter­mey­er gab sei­ne Stel­lung am Päd­ago­gi­um auf, um sich ganz der schrift­stel­le­ri­schen Tätig­keit zu wid­men. Doch er muss­te schwe­re Schick­sals­schlä­ge ein­stecken: Sei­ne Frau ver­starb 1838, und sein lin­ker Arm muss­te ampu­tiert werden.

Um der preu­ßi­schen Zen­sur zu ent­ge­hen, erschie­nen die »Hal­li­schen Jahr­bü­cher« 1841 als »Deut­sche Jahr­bü­cher für Wis­sen­schaft und Kunst« in Leip­zig. Ech­ter­mey­er und Ruge muss­ten sich eben­falls nach Dres­den abset­zen. Doch ein begin­nen­des unheil­ba­res Lei­den ließ Ech­ter­mey­ers Kräf­te schwin­den; lite­ra­ri­sche Plä­ne wie das »Jahr­buch für Geschich­te der deut­schen Lite­ra­tur« zer­schlu­gen sich. Mit viel­be­ach­te­ten Vor­le­sun­gen zur deut­schen Lite­ra­tur bril­lier­te er noch ein­mal. Am 6. Mai 1844 starb er im Alter von 38 Jah­ren in Dresden.

Von Theo­dor Ech­ter­mey­er ist nicht ein­mal ein Por­trät über­lie­fert. Er ging auch nicht als Dich­ter in die Lite­ra­tur­ge­schich­te ein. Als Per­sön­lich­keit ver­ges­sen, lebt er doch als Begriff bis heu­te weiter.