Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Fünf Tage Venezuela

11. April Cara­cas: Ich neh­me an einer inter­na­tio­na­len Soli­da­ri­täts­mis­si­on des Welt­frie­dens­ra­tes in Vene­zue­la teil. Die Schwei­zer Dele­ga­ti­on, der ich ange­hö­re, besteht aus vier Per­so­nen, die fol­gen­de Orga­ni­sa­tio­nen ver­tre­ten: ALBA Sui­za, Ver­ei­ni­gung Schweiz-Cuba, Schwei­ze­ri­sche Frie­dens­be­we­gung, Par­tei der Arbeit und Jeu­nes POP. Auf dem Flug­ha­fen emp­fan­gen uns jun­ge Mit­strei­ter des Comi­té de Soli­da­ridad Inter­nacio­nal Vene­zue­la (COSI) und der Jugend­sek­ti­on der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Vene­zue­las. Wir und wei­te­re Dele­gier­te aus ande­ren Län­dern wer­den mit dem Rei­se­bus nach Cara­cas in unse­re Hotels gebracht.

Unter­wegs fal­len mir vor allem zwei Din­ge auf: Einer­seits die unzäh­li­gen, meist far­bi­gen Back­stein­häus­chen, die an den Hän­gen der Hügel rund um Cara­cas kle­ben. Ande­rer­seits die Über­bau­un­gen mit rie­si­gen Gebäu­den der Misi­on Vivi­en­da, Vene­zue­las Sozi­al­woh­nungs­pro­gramm, begon­nen unter Hugo Chá­vez. Die mei­sten die­ser Gebäu­de sind mit einem gro­ßen roten V gekenn­zeich­net, eini­ge ziert Chá­vez‘ Ant­litz. Vene­zue­la hat unter der Boli­va­ri­schen Regie­rung bereits über 2,5 Mil­lio­nen Sozi­al­woh­nun­gen gebaut und an armuts­be­trof­fe­ne Fami­li­en ver­teilt. Die Woh­nun­gen gehen kosten­los in das Eigen­tum der Bewoh­ne­rIn­nen über, die dann nur Strom und Was­ser zah­len müs­sen. Für die Betrof­fe­nen bedeu­tet das eine enor­me Stei­ge­rung der Lebens­qua­li­tät im Ver­gleich zum »Leben« in den frü­he­ren Elends­vier­teln, den »bar­ri­os«, in denen es kein Was­ser, kei­ne Toiletten/​Kanalisation gibt und deren Behau­sungs­wän­de aus Kar­ton bestehen, so dass man die Nach­barn nachts atmen hören kann – ein­drück­lich beschrie­ben in Char­lie Har­dys Buch »Cow­boy in Cara­cas«. Har­dy zeigt auf, dass Vene­zue­la für den Groß­teil der Bevöl­ke­rung vor Chá­vez kein »flo­rie­ren­des Land« war, wie das die Kon­zern­me­di­en bei uns gern behaupten.

Was mir auch auf­fällt: Rund um das Gebiet des Flug­ha­fens sind Ange­hö­ri­ge der Boli­va­ri­schen Streit­kräf­te in Zwei­er­teams postiert. Der Flug­ha­fen gilt sicher als mög­li­ches Ziel für Anschlä­ge und Sabo­ta­ge­ak­te. Aller­dings erhal­te ich nicht den Ein­druck von hoher Alarm­be­reit­schaft. Die Mili­tärs wir­ken gelas­sen und sogar etwas ein­sam auf ihren spär­li­chen Posten. Am Flug­ha­fen sel­ber gab es eine auf­fäl­li­ge Prä­senz von Ange­hö­ri­gen der Boli­va­ri­schen Poli­zei, aber auch die wirk­ten zugäng­li­cher als die bis zu den Zäh­nen bewaff­ne­ten Mili­tärs, die seit ein paar Jah­ren zum All­tag euro­päi­scher Bahn­hö­fe und Flug­hä­fen gehören.

Der Ver­kehr nimmt zu, je mehr wir uns der Haupt­stadt nähern. In der Gegend der bei­den Hotels (Hotel Alba – das ehe­ma­li­ge Hil­ton, das heu­te ver­staat­licht ist – und Hotel Meliá) wird er chao­tisch – eine leben­di­ge Groß­stadt. Die Men­schen gehen ihren All­tags­ge­schäf­ten nach. Vom Auto aus sehen wir die klei­nen Läden am Stra­ßen­rand. Das Ange­bot ist nicht rie­sig, zum Teil sind die Geschäf­te geschlos­sen, die Fas­sa­den der Häu­ser abge­wetzt. Aber wir sehen Bäcke­rei­en mit Bro­ten, Metz­ge­rei­en mit Fleisch­wa­ren, Stän­de mit Bana­nen und ande­ren Früch­ten sowie Gemü­se. Der All­tag ist auf­grund der Sank­tio­nen sicher nicht ein­fach, aber von einer »huma­ni­tä­ren Kri­se« kann kei­ne Rede sein. Die Elek­tri­zi­tät ist zumin­dest hier im Gebiet um das Hotel Meliá zu 100 Pro­zent wie­der­her­ge­stellt. Das Inter­net im Hotel funk­tio­niert einwandfrei.

Prä­si­dent Trump spricht davon, dass im Fal­le von Vene­zue­la alle Optio­nen auf dem Tisch sei­en, inklu­si­ve einer mili­tä­ri­schen. Wie Vene­zue­las Außen­mi­ni­ster Jor­ge Arrea­za rich­tig bemerkt, gibt es für Trump aber vor allem eine Opti­on nicht: den Dia­log und eine fried­li­che Lösung der Kon­flik­te mit der Oppo­si­ti­on. Der selbst­er­nann­te Prä­si­dent Guai­dó ruft expli­zit nach einer Mili­tär­in­ter­ven­ti­on in sei­nem Land – also gegen das Volk. Die US-Regie­rung und ihre Mario­net­te Guai­dó wer­den nicht davor zurück­schrecken, den Tod vie­ler Men­schen in Kauf zu neh­men, um das poli­ti­sche Pro­jekt der Boli­va­ri­schen Revo­lu­ti­on zu zerstören.

 

12. April Cara­cas: Heu­te nah­men wir zunächst an einer »ofren­da flo­ral« an der Sta­tue Simón Bolí­vars auf der Pla­za Bolí­var teil. Bolí­var ist der vene­zo­la­ni­sche Natio­nal­held, der im 19. Jahr­hun­dert für ein ver­ein­tes Latein­ame­ri­ka – La Patria Gran­de – zur Befrei­ung Latein­ame­ri­kas von der spa­ni­schen Kolo­ni­al­herr­schaft kämpf­te. Ihm zu Ehren heißt Vene­zue­la heu­te »Boli­va­ri­sche Repu­blik Vene­zue­la«. Bolí­var konn­te sei­nen Traum nicht ver­wirk­li­chen, heu­te fin­det der glei­che Kampf statt, aber gegen die US-Vor­herr­schaft in Latein­ame­ri­ka. Vene­zue­la ringt um natio­na­le Unab­hän­gig­keit und Selbst­be­stim­mung. Ent­ge­gen dem, was unse­re Medi­en schrei­ben, ste­hen die mei­sten Men­schen hier hin­ter der Boli­va­ri­schen Revo­lu­ti­on und Prä­si­dent Nicolás Madu­ro. Und sie sind bereit, die Errun­gen­schaf­ten der letz­ten 20 Jah­re zu ver­tei­di­gen. Das sieht man auch auf der Pla­za Bolí­var. Eine Büh­ne ist dort fest instal­liert. Es fin­den regel­mä­ßig Dar­bie­tun­gen und Podi­ums­dis­kus­sio­nen statt. Die Pla­za Bolí­var – wie auch ande­re wich­ti­ge Plät­ze der Stadt – wird so phy­sisch und poli­tisch Tag und Nacht von den Anhän­gern des Boli­va­ri­schen Pro­zes­ses, den Cha­vi­stas, »besetzt«. Die in einem klei­nen Zelt unter­ge­brach­te »esqui­na cali­en­te« – die »hei­ße Ecke« – ist seit dem geschei­ter­ten Putsch­ver­such gegen Chá­vez im Jahr 2002 Tag und Nacht belegt, um mit der Beset­zung des öffent­li­chen Raums zu ver­hin­dern, dass er von der Oppo­si­ti­on ein­ge­nom­men wird.

»Das Volk«, das ist in erster Linie die armuts­be­trof­fe­ne Bevöl­ke­rung, deren Lebens­be­din­gun­gen sich dank der unter Chá­vez und Madu­ro ein­ge­führ­ten So-zial­pro­gram­me, den »misio­nes« – kosten­lo­se Gesund­heits­ver­sor­gung, kosten­lo­se Bil­dung, gün­sti­ger Wohn­raum, gün­sti­ge Lebens­mit­tel, kosten­lo­ser öffent­li­cher Ver­kehr –, mas­siv ver­bes­sert haben. Die Bevöl­ke­rung ver­tei­digt die­se Errun­gen­schaf­ten. In Vene­zue­la sind die wäh­rend Jahr­zehn­ten mar­gi­na­li­sier­ten und dis­kri­mi­nier­ten, öko­no­misch aus­ge­beu­te­ten Werk­tä­ti­gen zum poli­ti­schen Sub­jekt gewor­den – eine Unge­heu­er­lich­keit für die loka­len und inter­na­tio­na­len Eliten.

Am spä­te­ren Nach­mit­tag fin­det in einem gro­ßen Fest­zelt auf der Pla­za Bicen­ten­a­rio ein Tref­fen von Prä­si­dent Madu­ro mit Dele­gier­ten des Welt­bun­des der Demo­kra­ti­schen Jugend und des Welt­frie­dens­ra­tes statt. Hun­der­te vor allem jun­ge Leu­te fül­len das Zelt. Wir sind als Gäste ein­ge­la­den. Die Föde­ra­ti­on Vene­zo­la­ni­scher Uni­ver­si­täts­stu­den­tIn­nen mar­kiert laut­stark Prä­senz. Dadurch, dass mit dem Boli­va­ri­schen Pro­zess der Zugang zur Bil­dung bis hin zu den Uni­ver­si­tä­ten kosten­los wur­de, haben heu­te auch Men­schen aus den ärme­ren sozia­len Schich­ten Zugang zu Schul­bil­dung und Stu­di­um. 2004 erklär­te die UNESCO Vene­zue­la frei von Analpha­be­tis­mus – eine Revo­lu­ti­on, nach­dem Mil­lio­nen Men­schen bis in die spä­ten 1990er Jah­re hier nicht lesen und schrei­ben konn­ten. Auch hier gilt: Der Groß­teil der Bevöl­ke­rung weiß sehr wohl, was er zu ver­lie­ren hat, soll­te die Oppo­si­ti­on wie­der an die Macht kommen.

Wäh­rend des Tref­fens mit Prä­si­dent Madu­ro ver­le­sen der Prä­si­dent des Welt­bun­des der Demo­kra­ti­schen Jugend (aus Zypern) und die Prä­si­den­tin des Welt­frie­dens­ra­tes (eine Bra­si­lia­ne­rin) Soli­da­ri­täts­bot­schaf­ten. In sei­ner Rede ver­kün­det Prä­si­dent Madu­ro offi­zi­ell die Über­ga­be der 2,6-millionsten Woh­nung an eine vene­zo­la­ni­sche Fami­lie, die vor­her 25 Jah­re lang bei der Mut­ter der Frau gelebt hat­te, weil sie sich kei­ne eige­ne Woh­nung lei­sten konn­te. Bis Ende Dezem­ber 2019 sol­len drei Mil­lio­nen Woh­nun­gen über­ge­ben wer­den, bis 2025 fünf Millionen.

 

13. April Cara­cas: Heu­te fand der offi­zi­el­le Fest­akt der 2. Inter­na­tio­na­len Soli­da­ri­täts­mis­si­on mit Vene­zue­la des Welt­bun­des der Demo­kra­ti­schen Jugend und des Welt­frie­dens­ra­tes statt. 87 Dele­gier­te von 65 Orga­ni­sa­tio­nen aus 45 Län­dern kamen nach Cara­cas, um dem vene­zo­la­ni­schen Volk ihre Soli­da­ri­tät aus­zu­drücken. In ihren Erklä­run­gen ver­ur­teil­ten die Dele­gier­ten die anhal­ten­den poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und media­len Angrif­fe und die Finanz- und Wirt­schafts­blocka­de der US-Regie­rung, ihrer euro­päi­schen Alli­ier­ten und der rech­ten Regie­run­gen Latein­ame­ri­kas gegen Vene­zue­la. Die­se ver­sto­ßen mit ihren Angrif­fen gegen die Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen und das Völ­ker­recht. Die Schwei­zer Dele­ga­ti­on ver­ur­teil­te vor allem die Schwei­zer Regie­rung, die sich den Sank­tio­nen gegen Vene­zue­la ange­schlos­sen hat und damit gegen die tra­di­tio­nel­le Poli­tik der Neu­tra­li­tät und Nicht­ein­mi­schung in die inne­ren Ange­le­gen­hei­ten eines ande­ren Staa­tes ver­stößt. Durch die Sank­tio­nen ver­liert Vene­zue­la nicht nur täg­lich Mil­lio­nen Dol­lar an Ein­nah­men. Das Land wird auch dar­an gehin­dert, Medi­ka­men­te, Lebens­mit­tel und ande­re Güter zu impor­tie­ren, da die US-domi­nier­ten Ban­ken und Finanz­in­sti­tu­te sich wei­gern, Geld­zah­lun­gen aus Vene­zue­la zu über­wei­sen. Die Schwei­zer Groß­bank UBS ver­wei­gert zum Bei­spiel dem Per­so­nal der vene­zo­la­ni­schen Bot­schaft in Bern die Aus­zah­lung des Loh­nes mit der Begrün­dung, Vene­zue­la sei ein »sank­tio­nier­tes Land«. Das staat­li­che Ölför­der­un­ter­neh­men PDVSA, des­sen Infra­struk­tur zu einem Groß­teil aus Maschi­nen und Zube­hör der US-Fir­ma Cater­pil­lar und der deut­schen Fir­ma Sie­mens besteht, erhält seit Jah­ren kaum mehr Ersatz­tei­le für sei­ne Anla­gen. Die bei aus­län­di­schen Ban­ken depo­nier­ten Gold­be­stän­de Vene­zue­las und die Ein­nah­men der vene­zo­la­ni­schen Toch­ter­ge­sell­schaft Cit­go, die in den USA Tank­stel­len betreibt, sind blockiert. Der ehe­ma­li­ge Unab­hän­gi­ge Exper­te des Men­schen­rechts­ra­tes der Ver­ein­ten Natio­nen für die För­de­rung einer demo­kra­ti­schen und gerech­ten inter­na­tio­na­len Ord­nung, Alfred de Zayas, hebt in sei­nem Lage­be­richt zu den Men­schen­rech­ten in Vene­zue­la von August 2018 deut­lich her­vor, dass die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me des Lan­des in erster Linie eine Fol­ge der Sank­tio­nen sind – womit die Sank­tio­nen genau das Ziel erfül­len, das Sank­tio­nen erfül­len sol­len, näm­lich: ein Volk aus­zu­hun­gern und es so gegen die eige­ne Regie­rung auf­zu­brin­gen, um dann mit dem Argu­ment der »huma­ni­tä­ren Kri­se« eine US-geführ­te mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on im Land zu legitimieren.

Jetzt, am spä­ten Nach­mit­tag, fin­det ein Akt zum 70-jäh­ri­gen Bestehen des Welt­frie­dens­ra­tes statt. Die Grün­dung des Welt­frie­dens­rats im April 1949 in Paris war eine Ant­wort auf die NATO-Grün­dung. Der Prä­si­dent des vene­zo­la­ni­schen Frie­dens­ko­mi­tees COSI, Caro­lus Wim­mer, bedankt sich bei den Dele­gier­ten für ihre Soli­da­ri­tät und Unter­stüt­zung. Vor zwei Tagen, am 11. April, ver­kün­de­te der Chef des US-Süd­kom­man­dos, Craig S. Fal­ler, sei­ne Streit­kräf­te sei­en für eine mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on in Vene­zue­la bereit. Wim­mer betont die Wich­tig­keit, ange­sichts der rea­len Bedro­hung und der kon­stan­ten Des­in­for­ma­ti­on durch die west­li­chen Mas­sen­me­di­en klar Posi­ti­on für Vene­zue­la zu bezie­hen. Vene­zue­la hat die welt­weit größ­ten bekann­ten Öl- und Gold­re­ser­ven. Das Land ver­fügt über wich­ti­ge Roh­stof­fe wie Col­tan, Bau­xit, Eisen­er­ze und hat eine der größ­ten Süß­was­ser­re­ser­ven welt­weit. Das weckt Begehrlichkeiten.

 

14. April Cara­cas: Im Hotel Meliá war heu­te Mor­gen die Sonn­tags­aus­ga­be von El Uni­ver­sal, einer der größ­ten Oppo­si­ti­ons­zei­tun­gen, erhält­lich. Der Groß­teil der Medi­en hier – Zei­tun­gen, Fern­se­hen, Radio – gehört pri­va­ten Unter­neh­men. Die Regie­rung hat kei­nen Ein­fluss dar­auf, was sie publi­zie­ren. Wenn unse­re Medi­en behaup­ten, in Vene­zue­la gebe es kei­ne Pres­se­frei­heit, lügen sie. Zen­sur ist auf­grund der Besitz­ver­hält­nis­se in der Medi­en­land­schaft nicht mög­lich. Ein Pro­blem, das Zei­tun­gen aller poli­ti­scher Aus­rich­tun­gen haben: Wegen der Sank­tio­nen fehlt es an Papier, um über­haupt Zei­tun­gen zu drucken.

Am Nach­mit­tag besu­chen wir die Gran Base de Misio­nes de Paz Catia (GBMP) in Cara­cas. Die GBMP sind sozio­kul­tu­rel­le Quar­tier­zen­tren und Zen­tra­len der Regie­rungs­in­itia­ti­ve »movi­mi­en­to por la paz y la vida« (Bewe­gung für Frie­den und für das Leben), deren Ziel es ist, armuts­be­trof­fe­nen Jugend­li­chen eine Alter­na­ti­ve zur (Klein-)Kriminalität zu bie­ten. Obwohl Armut in den letz­ten 20 Jah­ren stark redu­ziert wer­den konn­te, sind Klein­kri­mi­na­li­tät und Ban­den nach wie vor ver­brei­tet. Durch die inter­na­tio­na­len Sank­tio­nen wird die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on zudem (gewollt) wie­der ver­schärft. In der GBMP »Catia« gibt es auf fünf Stock­wer­ken ein brei­tes Ange­bot für sport­li­che Akti­vi­tä­ten: Boxen, Fech­ten, Bas­ket­ball, Tisch­ten­nis, Kraft- und Fit­ness­raum. Dazu Markt­stän­de, an denen Hand­werk ver­kauft wird, und ein Raum zur Schwan­ge­ren­be­treu­ung. Auch Senio­rIn­nen trifft man hier im Stadt­teil­zen­trum an, zum Bei­spiel beim Domi­no­spie­len. Im Erd­ge­schoss befin­det sich ein Kin­der­spiel­platz, im ersten Stock ein Kon­fe­renz­raum. Die geschlos­se­nen Räu­me sind kli­ma­ti­siert, im Erd­ge­schoss und im ober­sten Stock zir­ku­liert eine ange­neh­me Bri­se. Kin­der aus dem Quar­tier erhal­ten in der GBMP zu essen. In der Men­sa wer­den drei­mal täg­lich 250 Essen ser­viert. Alles ist sau­ber und in gutem Zustand – und kosten­los. Eine loka­le Radio­sta­ti­on sen­det direkt aus der GBMP ins Quartier.

Auf der Fahrt zum »Cuar­tel de la mon­ta­ña 4F«, der letz­ten Ruhe­stät­te von Hugo Chá­vez, kom­men wir an einem Base­ball­sta­di­on vor­bei, in dem Kin­der trai­nie­ren und spie­len. So sieht kei­ne huma­ni­tä­re Kri­se aus.

 

15. April Cara­cas: Wir besu­chen die staat­li­che Elek­tri­zi­täts­ge­sell­schaft CORPOELEC in Cha­cao, die für die Ver­tei­lung der Elek­tri­zi­tät im Groß­raum Cara­cas zustän­dig ist. Wegen der Oster­wo­che – sema­na san­ta – ist kaum jemand am Arbei­ten, die mei­sten Arbei­te­rIn­nen sind heu­te auf dem Gelän­de, um ihre »caja CLAP« abzu­ho­len – dazu spä­ter mehr. Wir erhal­ten eine Füh­rung durch die Abtei­lung, die für die Strom­zäh­ler zustän­dig ist. Es sind ver­schie­de­ne Model­le im Umlauf, dar­un­ter chi­ne­si­sche, argen­ti­ni­sche, bra­si­lia­ni­sche Model­le sowie Strom­zäh­ler der Schwei­zer Fir­ma Lan­dis & Gyr. Im Moment wer­den vor allem neue Zäh­ler an Kun­dIn­nen abge­ge­ben, da auf­grund der Sank­tio­nen Ersatz­tei­le, aber auch Werk­zeu­ge, Rei­ni­gungs­mit­tel und Far­be feh­len, um die alten zu repa­rie­ren. Am 7. März und den dar­auf­fol­gen­den Tagen wur­de das Strom­netz in Vene­zue­la sabo­tiert, gro­ße Tei­le von Cara­cas waren eini­ge Tage ohne Strom. Ohne Strom zu sein, das heißt: kein Licht, die Pum­pen för­dern kein Trink­was­ser, es gibt kei­ne Mög­lich­keit, Kre­dit­kar­ten zu benut­zen, Geld abzu­he­ben, Nach­rich­ten zu sehen, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie zu nut­zen, Spi­tä­ler und Pro­duk­ti­ons­stät­ten kön­nen nicht betrie­ben wer­den et cetera.

Die Beleg­schaft der CORPOELEC in Cha­cao arbei­te­te pau­sen­los, so dass die Elek­tri­zi­tät nach fünf Tagen wie­der zur Ver­fü­gung stand. Die Bevöl­ke­rung ver­hielt sich beson­nen, es gab kein Cha­os, kei­ne Plün­de­run­gen, kei­ne Gewalt­ak­tio­nen, die es Guai­dó ermög­licht hät­ten, sich als Ret­ter der Nati­on auf­zu­spie­len und die demo­kra­tisch gewähl­te Regie­rung abzu­set­zen. Dafür nutz­te die orga­ni­sier­te Beleg­schaft der CORPOELEC die außer­ge­wöhn­li­che Situa­ti­on, um die Men­sa des Gelän­des in die eige­nen Hän­de zu neh­men und von nun an in Selbst­ver­wal­tung zu betrei­ben. Wäh­rend unse­res Besuchs wur­de in der Küche Hüh­ner­fleisch ver­ar­bei­tet, Gemü­se geschnit­ten und Fla­den­brot aus Mais­mehl – are­pas – her­ge­stellt. In den Räum­lich­kei­ten der Men­sa wer­den Vor­trä­ge zu The­men wie dem Sabo­ta­ge­akt gegen das Strom­netz, aber auch Geo­po­li­tik und Wirt­schaft orga­ni­siert. In einem Tref­fen mit Mit­glie­dern der sozia­li­sti­schen boli­va­ri­schen Arbei­ter­zen­tra­le erfah­ren wir, dass Out­sour­cing, also die Ver­ga­be von Arbei­ten an Sub­un­ter­neh­men, die immer mit einer Spal­tung der Beleg­schaft und einer Ver­schlech­te­rung der Arbeits­be­din­gun­gen und den Löh­nen ein­her­ge­hen, in Vene­zue­la gesetz­lich ver­bo­ten sind.

Zurück zu den »cajas CLAP« – den CLAP-Kisten. CLAP ist ein von der Regie­rung initi­ier­tes Lebens­mit­tel­ver­sor­gungs­sy­stem, das die Ver­tei­lung von sub­ven­tio­nier­ten Lebens­mit­teln ein­mal im Monat (manch­mal sogar alle zwei Wochen) gegen einen sehr nied­ri­gen Preis an die Bevöl­ke­rung garan­tiert. Zur­zeit wer­den rund sechs Mil­lio­nen Fami­li­en in Vene­zue­la – so gut wie die gan­ze Bevöl­ke­rung von 30 Mil­lio­nen Per­so­nen – über die­ses System mit Grund­le­bens­mit­teln wie Reis, Pasta, Öl, Lin­sen, Mehl, Zucker, Thun­fisch­kon­ser­ven et cete­ra ver­sorgt – unab­hän­gig ihrer poli­ti­schen Aus­rich­tung und ihrer finan­zi­el­len Situa­ti­on. Die Lebens­mit­tel wer­den haupt­säch­lich über zwei Wege ver­teilt: Die »CLAP obre­ro« wer­den den Werk­tä­ti­gen an ihren Arbeits­stel­len über­ge­ben. Die »CLAP comu­nas« wer­den in den Stadt­tei­len von der orga­ni­sier­ten Bevöl­ke­rung ver­teilt. Die Aus­ga­be an die Fami­li­en erfolgt anhand von Listen, für die Logi­stik wer­den hier unter ande­rem die Quar­tiers­zen­tren genutzt. Die Bezah­lung – rund 510 Boli­var bei einem aktu­el­len Min­dest­lohn von 18.000 Boli­var im Monat – erfolgt im Vor­aus. Die Bevöl­ke­rung ist in den Pro­zess ein­ge­bun­den, sie macht ihn über­haupt mög­lich. Auf­ga­ben wer­den an Ver­ant­wort­li­che ver­teilt, die dafür sor­gen, dass alle Fami­li­en ihre Lebens­mit­tel erhal­ten. Wäh­rend der Anschlä­ge auf die Strom­ver­sor­gung im März wur­de das System CLAP dazu benutzt, die Bevöl­ke­rung mit Trink­was­ser zu ver­sor­gen. Die Regie­rung schick­te Zister­nen­wa­gen in die Quar­tie­re, die Bevöl­ke­rung orga­ni­sier­te und sicher­te die Ver­tei­lung des Trink­was­sers an die Men­schen vor Ort.

Die Lebens­mit­tel für die CLAP-Kisten wer­den vor allem aus Mexi­ko impor­tiert und zum Teil ille­gal nach Kolum­bi­en und Bra­si­li­en geschmug­gelt, um dort zu den übli­chen Markt­prei­sen ver­kauft zu wer­den. Seit die Regie­rung Prä­si­dent Madu­ros Ende Febru­ar die Gren­zen zu Kolum­bi­en und Bra­si­li­en schlie­ßen ließ, konn­te die Preis­in­fla­ti­on in Vene­zue­la ein­ge­dämmt wer­den. Aller­dings haben sich die Lebens­be­din­gun­gen für die Grenz­be­völ­ke­rung in den Ort­schaf­ten auf der kolum­bia­ni­schen und bra­si­lia­ni­schen Sei­te mit der Grenz­schlie­ßung mas­siv ver­schärft, da die­se Ort­schaf­ten gro­ßen­teils von den ille­ga­len Lebens­mit­tel- und Benzin-»Importen« aus Vene­zue­la abhän­gig sind. Die wah­re »huma­ni­tä­re Kri­se« besteht in den Grenz­stät­ten in Kolum­bi­en und Brasilien.

Zum Abschluss unse­rer Rei­se besu­chen wir das Pro­jekt Ama­ti­na, ein Bei­spiel für die Selbst­ver­wal­tung der Bevöl­ke­rung: Ama­ti­na ist ein Wohn­kom­plex auf einem ent­eig­ne­ten Stück Land des pri­va­ten Groß­un­ter­neh­men Polar, ein Lebens­mit­tel­groß­händ­ler, der einen Groß­teil der Lebens­mit­tel­im­por­te und -ver­tei­lung in Vene­zue­la kon­trol­liert und aktiv an der künst­li­chen Ver­knap­pung von Lebens­mit­teln betei­ligt ist. Ama­ti­na wird seit 2013 mit­hil­fe der finan­zi­el­len Unter­stüt­zung der Regie­rung im Rah­men der Gran Misi­on Vivi­en­da von den Bewoh­ne­rIn­nen – rund 130 Fami­li­en – gebaut und betrie­ben. Die Men­schen, die sich rund um das Pro­jekt Ama­ti­na orga­ni­siert haben, gehö­ren zu der Bevöl­ke­rungs­schicht, die vor­her obdach­los war oder in einem der bar­ri­os leb­te. Ama­ti­na betreibt eine eige­ne Bäcke­rei, in der zu nicht infla­tio­nä­ren Prei­sen Back­wa­ren ver­kauft wer­den. Zwölf Per­so­nen arbei­ten hier gegen Lohn, sechs in der Mor­gen-, sechs in der Nach­mit­tags­schicht. Im Gar­ten, der zum Kom­plex gehört, wer­den Gemü­se und Arz­nei­pflan­zen ange­baut. Es gibt einen Kin­der­hort. Der Gemein­schafts­raum und das Stu­dio für den Radio­sen­der sind noch im Bau. Die Woh­nun­gen sind modern und groß­zü­gig. Wir spre­chen mit ein paar Frau­en, die offen­sicht­lich stolz dar­auf sind, ihre Woh­nun­gen mit ihren eige­nen Hän­den und ohne Hil­fe von Pri­vat­un­ter­neh­men gebaut zu haben. Frei­wil­li­ge aus ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen hel­fen bei den Arbei­ten, und es gibt Hil­fe von inter­na­tio­na­len Bri­ga­den. Am Abend fin­det eine Ver­samm­lung der Jugend von Ama­ti­na statt. Das poli­ti­sche Bewusst­sein der Jugend­li­chen hier ist unglaub­lich. Sie ken­nen die Geschich­te der spa­ni­schen Kolo­nia­li­sie­rung Latein­ame­ri­kas und der Unab­hän­gig­keits­krie­ge Vene­zue­las. Sie sind bestens über die aktu­el­le Situa­ti­on infor­miert und stolz, ein Teil des Wider­stan­des gegen das US-Impe­ri­um zu sein. Als wir ihnen erzäh­len, dass die Medi­en in der Schweiz berich­ten, in Vene­zue­la herrsch­ten Hun­ger, Cha­os und ein bru­ta­ler Dik­ta­tor, der sein Volk unter­drückt, ver­ste­hen sie die Welt nicht mehr.


Dr. Nata­lie Benel­li lebt in der Schweiz. Sie ist Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin und arbei­tet in der Forschung.