Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kulturbolschewismus jetzt in Hamburg

Im Som­mer 1933 noch hielt er eine Vor­le­sung an der Ham­bur­ger Uni­ver­si­tät – da war er schon zwangs­be­ur­laubt und durf­te sein eige­nes Muse­um nicht mehr betre­ten. Der Titel der Vor­le­sung: »Deut­sche Kunst der letz­ten drei­ßig Jah­re« wies auf sein enga­gier­tes Ein­tre­ten für die zeit­ge­nös­si­sche Moder­ne hin. Der Muse­ums­di­rek­tor mit Haus­ver­bot war Max Sauer­landt, sein Haus das Ham­bur­ger Muse­um für Kunst und Gewer­be. Dort erin­nert eine Aus­stel­lung jetzt (bis März 2020) unter dem Titel: »Ein leben­di­ges Muse­um – Max Sauer­landt und die Ham­bur­gi­sche Sezes­si­on« an die Grün­dung die­ser Ver­ei­ni­gung vor 100 Jah­ren. 350 der Expo­na­te stam­men aus der Samm­lung der Ham­bur­ger Spar­kas­se und sind seit 2002 als Dau­er­leih­ga­be im Muse­um. Infor­ma­tio­nen nur durch Wand­tex­te – kein Katalog.

Zurück zur Vor­le­sung 1933, die 1935 sogar noch als Bro­schur erschien, her­aus­ge­ge­ben von Harald Busch. In einer Vitri­ne auf­ge­schla­gen der Text: »Es hat nie an denen gefehlt, die in den schöp­fe­ri­schen Men­schen der Zeit die Zukunft zu bekämp­fen ver­sucht haben.« Die­ser schöp­fe­ri­schen Men­schen hat­te sich Sauer­landt ange­nom­men und damit des Expres­sio­nis­mus und der Brücke-Maler. Der Vor­le­sungs­text wei­ter: »Man konn­te die Olym­pia Manets zer­schnei­den: man konn­te die Aus­wir­kun­gen der Kunst des fran­zö­si­schen Impres­sio­nis­mus nicht hem­men.« Genau das, was die Nazis ver­such­ten, die alles Wel­sche als deka­dent ablehn­ten und ver­bann­ten. Aber der auf­rüh­re­ri­sche Text geht wei­ter: »Man kann Gemäl­de von den Nägeln neh­men – solan­ge man aber an die [sic] frei gewor­de­nen Haken nicht die Künst­ler selbst auf­hän­gen kann, die die Bil­der gemalt haben, wird ihre Wir­kung nicht auf­hö­ren.« War Sauer­landt ein Visio­när? Sah er schon die Flei­scher­ha­ken in Plöt­zen­see, an denen Wider­stands­kämp­fer gehängt wur­den? Die Bil­der, abge­nom­men von den Wän­den – das geschah bald, um sie als »ent­ar­tet« zu dif­fa­mie­ren. Vie­le Kunst­wer­ke der Sezes­si­ons­mit­glie­der stan­den so am Pran­ger. Die Samm­lung moder­ner Kunst, die Sauer­landt für sein Muse­um zusam­men­ge­tra­gen hat­te – sie wur­de 1937 beschlag­nahmt und aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Ende Sep­tem­ber 1933 hat­ten die Nazis ihm bereits sei­nen Lehr­stuhl ent­zo­gen. Am Neu­jahrs­tag 1934 starb Max Sauer­landt mit 53 Jah­ren. Bevor er ans Ham­bur­ger Muse­um beru­fen wor­den war, wur­de er mit 28 Jah­ren Direk­tor des Muse­ums Moritz­burg in Hal­le (Saa­le). Schon da galt sei­ne Lie­be der Moder­ne. Er ent­deck­te Emil Nol­de und ver­schaff­te ihm 1913 in Hal­le eine Aus­stel­lung. Dar­auf­hin hagel­te es Kri­tik. Wil­helm Bode, der Gene­ral­di­rek­tor der Staat­li­chen Ber­li­ner Kunst­samm­lun­gen, tat sich da beson­ders her­vor. Auch die Brücke-Maler waren ver­pönt. Sauer­landt ließ sich nicht beir­ren und schrieb die erste Bio­gra­fie über Nol­de. Der dank­te es sei­nem För­de­rer mit Por­träts. Auch eine Skulp­tur – die das etwas Vogel­ähn­li­che des Sauer­landt-Kop­fes betont – von Richard Haiz­mann, ist in Ham­burg zu sehen. Er und Nol­de waren kei­ne Mit­glie­der der Sezes­si­on, aber Haiz­mann stell­te mit ihnen aus. Er hat­te sich 1934 nach Nie­büll zurück­ge­zo­gen. Nazi-Anhän­ger stürm­ten dort sein Ate­lier und zer­stör­ten den größ­ten Teil sei­nes Wer­kes. Aus­stel­lungs­ver­bot und 1937 die Ent­fer­nung sei­ner Skulp­tu­ren und Bil­der aus Muse­en – das teil­te er mit vie­len Sezes­si­ons­mit­glie­dern. Nicht Haiz­mann – Nol­de war es, der sich den Herr­schen­den anpass­te und sich spä­ter als Opfer darstellte.

In der Aus­stel­lung: über 40 Druck­gra­fi­ken, Gemäl­de und Pla­ka­te. Auch fre­che Deko­ra­tio­nen für die »Zinnober«-Feste. Und ein gro­ßes Gemäl­de: »Die Kom­mis­si­on des Ham­bur­ger Künst­ler­fe­stes« 1922 von Otto Tet­jus Tügel. Um einen lan­gen Tisch sit­zen nur Män­ner. Ich zäh­le zwölf. Alles in Braun­tö­nen, ganz düster. Im Gra­fik­raum fal­len die Farb­holz­schnit­te von Hein­rich Stein­ha­gen auf. Der in Wis­mar gebo­re­ne Künst­ler schuf die Serie »In Fein­des Land« wäh­rend des Ersten Welt­krie­ges. Das Deck­blatt, beschrif­tet: »Sr. Kgl. Hoheit dem Gross­her­zog Fried­rich Franz 3. von Meckl. Schwe­rin gewid­met – 20 Holz­schnit­te von H. Stein­ha­gen.« Er war als Sol­dat in Frank­reich und Russ­land. Meh­re­re Gra­fik­map­pen ent­stan­den, die scho­nungs­los den Tod auf dem Schlacht­feld zeig­ten und die Lei­den der Zivil­be­völ­ke­rung. Stein­ha­gen deser­tier­te 1918 aus dem Laza­rett, schwer ver­wun­det. Er wur­de Mit­glied der KPD und grün­de­te einen revo­lu­tio­nä­ren Künst­ler­rat. Und er war Initia­tor der Ham­bur­ger Sezes­si­on. Doch bald ver­ließ er die Grup­pe mit 13 Mit­glie­dern. Es hat­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen über Inhalt und Auf­ga­be der Ver­ei­ni­gung gegeben.

Den­noch lob­te der Maler Karl Kluth die »kame­rad­schaft­lich-war­me Zusam­men­ge­hö­rig­keit« ihrer Mit­glie­der. »Alle wur­den Freun­de.« Das änder­te sich auch nicht, als die Nazis an die Macht kamen. Ende März 1933 wur­de die 12. Sezes­si­ons­aus­stel­lung poli­zei­lich geschlos­sen. »Im Inter­es­se der öffent­li­chen Ord­nung«. Wes­halb? Des­halb: »Da die Aus­stel­lungs­ob­jek­te in ihrer über­wäl­ti­gen Mehr­heit zur För­de­rung des Kul­tur­bol­sche­wis­mus geeig­net sind.« Ein Zei­tungs­aus­schnitt klärt auf. Das Gemäl­de von Kluth »Wege­spu­ren II« von 1933 war der Aus­lö­ser. Eine Land­schaft mit hohen Baum­säu­len und im Vor­der­grund eine Weg­kreu­zung. Auf hel­lem Sand vie­le Fahr­spu­ren: rot wie Blut und Schat­ten. Das genüg­te. Er war kein Jude, aber »ent­ar­tet«. Die jüdi­schen Mit­glie­der soll­ten aus der Sezes­si­on aus­ge­schlos­sen wer­den. Auf dem letz­ten Tref­fen am 16. Mai 1933 ent­schie­den alle, sich dem Dik­tat nicht zu beu­gen und erklär­ten ein­stim­mig die Auf­lö­sung der Gemein­schaft. Was für die mei­sten zumin­dest wirt­schaft­li­che Nach­tei­le bedeutete.

Und wie erging es den durch die Ras­sen­ge­set­ze aus­ge­son­der­ten Juden? Kurt Löwen­gard ret­te­te sich durch die Emi­gra­ti­on nach Lon­don. Gret­chen Wohl­will wur­de aus dem Schul­dienst ent­las­sen und emi­grier­te spä­ter nach Por­tu­gal. In Ham­burg ihr Gemäl­de »Die Anpro­be«, zwei Frau­en im inti­men Bei­ein­an­der. Wohl­will ist die ein­zi­ge, die das Grau­en über­leb­te, sie starb 1962 in Ham­burg. Alma del Ban­co, ihr Bild »Mann mit rotem Buch« (1927) mit stark­far­bi­gem Hin­ter­grund hat Anklän­ge an den Kubis­mus. 1937 wur­den 16 Wer­ke von ihr aus der Ham­bur­ger Kunst­hal­le als »ent­ar­tet« beschlag­nahmt. Als sie 1943 die Nach­richt erhielt, nach The­re­si­en­stadt depor­tiert zu wer­den, kam sie dem durch eigen­hän­di­gen Tod zuvor. Ani­ta Rée (sie­he Ossietzky 20/​2017) ver­zwei­fel­te schon 1933 an dem, was kom­men wür­de, und nahm sich auf Sylt das Leben.