Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Eine Genossin erzählt

Es sind die Bei­läu­fig­kei­ten im Text, die die gro­ßen Weis­hei­ten der lan­gen Jah­re gleich­sam wie klei­ne Boo­te sicher und ohne Hast über die zahl­rei­chen Was­ser­läu­fe der Zeit tragen.

Rita beschreibt ihre Kind­heit und Jugend, die Aus­bil­dung, den Beruf und die fami­liä­ren und son­sti­gen Bezie­hun­gen in der DDR. Die Erin­ne­run­gen begin­nen mit dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges in einem Dorf in Thü­rin­gen, in das die Fami­lie zog, als das dama­li­ge Bres­lau, Ritas Geburts­ort, von Hit­ler zur Festung erklärt wor­den war. Und sie füh­ren den Leser bis in das Jahr 1989, das die Autorin in Ost­ber­lin, damals Haupt­stadt der DDR, erleb­te. Hier wohnt sie, selbst Jahr­gang 1938, auch heu­te noch.

Die Erin­ne­run­gen sind chro­no­lo­gisch geord­net und bezie­hen sich auf Ereig­nis­se des eige­nen täg­li­chen Lebens, auch Bil­dungs­er­leb­nis­se. Da es der Autorin gelingt, auf über­höh­te Wer­tun­gen aus nach­träg­li­cher Per­spek­ti­ve zu ver­zich­ten und statt­des­sen ihr Erle­ben in dem jeweils beschrie­be­nen Augen­blick zu benen­nen, wird aus die­sem Lebens­be­richt eine span­nen­de Rei­se, die es dem Leser erlaubt, die all­mäh­li­che Her­aus­bil­dung einer sozia­len Per­son und spä­ter auch qua­li­fi­zier­ten Öko­no­min sowie Frau und Mut­ter zu ver­fol­gen. Die Genau­ig­keit ihres Gedächt­nis­ses ist bestechend. Rita legt in gro­ßer Authen­ti­zi­tät und größt­mög­li­cher, nüch­ter­ner Ehr­lich­keit Zeug­nis von der Lebens­rea­li­tät in der DDR ab, ohne dass an irgend­ei­ner Stel­le anma­ßend oder recht­ha­be­risch ver­all­ge­mei­nert wür­de, son­dern sie bleibt dem Leser gegen­über völ­lig frei­las­send. Gera­de dadurch wird der Text poli­tisch, da die Ver­zwei­gun­gen und Ent­schei­dun­gen auf Ritas Weg die viel­schich­ti­gen innen- und außen­po­li­ti­schen Span­nun­gen im All­tags­le­ben der DDR anhand ihrer sich ent­wickeln­den Lebens- und Wer­tungs­fä­hig­keit und der Bewäl­ti­gung ihres All­ta­ges dar­ge­legt werden.

In der sti­li­sti­schen Klar­heit und der genau­en, unprä­ten­tiö­sen Spra­che spie­gelt sich das Kom­po­si­ti­ons­prin­zip der ein­fa­chen Ent­wick­lung der Gedan­ken im Ablauf der Lebens­jah­re, ohne dass auf kom­pli­zier­te Rück­blicke, red­un­dan­te Zusam­men­fas­sun­gen und Schnick­schnack im Auf­bau zurück­ge­grif­fen wird. Das Buch steht zwi­schen Lebens­be­richt und Erzäh­lung als bel­le­tri­sti­scher Form einer­seits und einem doku­men­ta­risch genau­en Sach­buch, das dem Gebiet der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung zuge­rech­net wer­den kann, andererseits.

Nach­ge­ra­de kuri­os, und ohne Bit­ter­keit vor­ge­tra­gen, mutet der Gang der Autorin durch die Insti­tu­tio­nen von Wirt­schaft, Par­tei und Funk­tio­närs­ka­sten an. Ihre ehr­lich ver­folg­ten, idea­li­sti­schen Zie­le, die der Ver­bes­se­rung und Sta­bi­li­sie­rung sozia­li­sti­scher Ver­hält­nis­se die­nen sol­len, rufen in zuneh­men­der Ver­grö­ße­rung der Wider­sprü­che und Brü­che in der DDR die Sicher­heits­or­ga­ne auf den Plan und füh­ren zu Aus­spä­hung, Bevor­mun­dungs­ver­su­chen und Kar­rie­re­knick. Die­se Absur­di­tä­ten deu­ten die Ana­chro­nis­men der Zeit siche­rer als mit gro­ßem Gestus vor­ge­tra­ge­ne Ankla­gen. Die Autorin wird im Ver­lauf der Ereig­nis­se immer auto­no­mer und stär­ker. Rita fügt ein damals erar­bei­te­tes Mate­ri­al zur Reform der Wirt­schafts­po­li­tik der DDR an, das bekannt­lich ohne Anwen­dung blieb. Dass die heu­ti­gen Ver­hält­nis­se aus ihrer Sicht von dem, was die Autorin als idea­le Gesell­schafts­ver­fas­sung damals erkann­te, viel wei­ter ent­fernt sind als ein wie auch immer ver­bes­se­rungs­wür­di­ger Sozia­lis­mus, ver­steht sich von selbst.

Das Buch ist ein Zeit­zeug­nis, das nur von einer Per­son geschrie­ben wer­den konn­te, die die erzähl­ten Jahr­zehn­te selbst­be­stimmt und vor Ort erlebt hat, und ist daher unwie­der­hol­bar und kost­bar. Ursprüng­lich für die Enkel geschrie­ben, ist es eine gute Schullektüre.

Rita K. Voigt: »Die Genos­sin und der Par­tei­adel«, NORA-Ver­lags­ge­mein­schaft, 226 Sei­ten, 15 €