Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kafka im Stahlgerüst

Es beginnt mit gro­ßem Krach – auf der Büh­ne des Schau­spiel­hau­ses Ham­burg. Da wird in der Dun­kel­heit gehäm­mert und geklopft, geschweißt – dann lässt blen­den­des Licht ein Stahl­ge­rüst aus dem Nebel gigan­tisch her­vor­tre­ten. Ohne Zwei­fel eine Bau­stel­le. Der unga­ri­sche Regis­seur Vik­tor Bodo wagt sich an Franz Kaf­kas Roman­frag­ment »Das Schloss«, an dem sich schon das Tha­lia-Thea­ter vor vier Jah­ren – wenig über­zeu­gend – ver­such­te (Ossietzky 13/​16). Das inein­an­der ver­schach­tel­te Stan­gen­ge­wirr auf der Dreh­büh­ne (Zita Schná­bel) – das Schloss ist es nicht, es ist dem Weg dort­hin vor­ge­la­gert, muss über­wun­den wer­den. Auch nachts wird auf der Bau­stel­le gear­bei­tet, bis zur Erschöpfung.

Ein Mann hat das Schild »Betre­ten ver­bo­ten« miss­ach­tet, steht auf dem Gelän­de mit einem Schloss, einem Vor­hän­ge­schloss in der Hand. Er hat Gewalt aus­ge­übt. Einer, der hier nicht her­ge­hört, ein Frem­der. Er gibt sich als Land­ver­mes­ser aus, obwohl er eher dem Bild eines Land­strei­chers gleicht. Er nennt sich K. (Car­lo Lju­bek), fragt nach einer Unter­kunft. Sein Aus­se­hen, sei­ne Tat, das gewalt­sa­me Ein­drin­gen, machen ihn ver­däch­tig – und die Tat­sa­che, dass er zum Schloss will. Tele­fo­nie­ren? Es kommt ein Mann mit einem trag­ba­ren Tele­fon auf dem Rücken. Vor­aus­schau­end oder komisch, die War­te­schlei­fe, das Unver­ständ­li­che, Abge­hack­te: »Spre­chen Sie jetzt.« – »Oder nie.«

Zwei Rad­fah­rer erschei­nen: Arthur und Jere­mi­as. Sie stel­len sich als Gehil­fen vor. K. kennt sie nicht. Ein Bote, Bar­na­bas, über­gibt einen Brief auf schwar­zem Papier vom Vor­stand der Kanz­lei Klamm. Da heißt es: »Sie sind, wie Sie wis­sen, in die herr­schaft­li­chen Dien­ste auf­ge­nom­men.« Weiß er es wirk­lich? K. will Bestä­ti­gung, will zum Schloss vor­drin­gen – aus­sichts­los. Vom Gemein­de­vor­ste­her erfährt er, dass man kei­nen Land­ver­mes­ser brau­che, es gebe einen Beschluss, doch das Papier ist in den rie­si­gen Akten­ber­gen unter­ge­gan­gen. Hek­ti­sche Suche, die bei­den Gehil­fen und Miz­zi, die alles hier managt, wüten ohne Ergeb­nis. Der kran­ke Vor­ste­her, im Bett resi­die­rend, gibt Anwei­sun­gen. Eine Sze­ne, die bei Kaf­ka skur­ri­le Komik hat, wird hier verschenkt.

Dafür Ero­tik. Die Miz­zi, blond­ge­lockt und auf­rei­zend, sitzt spä­ter im rosa Kor­sett und mit bau­meln­den Bei­nen über dem Bett des Vor­ste­hers. Sie soll K. ver­füh­ren, aber er will dabei sein. Das Stahl­ge­rüst muss erklom­men wer­den, bie­tet Mög­lich­kei­ten, akro­ba­ti­schen Sex zu voll­füh­ren, alles so leicht­hin. Bewun­derns­wert die Kon­di­ti­on der Schau­spie­ler, die auch jon­glie­ren, tan­zen, mit Zau­ber­tricks ver­blüf­fen. Hier­bei hel­fen die vier im Orche­ster­gra­ben ver­bor­ge­nen, Musi­ker, die Erstaun­li­ches lei­sten, die Hand­lung vor­wärts­trei­ben. Obwohl den Land­ver­mes­ser immer wie­der eine uner­klär­li­che Müdig­keit über­fällt, aus der selbst die Frau­en ihn nicht her­aus­ho­len kön­nen – weder Olga, die ver­schüch­ter­te Schwe­ster des Boten Bar­na­bas, noch Frie­da, das Ser­vice-Mäd­chen im Wirts­haus »Her­ren­hof« (Gala Othe­ro Win­ter). Sie gilt als Gelieb­te Klamms, das macht sie für K. inter­es­sant. Klamm, den alle unter­wür­fig fürch­ten, er hat die besten Bezie­hun­gen zum Schloss. Zu sehen ist er nie. K. will Frie­da hei­ra­ten, sagt er. Lie­bes­spie­le zwi­schen dem schwin­del­erre­gen­den Gestän­ge. Flüch­ti­ge Küss­chen. Die Wir­tin des Her­ren­hofs, Gar­de­na (Lina Beck­mann), robbt in ihrer Fül­le die Stan­gen rauf und run­ter – sport­lich-komisch. Sie wer­kelt mit Frie­da in der Küche, ekel­er­re­gen­de Gerich­te zube­rei­tend mit Mes­ser und blu­ti­gen Hän­den: Kat­zen­hühn­chen. Ihr bös­ar­ti­ges Lachen über die Hei­rats­plä­ne schallt als Echo im Raum zurück. Sie kennt Klamm, war ein­mal sei­ne Gelieb­te, kann ihn nicht ver­ges­sen. Klam­mert sich an ein Stück Sei­fe – ein Geschenk von ihm – wie an eine Reli­quie, leckt dar­an, um sich etwas von Klamm einzuverleiben.

Spä­ter wen­det sich Frie­da von K. ab und dem Gehil­fen Jere­mi­as zu. Der steht oben im offe­nen Bade­man­tel, dar­un­ter ist er nackt – zwei Ham­bur­ger aus der ersten Rei­he gehen. Jere­mi­as ruft nach Frie­da. Die rot­haa­ri­ge Pepi ver­tritt Frie­da, ver­sucht alles, um auf sich auf­merk­sam zu machen, doch K. will nach oben, ins Schloss. Es ste­hen jedoch Genera­tio­nen auf der War­te­li­ste der Kanz­lei, heißt es. Und vie­le Sekre­tä­re sind vor­ge­schal­tet. Auch K. soll sich befra­gen las­sen, einem Ver­hör unterziehen.

Vor­her trifft er auf den Leh­rer, der – ohne Kin­der – unter­rich­tet und mit einem Rie­sen­line­al schlägt. Den einen der bei­den Gehil­fen K.s, die nur Unsinn machen, trifft es. Er wird dazu aus­er­se­hen, geschla­gen zu wer­den. Wie kom­men Beschul­di­gun­gen zustan­de? Der Land­ver­mes­ser wird zum Schul­die­ner ernannt.

Ein raf­fi­nier­tes Stil­mit­tel wird immer mal wie­der ein­ge­setzt: Es schiebt sich eine hauch­dün­ne Wand vor die Büh­ne, lässt Men­schen als Schat­ten erschei­nen. Wie im Stumm­film agie­ren die Gestal­ten, arbei­ten sich an den Maschi­nen zu Tode – »Moder­ne Zei­ten«? Auch Akten­stücke flat­tern wie Vögel durch den Raum. Mensch­li­che Gesich­ter wer­den auf die Wand pro­ji­ziert, durch­schei­nend wie Gei­ster. Dazu Klavierbegleitung.

Hat auch K. geschla­gen? Er wird vor­ge­la­den. Alle wis­sen, dass er es ablehn­te, ver­hört zu wer­den. Zum Umfeld des Schlos­ses gehö­ren vie­le Ver­hör-Spe­zia­li­sten, die lau­ern auf Arbeit. War es Erlan­ger, der Sicher­heits­chef, der K. auf­klärt: »Mei­ne Auf­ga­be ist es, Ihre Akte zu schlie­ßen.« Sie ste­hen bei­de ganz oben auf einem Podest, mit dem Rücken zum Publi­kum. Die hauch­dün­ne Wand, die sie von der rea­len Welt trennt, zwi­schen ihnen. Ihre Gesich­ter, rie­sen­groß von vorn. Erlan­ger malt K. die Zukunft aus, spricht von der klaf­fen­den Lee­re, die K. nicht ertra­gen kön­ne. Spricht von der Dro­hung, auf dem Elek­tri­schen Stuhl zu enden. K.s Geschich­te ent­wick­le sich gar nicht wei­ter. »Haben Sie Klamms Brief mit? Ver­nich­ten Sie ihn.« K: »Dann wür­de ich den Beweis mei­ner Exi­stenz ver­nich­ten.« Schließ­lich zer­reißt K. den Brief und fühlt sich erleich­tert. Nebel wallt, Chor­ge­sang. Ver­hei­ßun­gen: Ein­gang in die Gene­ral­kanz­lei des Schlos­ses. K., der als Frem­der von weit­her gekom­men ist, kann nun die Stu­fen des Schlos­ses betre­ten, hoch hin­auf. Ver­spre­chun­gen: eige­ne Sekre­tä­rin, Schreib­tisch, viel Geld, Aner­ken­nung. Zag­haf­te Fra­ge von K: »Wenn ich hoch gehe, kann ich dann auch wie­der run­ter?« Jemand steckt K. einen Schlüs­sel zu. Vie­le, vie­le Schlös­ser fal­len – wie im Mär­chen – vom Him­mel. Wozu passt der Schlüs­sel? Ein star­kes Licht blen­det, auch die Zuschau­er. Ist K. jetzt Klamm? Oder ist er tot? Oder nur erschöpft? Hoch oben, sei­ne klei­ne Gestalt – nie­mand sonst. Oder liegt er ganz unten, abgestürzt?

Die Fra­gen sind vor­pro­gram­miert. Kaf­kas Text ende­te viel frü­her, der Schluss: offen. Das Stück nimmt gefan­gen, fas­zi­niert – viel Platz für Phan­ta­sie. Kaf­ka selbst steht dane­ben, ein wenig.