Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Himmel kennt keine Günstlinge

Der Zufall woll­te es, dass wir am Spät­nach­mit­tag des 20. Febru­ar auf dem Ham­bur­ger Rat­haus­markt plötz­lich neben­ein­an­der stan­den, als zwei von über 600 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mern an der spon­ta­nen Kund­ge­bung zum Geden­ken an die Anschlags­op­fer von Hanau: Car­sten Bros­da, seit Febru­ar 2017 Sena­tor der Ham­bur­ger Behör­de für Kul­tur und Medi­en, und ich, der sich gera­de mit sei­nen bei­den neue­sten Büchern befasste.

Der erste Essay – »Die Zer­stö­rung – War­um wir für den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt strei­ten müs­sen« – ist im Som­mer 2019 auf Anre­gung der Pro­gramm-Ver­lags­lei­te­rin von Hoff­mann und Cam­pe ent­stan­den, wie Bros­da ger­ne berich­tet. Anlass waren die Wahl zum Euro­päi­schen Par­la­ment und die wäh­rend des Wahl­kamp­fes durch einen Clip des You­Tubers Rezo mit dem Titel »Die Zer­stö­rung der CDU« aus­ge­lö­ste auf­ge­reg­te Kon­tro­ver­se. Die­se Dis­kus­sio­nen, so Bros­da, »las­sen sich als stell­ver­tre­tend für eine Ent­frem­dung zwi­schen Poli­tik und Tei­len der Gesell­schaft auf­fas­sen«, ähn­lich wie die Debat­ten über die Teil­nah­me von Schü­le­rin­nen und Schü­lern wäh­rend der Unter­richts­zeit an den Fri­days-for-Future-Demon­stra­tio­nen oder über die euro­päi­sche Urheberrechtsrichtlinie.

In allen Fäl­len sei es der Poli­tik »augen­schein­lich nicht gelun­gen«, über die »übli­chen stra­te­gie­lo­sen Refle­xe« hin­aus zum »inhalt­li­chen Kern der offen­sicht­li­chen Wut der zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kri­tik vor­zu­drin­gen«. Sie habe »die Zer­stö­rung eher als Stö­rung des poli­tisch-kom­mu­ni­ka­ti­ven Rou­ti­ne­mo­dus« betrach­tet, statt mit »Respekt und Ernst­haf­tig­keit … auf die Lei­den­schaft der Kri­tik [zu] reagieren«.

Zer­stö­rung all­über­all, die Über­schrif­ten der ein­zel­nen Kapi­tel sol­len es bele­gen: Zer­stö­rung des öffent­li­chen Gesprächs, der Mit­te, der offe­nen Gesell­schaft, des Pla­ne­ten, der Zuver­sicht, der Volks­par­tei­en. Bros­da warnt aller­dings vor dem Modus der Zer­stö­rung als Prin­zip einer neu­en Poli­tik, »die sich über das Ver­sa­gen der Ver­ant­wor­tungs­trä­ge­rin­nen und -trä­ger so sehr auf­regt, dass uns jeg­li­che Legi­ti­ma­ti­on demo­kra­tisch reprä­sen­ta­ti­ver Poli­tik abhan­den zu kom­men droht«.

Dass Bros­da außer Poli­tik­wis­sen­schaft auch Jour­na­lis­mus stu­diert hat, kommt der Les­bar­keit sei­ner bei­den Bücher, aber auch sei­nen Vor­trä­gen zugu­te (in denen kein ein­zi­ges »Ähm« Sprech­pau­sen füllt). Gera­de weil er sei­nen Haber­mas gele­sen hat – und nicht »obwohl« – hat er gelernt, sein Hand­werk zu den­ken, bevor er sein Tage­werk, das All­tags-Geschäft, beginnt. Wenn er in einem Vor­trag über »Wer­te und Zusam­men­halt« in einem Senio­ren­heim schon mal das heu­ti­ge Inter­net mit Brechts Radio­theo­rie ver­gleicht (sie­he dazu in Brechts »Schrif­ten«: »Der Rund­funk als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ap­pa­rat«, Juli 1932) oder als Gast­red­ner bei einem win­ter­li­chen Grün­koh­les­sen den fran­zö­si­schen Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger und Phi­lo­so­phen Albert Camus als Kron­zeu­gen her­an­zieht, wirkt das weder auf­ge­setzt noch über die Köp­fe hinweggesprochen.

Und dass Bros­da Sozi­al­de­mo­krat ist – er war Lei­ter der Abtei­lung Kom­mu­ni­ka­ti­on des SPD-Par­tei­vor­stands, bevor er 2011 als Lei­ter des Amtes Medi­en zu Olaf Scholz nach Ham­burg kam, und er ist Vor­sit­zen­der des Kul­tur­fo­rums der Sozi­al­de­mo­kra­tie –, das bleibt in dem Essay nicht ver­bor­gen. Was ihn umtreibt ist die Fra­ge, wie die Volks­par­tei­en, die 70 Jah­re lang für die Poli­tik der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land prä­gend waren, heu­te auf »die Zer­stö­rung des gesell­schaft­li­chen Gesprächs­zu­sam­men­hangs, die Ver­ächt­lich­ma­chung gemein­wohl­ori­en­tier­ter Kom­pro­mis­se, auf die neue Pola­ri­tät des gesell­schaft­li­chen Dis­kurs­raums ent­lang der bei­den angst­be­setz­ten Dis­kurs­ker­ne Migra­ti­on und Viel­falt auf der einen sowie Umwelt- und Kli­ma­schutz auf der ande­ren Sei­te« reagie­ren können.

Im Hin­blick auf die zukünf­ti­ge SPD nimmt Bros­da Anlei­he beim frü­he­ren sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Peter Glotz – sicher­lich eines sei­ner intel­lek­tu­el­len Vor­bil­der. Die­ser wies schon Anfang der acht­zi­ger Jah­re sei­ne Par­tei auf die Not­wen­dig­keit hin, »dass sie Poli­tik nicht aufs Admi­ni­stra­ti­ve schrump­fen lässt. Sie muss die Par­tei als Lebens­raum, als Forum der Kom­mu­ni­ka­ti­on, als Organ der Bewusst­seins­bil­dung neu organisieren«.

Bros­da: »Des­halb greift es zu kurz, wenn gesagt wird, es rei­che aus, den kom­mu­nal­po­li­ti­schen Prag­ma­tis­mus der Par­tei auf die Bun­des­ebe­ne zu ver­län­gern.« Es brau­che stra­te­gi­sche und intel­lek­tu­el­le Kom­pe­tenz, »die die Par­tei anschluss­fä­hig macht an gesell­schaft­li­che Grund­strö­mun­gen«. Eine Mit­te-links-Par­tei zu sein bedeu­te, »einen poli­ti­schen Kern als Mit­te der Gesell­schaft zu defi­nie­ren und dann um Zustim­mung zu die­ser Pro­gram­ma­tik zu wer­ben, mit dem Ziel, die Mit­te um die­sen pro­gram­ma­ti­schen Pol her­um zu schaffen«.

»Die Kunst der Demo­kra­tie – Die Bedeu­tung der Kul­tur für eine offe­ne Gesell­schaft«, das zwei­te Bros­da-Buch, ist vor kur­zem erschie­nen. Es beginnt mit einem Zitat aus dem Gruß­wort Wil­ly Brandts im Sep­tem­ber 1992 an den Kon­gress der Sozia­li­sti­schen Inter­na­tio­na­le in Ber­lin: »Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dau­er. Dar­um – besinnt Euch auf Eure Kraft und dar­auf, dass jede Zeit eige­ne Ant­wor­ten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt wer­den soll.« Für Bros­da hat Brandt damit an eine Selbst­ver­ständ­lich­keit auf­ge­klär­ter Gesell­schaf­ten erin­nert: »Alles in der Moder­ne ist kon­tin­gent und muss stän­dig neu errun­gen wer­den – kul­tur- und gei­stes­ge­schicht­lich.« Der Him­mel kennt halt kei­ne Günstlinge.

Eine hoch­ak­tu­el­le Mah­nung in einer Zeit, da »nicht nur in Deutsch­land, son­dern in vie­len Indu­strie­na­tio­nen sich popu­li­sti­sche Rück­schrit­te fest­stel­len las­sen«. In einer Zeit, in der »die Beschwö­run­gen tra­di­tio­nel­ler und oft apo­dik­ti­scher Posi­tio­nen von Wür­de, kul­tu­rel­ler Homo­ge­ni­tät und natio­na­ler Selbst­be­stim­mung zuneh­mend dröh­nen­der wer­den« und »aus tief­sit­zen­dem Unbe­ha­gen an der frei­heit­li­chen und offe­nen Gesell­schaft der Moder­ne« her­aus ein auch kul­tu­rel­ler Kampf geführt wird gegen Offen­heit, Viel­falt und Freiheit.

Die Fra­ge nach dem gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt und die Rol­le, die die Kunst dabei ein­neh­men kann – die Lage ist viel zu ernst, um hier »spie­len« zu schrei­ben –, treibt Bros­da um. Für ihn ist die Frei­heit der Kunst auch immer ein Grad­mes­ser der demo­kra­ti­schen Freiheit.

 

Car­sten Bros­da: »Die Zer­stö­rung«, 175 Sei­ten, 18 €; »Die Kunst der Demo­kra­tie«, 253 Sei­ten, 24 €, bei­de Hoff­mann und Campe

Nach­trag: Am 23. Febru­ar wur­de Bros­da mit 7933 Per­so­nen­stim­men über die Lan­des­li­ste wie­der in die Ham­bur­gi­sche Bür­ger­schaft gewählt, nur drei SPD-Kan­di­da­ten erreich­ten mehr Per­so­nen­stim­men. Schon drei Tage spä­ter sahen sich Kul­tur­schaf­fen­de der Han­se­stadt – NDR: »Das ›Who’s who‹ der Ham­bur­ger Kul­tur« – ver­an­lasst, mit einem Offe­nen Brief an den bis­he­ri­gen Bür­ger­mei­ster Peter Tschent­scher und sei­ne bis­he­ri­ge Stell­ver­tre­te­rin Katha­ri­na Fege­bank her­vor­zu­tre­ten. Sie erho­ben die For­de­rung, dass die Kul­tur­be­hör­de wie­der »mit der der­zeit fach­lich qua­li­fi­zier­te­sten Per­son, also mit Car­sten Bros­da besetzt wird«. Mit ihm habe die Kul­tur­po­li­tik der Stadt einen gro­ßen Schritt nach vorn gemacht. Hin­ter­grund war die Sor­ge, dass im Zuge von Neu­be­set­zun­gen ein­zel­ner Sena­to­ren­po­sten plötz­lich aus Pro­porz­grün­den an der Spit­ze der Kul­tur­be­hör­de ein neu­er Name auf­tau­chen könnte.