Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit

Post aus Utah. Pro­fes­sor Alan Kee­le von der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät hat­te vor 50 Jah­ren aus Mate­ria­li­en der VVN und Gün­ter Grass‘ Buch »Ört­lich betäubt« von Hel­muth Hübe­ner erfah­ren und ver­brei­te­te die über ihn gewon­ne­nen Infor­ma­tio­nen in den USA, wo seit­her über Hel­muth Hübe­ner in Schul­bü­chern zu lesen ist. Hübe­ner war der jüng­ste vom Volks­ge­richts­hof zum Tode ver­ur­teil­te Wider­stands­kämp­fer (sie­he Ossietzky 16/​2017, 9/​2019, 16/​2019). Alan Kee­le schrieb mir nun: »Weißt du was? Ich habe neu­lich an Mitt Rom­ney geschrie­ben, ihm von Hel­muth erzählt und ihn auf­ge­for­dert, sich an Hel­muth zu ori­en­tie­ren, damit er vor der Geschich­te mit ruhi­gem Gewis­sen bestehen kann. Wer weiß, ob er davon Kennt­nis nahm?«

Mitt Rom­ney, Sena­tor aus Utah und die ein­zi­ge repu­bli­ka­ni­sche Stim­me gegen Donald Trump im Impeach­ment-Ver­fah­ren, ist wie Hübe­ner Mor­mo­ne. Der 17-jäh­ri­ge Ver­wal­tungs­lehr­ling Hübe­ner hat­te 1941 begon­nen, Flug­blät­ter aus BBC-Berich­ten zusam­men­zu­stel­len und mit drei Freun­den in Ham­burg zu ver­brei­ten. Er wur­de des­we­gen am 27. Okto­ber 1942 in Ber­lin Plöt­zen­see ermordet.

Ich schrieb: »Dan­ke, lie­ber Alan. Ich bin sicher, dass Rom­ney nicht nur poli­ti­sche, son­dern auch mora­li­sche Dif­fe­ren­zen mit Trump hat. Und er scheint dei­nen Rat befolgt zu haben. Über­all, wo sich jun­ge Leu­te mit Hel­muth beschäf­ti­gen, hat es eine gute Wir­kung. Du hät­test mal die jun­gen Häft­lin­ge in Ber­lin-Plöt­zen­see sehen sol­len, wie sie ergrif­fen die Tex­te von Hel­mut vor­tru­gen – auch sei­nen letz­ten Brief. Die jun­gen Leu­te spra­chen auf einer Ver­an­stal­tung zur Namens­wei­he der Jugend­ge­fäng­nis­schu­le in Plöt­zen­see, die nun Hübe­ners Namen trägt.«

Ein Brief spiel­te auch im letz­ten Hübe­ner-Wett­be­werb an der Hel­muth-Hübe­ner-Schu­le in Ham­burg-Barm­bek eine Rol­le. Die AfD hat­te ver­langt, dass in Schu­len nicht »schlecht« über sie oder Ras­sis­mus gere­det wer­de, und als Bür­ger­schafts­frak­ti­on Druck auf die Schu­len aus­ge­übt, ent­spre­chen­de Schrif­ten zu ver­nich­ten. Die Schü­ler schrie­ben einen offe­nen Brief gegen das Vor­ge­hen der AfD, die Medi­en grif­fen ihn auf.

Die Schü­ler der Ham­bur­ger Schu­le stell­ten auch Kis­sen her, die sie für gute Zwecke ver­kau­fen. Dar­auf steht: What would Hel­muth do? Viel­leicht hat sich der Sena­tor Mitt Rom­ney auch die­se Fra­ge gestellt und sich dann rich­tig entschieden.

Heri­bert Prantl hat jetzt in der Süd­deut­schen Zei­tung vom 9. Febru­ar an den Exo­dus erin­nert, der im Zwei­ten Buch des Alten Testa­ments als Aus­zug der Israe­li­ten trocke­nen Fußes durchs Meer geschil­dert wird. Er for­dert Hil­fen für jene, die beim heu­ti­gen Exo­dus durchs Meer weni­ger Glück haben, son­dern zu ertrin­ken dro­hen. Ein gutes Bei­spiel sei das Schiff der evan­ge­li­schen Kir­che, das auf Beschluss des Kir­chen­ta­ges ange­schafft und als Ret­tungs­schiff ein­ge­setzt wer­den soll. Prantl: »Die Initia­ti­ve beher­zigt die Sät­ze aus den Flug­blät­tern der Wei­ßen Rose – die ihre eige­ne Bedeu­tung zu jeder Zeit haben, auch in der heu­ti­gen: ›Zer­reißt den Man­tel der Gleich­gül­tig­keit, den Ihr um Euer Herz gelegt‹.«

Was wür­den die Geschwi­ster Scholl, was wür­de Hel­muth Hübe­ner, was wür­den die Edel­weiß­pi­ra­ten heu­te tun? Jene, die den Wider­stand und die Nazi­zeit über­leb­ten, sie grün­de­ten nach 1945 die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes. Von den Grün­de­rin­nen und Grün­dern leben heu­te kaum noch wel­che, aber ihre Kin­der und Enkel wir­ken in ihrem Sin­ne. Und in die­ser Situa­ti­on glaubt eine reak­tio­nä­re Poli­tik zur Tat schrei­ten und ver­su­chen zu kön­nen, die VVN-BdA zu ver­nich­ten. Zu ver­su­chen, den »Saat­bo­den eines neu­en Faschis­mus«, wie Jür­gen Haber­mas die AfD nennt, in Erfurt kräf­tig zu dün­gen. Spä­te­stens jetzt gilt: Zer­reißt den Man­tel der Gleichgültigkeit.