Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Monatsrückblick: Große Schnauze, nichts dahinter

Die USA befin­den sich mit­ten in einem Wirt­schafts­auf­schwung, wie ihn die Welt noch nicht gese­hen habe, tön­te Prä­si­dent Trump beim Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos und bei sei­ner Rede zur Lage der Nati­on. Gro­ße Schnau­ze – und dahin­ter? Ein Wirt­schafts­wachs­tum von sage und schrei­be 2,3 Pro­zent im Jahr 2019. Aber auch in den USA ist der Auf­schwung eher mit der Lupe zu suchen und nimmt zuse­hends ab.

Die Vor­wah­len der Par­tei der Demo­kra­ten in Iowa wer­den zum Desa­ster, weil die App nicht funk­tio­nier­te. Jetzt behaup­tet jeder der Kan­di­da­ten, er habe gewon­nen. Das ken­nen wir sonst nur aus Boli­vi­en, und dar­auf folgt immer ein Putsch! Wer mar­schiert jetzt bei den Demo­kra­ten ein? Oder in Thüringen?

Die FDP stellt dort einen Tag lang den Mini­ster­prä­si­den­ten, gewählt von AfD und CDU. »Deutsch­land ist noch nicht ver­lo­ren« jubelt der Ber­li­ner AfD-Frak­ti­ons­chef Georg Pazder­ski (www.sueddeutsche.de, 5.2.20). Aber der erste FDP-Mini­ster­prä­si­dent, Tho­mas Kem­me­rich hat nach einem Tag bereits ver­lo­ren. Sein Par­tei­chef reist extra an, um ihm den Rück­tritt nahe­zu­le­gen. Und es hat wei­te­re Fol­gen, dass die AfD so unge­niert die Macht ihrer Stim­men demon­strier­te. Der Bun­des­vor­stand der CDU for­dert Neu­wah­len in Thü­rin­gen, aber die Thü­rin­ger CDU will das nicht. Auch bun­des­weit dau­ert es nach dem Coup eini­ge Zeit, um zu einer ein­heit­li­chen Hal­tung in der CDU zu fin­den. Der Tweet der Staats­mi­ni­ste­rin für Digi­ta­les im Kanz­ler­amt, Doro­thee Bär (CSU), in dem sie »Herz­li­chen Glück­wunsch, lie­ber Tho­mas Kem­me­rich« geschrie­ben hat­te, wird vor dem Auf­tritt Söders gelöscht, der von einem »inak­zep­ta­blen Damm­bruch« spricht. (ebd., 5.2.20)

»Unver­zeih­lich!« tönt Ange­la Mer­kel aus Afri­ka. Dabei regiert die AfD in Fra­gen der Migra­ti­ons­po­li­tik jetzt schon unein­ge­stan­den mit. Offen­bar gilt bei CDU und FDP das Mot­to: Immer noch bes­ser Faschi­sten, die mit­re­gie­ren, als Lin­ke, die regie­ren. Die AfD ist – das wird immer kla­rer – eine Opti­on der Herr­schen­den, wei­ter unge­stört gegen die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung regie­ren zu kön­nen. In der EU haben sie es vor­ge­macht: Ursu­la von der Ley­en wur­de mit den Stim­men von Rechts­ex­tre­men ins Amt gehievt, für das sie von kei­ner Par­tei nomi­niert wor­den war. Das ist eine ande­re Dimen­si­on als ein »aus Ver­se­hen« gewähl­ter Mini­ster­prä­si­dent in einem Bun­des­land mit unse­li­ger Tradition.

Der erste NSDAP-Mann in einer Lan­des­re­gie­rung war 1930 Wil­helm Frick – in Thü­rin­gen. Mit Björn Höcke teilt er den Ras­sis­mus: »Wider die Neger­kul­tur für deut­sches Volks­tum«, gegen »Ver­seu­chung durch fremd­ras­si­ge Unkul­tur« waren Fricks erste Erlas­se. Das klingt zwar alt­mo­di­scher, ist aber nichts ande­res als Höckes Auf­ruf, sich der »fort­schrei­ten­den Afri­ka­ni­sie­rung, Ori­en­ta­li­sie­rung und Isla­mi­sie­rung« zu wider­set­zen. (Zita­te nach jW, 6.2.20)

Und es wird zurück­ge­wi­chen. Der MDR bringt kaum noch etwas Kritisches.

Gleich meh­re­re gro­ße Schnau­zen in Deutsch­land zeig­ten, dass nichts dahin­ter steckt: Fuß­ball­trai­ner Klins­mann kann »sein Poten­ti­al als Trai­ner nicht mehr aus­schöp­fen« (MAZ, 15./16.2.20) und ver­lässt Knall auf Fall Her­tha BSC. Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er fühlt sich als Opfer einer Fehl­kon­struk­ti­on, will nicht Kanz­le­rin wer­den und für den zukünf­ti­gen Kanz­ler­kan­di­da­ten der CDU auch den Par­tei­vor­sitz abge­ben. Mike Mohring kün­digt nach dem Desa­ster von Erfurt die Neu­wahl eines Par­tei­vor­sit­zen­den der CDU Thü­rin­gen an.

Gro­ße Töne wer­den nach dem Anschlag von Hanau gespuckt. Jetzt wei­sen vie­le Poli­ti­ker ankla­gend auf die AfD – aber wer mit dem Zei­ge­fin­ger auf einen ande­ren zeigt, zeigt mit den ande­ren Fin­gern auf sich selbst.

»Die ara­bi­sche Gefahr« heißt ein Best­sel­ler, der die Clan­kri­mi­na­li­tät in Deutsch­land zum The­ma hat (vgl. Ulla Jel­pke in Ossietzky 4/​20). Die­se Clan­kri­mi­na­li­tät kon­zen­triert sich offen­bar in Shi­sha-Bars. Jeden­falls machen die Behör­den Shi­sha-Bars zum bevor­zug­ten Ziel von mar­tia­li­schen Raz­zi­en, um angeb­lich die Clan­kri­mi­na­li­tät zu bekämp­fen. Jetzt hat am 20. Febru­ar ein gewis­ser Tobi­as R. in Hanau die Sache in die eige­nen Hän­de genom­men. Gei­stes­krank? Ist es dann die Poli­zei auch?

Rai­ner Rahn, hes­si­scher Mini­ster­prä­si­den­ten­kan­di­dat der AfD, hat in der FAZ vom 21. Febru­ar eine gro­ße Schnau­ze: »Shi­sha-Bars sind Orte, die vie­len miss­fal­len, mir übri­gens auch. Wenn jemand per­ma­nent von so einer Ein­rich­tung gestört wird, könn­te das irgend­wie auch zu einer sol­chen Tat beitragen.«

Gro­ße Schnau­ze, nichts dahin­ter? Nein, die AfD-Jugend Ber­lin wirbt ganz offen um Jugend­li­che, die »gut jagen und ent­sor­gen« kön­nen. Denen »Lin­ke und Gut­men­schen auf die Ner­ven gehen«, die »Herr im eig­nen Haus« sein wol­len. (zitiert nach: www.volksverpetzer.de)