Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Werkkreis Literatur der Arbeitswelt

Lan­ge gab es eine Fehl­stel­le in der Lite­ra­tur der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Das hat­te den Lite­ra­tur­kri­ti­ker Heinz Lud­wig Arnold dazu ver­an­lasst, iro­nisch zu fra­gen, ob denn in der Bun­des­re­pu­blik über­haupt nicht gear­bei­tet wer­de. Am 7. März 1970, also vor 50 Jah­ren, wur­de in Köln der »Werk­kreis Lite­ra­tur der Arbeits­welt« gegrün­det. Bis etwa Mit­te der acht­zi­ger Jah­re war die Autoren­grup­pe ein beach­tens­wer­ter Fak­tor in der Lite­ra­tur­sze­ne der dama­li­gen Bun­des­re­pu­blik mit teil­wei­se hohen Auf­la­gen ihrer Bücher. Vor­aus­ge­gan­gen war ein hef­ti­ger Streit in der bekann­ten »Dort­mun­der Grup­pe 61«, die das The­ma Arbeits­welt in der noch jun­gen Bun­des­re­pu­blik über­haupt salon­fä­hig gemacht hat­te. Deren Mit­strei­ter waren schnell bekannt gewor­den. Aber die Grup­pe woll­te das The­ma nur dar­stel­len; mit­tels Lite­ra­tur Ver­än­de­run­gen im Inter­es­se der Arbei­ter zu errei­chen, war nicht ihr erklär­tes Ziel. Das aber woll­te eine Min­der­heit in der Grup­pe, die sich um den Köl­ner Autor Eras­mus Schö­fer schar­te, und als es kei­ne Eini­gung gab, kam es zur Spal­tung. Der Werk­kreis begriff sich von Anfang an als eine Grup­pe, die die Kämp­fe der Arbei­ter lite­ra­risch beglei­ten woll­te, anfangs mit eher höl­zer­nen Agit­prop­tex­ten, dann aber sehr schnell mit lite­ra­risch anspruchs­vol­len Roma­nen, Erzäh­lun­gen und Gedich­ten. Als poli­ti­sche Ori­en­tie­rung galt ihr dabei das Gewerk­schafts­pro­gramm, auf das sich die unter­schied­li­chen Strö­mun­gen, die sich im Werk­kreis zusam­men­fan­den, eini­gen konn­ten: Par­tei­lo­se, SPD- und DKP-Mitglieder.

Der Werk­kreis bestand zu besten Zei­ten aus einem guten Dut­zend Werk­stät­ten in nahe­zu allen Groß­städ­ten, in denen sich Arbei­ter, Stu­den­ten, Ange­stell­te und Schrift­stel­ler tra­fen, um gemein­sam Tex­te zu bespre­chen und zu ver­bes­sern. In Dort­mund wur­de die Grup­pe von dem Lyri­ker Paul Pol­te gelei­tet, einem pro­le­ta­ri­schen Erich Käst­ner, der mit dem Maler Hans Tom­b­rock befreun­det war und der wie­der­um mit Brecht. »Wer hat heu­te was zu lesen mit?«, frag­te Pol­te zu Beginn jeder Sit­zung, dann wur­de gele­sen und hart, manch­mal knall­hart kri­ti­siert. Kei­nem der Mit­glie­der ist dabei ein Ver­riss erspart geblie­ben, was abhär­te­te für die Zukunft, als aus den Werk­kreis­au­toren langst Ein­zel­kämp­fer gewor­den waren. Im zwei­ten Teil der Sit­zun­gen wur­den Buch­pro­jek­te geplant, etwa für die Fischer-Taschen­buch-Rei­he des Werk­krei­ses, in der über 50 Erzähl­bän­de, Roma­ne und Repor­ta­gen erschie­nen mit einer Gesamt­auf­la­ge von über einer Mil­li­on. Die Werk­statt Dort­mund gab drei die­ser Bän­de her­aus, unter ande­rem zum The­ma Sport und zum Altern in einer kapi­ta­li­sti­schen Gesell­schaft. Das geschah in einer spä­te­ren Pha­se, als der Werk­kreis den engen Begriff der Arbeits­welt als Ort der Pro­duk­ti­on schon hin­ter sich gelas­sen hat­te und die gesam­te Gesell­schaft in den Blick nahm, aber eben aus der Per­spek­ti­ve der Arbeiter.

Da es schwer war, die Arbei­ten­den für Lesun­gen zu gewin­nen, prob­te der Werk­kreis immer neue Mög­lich­kei­ten der Ver­brei­tung sei­ner Lite­ra­tur. Alles folg­te dem Mot­to: Wenn die Arbei­ter nicht zu uns kom­men, dann gehen wir zu ihnen. In Fuß­gän­ger­zo­nen wur­de gele­sen, vor Fabrik­to­ren wur­den Flug­blät­ter mit Gedich­ten ver­teilt, wobei den Werk­kreis­au­toren durch­aus bewusst war, hier den Spu­ren von Büch­ner zu fol­gen. Die Dort­mun­der Werk­statt ver­an­stal­te­te auch Knei­pen­le­sun­gen. Für frei­tags wur­den sie mit einem gro­ßen Pla­kat in den Knei­pen ange­kün­digt, dann lasen die Autoren an der The­ke, und mei­stens wur­den auch noch Arbei­ter­lie­der gesun­gen, weil ein Musi­ker mit­kam. Es wur­den Stem­pel mit Kurz­ge­dich­ten her­ge­stellt, mit denen sich die Zuhö­rer bei Lesun­gen ihr Lieb­lings­ge­dicht auf einem Bier­deckel sel­ber drucken konn­ten Es war eine anre­gen­de Zeit, in der sich vie­le lite­ra­ri­sche Talen­te ent­wickel­ten, die heu­te in der Lite­ra­tur­sze­ne ihre Frau bezie­hungs­wei­se ihren Mann stehen.

Die Kri­se des Werk­krei­ses kam Anfang der acht­zi­ger Jah­re, nicht allein weil das poli­ti­sche Inter­es­se, gespeist von der Stu­den­ten­re­vol­te von 1968, lang­sam nach­ließ. Nein, der Werk­kreis hat­te auch inne­re Pro­ble­me, die sich aus sei­nem Grund­ver­ständ­nis erklären.

In sei­ner Bro­schü­re »Rea­li­stisch schrei­ben« hat­te der Werk­kreis eine Defi­ni­ti­on von Rea­lis­mus ent­wickelt, die aus drei Grund­fra­gen bestand: Was ist? War­um ist es so? Wie könn­te es bes­ser sein? Als eine Grund­ori­en­tie­rung hät­ten die Fra­gen viel­leicht nütz­lich sein kön­nen, aber sie wur­den von all­zu vie­len Werk­kreis­au­toren als ver­bind­lich ange­se­hen. In jeder Erzäh­lung, in jedem Gedicht ver­such­ten eini­ge, die drei Fra­gen zu beant­wor­ten, was zu einer sche­ma­ti­schen, zwang­haf­ten, nicht zuletzt lang­wei­li­gen Lite­ra­tur führ­te. Ein Leh­rer sag­te mal nach einer Lesung vor einer Schul­klas­se: »Eure Tex­te kann man nicht mit Schü­lern bespre­chen. Man kann nur sagen: So ist es, und dann zum näch­sten Text über­ge­hen.« Die­se Ten­denz ver­stärk­te die Mei­nung man­cher Kri­ti­ker, dass Werk­kreis­li­te­ra­tur zweit­klas­sig sei, was für vie­le Tex­te aber nicht stimmte.

Hin­zu kam ein zwei­tes Pro­blem. Der Werk­kreis war offen für neue Mit­glie­der, das woll­te er auch sein. Die Grün­dungs­mit­glie­der ent­wickel­ten sich, sie wur­den lite­ra­risch bes­ser, aber die Arbeit mit den Anfän­gern absor­bier­te wäh­rend der Sit­zun­gen Kraft. Ein Qua­li­täts­ge­fäl­le tat sich auf, das nicht zu über­brücken war. Die Auf­la­gen der Taschen­bü­cher in der Fischer-Rei­he san­ken, schließ­lich kün­dig­te der Ver­lag den Ver­trag, dem Werk­kreis wur­de dadurch sei­ne Platt­form genom­men. Klei­ne­re Ver­la­ge spran­gen gele­gent­lich in die Bre­sche, man­che Werk­stät­ten brach­ten Eigen­drucke her­aus, aber das alles war längst nicht mehr das, was den Werk­kreis zehn Jah­re lang aus­ge­macht hat­te. Eine Werk­statt nach der ande­ren löste sich auf, der Zusam­men­halt ging ver­lo­ren, eine Mar­gi­na­li­sie­rung war die Folge.

Aber zuletzt gab es Anzei­chen einer Wie­der­be­le­bung, kein Wun­der, denn die Pro­ble­me in der Arbeits­welt sind ja nicht gelöst wor­den, im Gegen­teil, durch Leih­ar­beit, durch den Nied­rig­lohn­sek­tor hat sich die Lage der Arbei­ten­den viel­fach ver­schlech­tert. Längst wäre so etwas wie eine Werk­kreis­li­te­ra­tur wie­der wich­tig. Als 2017 der PEN sei­ne Jah­res­ta­gung in Dort­mund abhielt, dort, wo der­einst die Dort­mun­der Grup­pe 61 getagt hat­te, zu der PEN-Mit­glie­der wie von der Grün, Reding, Käu­fer und Wall­raff gehört hat­ten, wur­den in einer gro­ßen Podi­ums­dis­kus­si­on, unter ande­rem mit DGB-Chef Rei­ner Hoff­mann, das alte The­ma wie­der dis­ku­tiert. Zu die­sem Zweck erschien im Ober­hau­se­ner Asso-Ver­lag eine neue Antho­lo­gie zur Arbeits­welt mit dem Titel »Schicht­wech­sel«, die bei der Ver­an­stal­tung erst­mals öffent­lich vor­ge­stellt wur­de. Inzwi­schen ist in einem ande­ren Ver­lag das bren­nen­de The­ma der Digi­ta­li­sie­rung bear­bei­tet wor­den: »Nach­den­ken über 4.0«, her­aus­ge­ge­ben vom Werkkreis.

Es geht also wei­ter. Und die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät der Bücher kann sich sehen lassen.