Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Engelhardt am Dorfteich

Wir hat­ten die Abfahrt nach Anklam ver­passt und waren genö­tigt, die näch­ste zu neh­men und über eine von Bäu­men gesäum­te schma­le Land­stra­ße gen Osten zu fah­ren. Dass wir uns über vor­mals umkämpf­tes Ter­ri­to­ri­um beweg­ten, schlos­sen wir aus einer Selbst­er­mu­ti­gung am Weges­rand: »Wir haben Wal­len­stein geschafft. Wir haben die Wen­de geschafft. Wir schaf­fen auch Coro­na!« Behaup­te kei­ner, die Pom­mern hät­ten kei­nen Humor.

Die Stra­ße wand sich durch eini­ge Sied­lun­gen. Die­se waren klein, aber die Ent­fer­nun­gen zwi­schen ihnen ziem­lich groß. Und vie­le tru­gen den glei­chen Gemein­de­na­men, was auf die Grö­ße des Ver­wal­tungs­ge­bie­tes hin­wies. Ein­mal mach­te die Asphalt­pi­ste an einem Dorf­teich einen Knick, und im Vor­über­fah­ren nahm ich zwei Bron­ze­fi­gu­ren vor grü­ner Trau­er­wei­den­ku­lis­se wahr. Ich trat auf die Brem­se. Was waren das für Kunst­wer­ke? Hier, an die­sem unbe­kann­ten Ort namens Qui­low, der zur Gemein­de Groß Pol­zin gehör­te? So stand es jeden­falls am Ortseingang.

Auf einem klei­nen Täfel­chen neben den wuch­ti­gen über­le­bens­gro­ßen Figu­ren las ich wenig spä­ter: »LPG-Bau­ern, Bron­ze, 1976 /​ Lud­wig Engel­hardt 1924–2001«. Was, von eben jenem Engel­hardt, von dem in Ber­lin das berühm­te Marx-Engels-Denk­mal stammt? Die Figu­ren in der Haupt­stadt sind glatt und ansehn­lich, die­se hier, nun ja, ein wenig rau und grob­schläch­tig, mit von schwe­rer Arbeit gezeich­ne­ten Hän­den und Gesich­tern. Ich wuss­te, dass Engel­hardt zumeist in Gumm­lin auf Use­dom, am Stet­ti­ner Haff, gelebt und gear­bei­tet hat­te. Unweit von hier also. Doch ande­rer­seits wähn­te ich die bei­den Figu­ren in Dorf Meck­len­burg bei Wis­mar, sie sind in allen ein­schlä­gi­gen Regi­stern geli­stet. 1969 habe sie Engel­hardt gelie­fert, hieß es auch. Die Genos­sen­schafts­bau­ern sol­len – laut Fried­rich Nostiz in der Ber­li­ner Zei­tung vom 11. Sep­tem­ber 2010 – so erschrocken gewe­sen sein, als sie die dicke Frau und den vier­schrö­ti­gen Mann sahen, dass sie das Paar gleich im LPG-Gewächs­haus ein­la­ger­ten, also ver­steck­ten. 1976 – zum 30. Jah­res­tag der demo­kra­ti­schen Boden­re­form – hol­ten sie die Figu­ren jedoch wie­der her­vor und stell­ten sie zu einem Reli­ef auf einen Feldsteinsockel.

Dort, so mein­te ich, soll­ten sie eigent­lich noch immer ste­hen. Zumin­dest fand sich nichts Gegen­tei­li­ges. »Seit 1995 Lan­des­kunst­be­sitz von Meck­len­burg-Vor­pom­mern«, hieß es noch immer im Inter­net nebst Hin­weis jedoch, dass es sich um einen Zweit­guss handele.

War dies hier viel­leicht der Erst­guss? Weit und breit kein Hin­weis. Nur ein Rich­tungs­pfeil: Wasserschloss.

Das leuch­te­te schnee­weiß in der Son­ne durch die gewal­ti­gen Kasta­ni­en. Da und dort stan­den noch Gerü­ste an der Fas­sa­de, hin­ter dem hüb­schen Renais­sance-Gebäu­de wuchs eine Trep­pen­kon­struk­ti­on aus Stahl in die Höhe. Über­all waren Hand­wer­ker unter­schied­li­cher Pro­fes­si­on zugan­ge. Eine gro­ße Tafel ver­riet, dass die Euro­päi­sche Uni­on hier »in Wachs­tum und Beschäf­ti­gung« inve­stie­re, und auch das Land bekun­de­te, die »denk­mal­ge­rech­te Instand­set­zung« zu unter­stüt­zen. Als Bau­herr war ein För­der­ver­ein Stif­tung Kul­tur­er­be im länd­li­chen Raum Meck­len­burg-Vor­pom­mern e. V. aus­ge­wie­sen. Wer ver­barg sich dahinter?

Gegen­über vom Schloss ent­deck­te ich ein zwei­ge­schos­si­ges Back­stein­ge­bäu­de, beim Näher­tre­ten durch ein Schild als Sitz der Bau­lei­tung erkenn­bar. Hin­ter der Schei­be tele­fo­nier­te ein Mann, aus­gangs Drei­ßig viel­leicht, offen­kun­dig der Chef. Nach dem Tele­fo­nat kam er ins Freie und reagier­te freund­lich auf mei­ne Fra­ge, aller­dings konn­te auch er nicht sagen, wann und wie die bei­den Engel­hardt-Figu­ren hier­her­ge­kom­men sei­en. Er lebe erst seit weni­gen Jah­ren in Qui­low. Mit sei­nem Freund Dirk Lagall sei er damals auf der Suche nach einem Häus­chen im Grü­nen gewe­sen. Dabei hät­ten sie die Rui­ne ent­deckt, die­ses etwa 450 Jah­re alte Schloss – wobei zur Wahr­heit gehört, dass der Ver­fall erst nach der Wen­de ein­setz­te, nach­dem es »leer­ge­zo­gen« wor­den war. Post, Schu­le und Mie­ter muss­ten das Wei­te suchen. Ver­schie­de­ne Ver­su­che einer Pri­va­ti­sie­rung waren geschei­tert. Viel­leicht waren die Auf­la­gen des Denk­mal­schut­zes zu hoch, even­tu­ell bereits genü­gend Her­ren- und Guts­häu­ser in der Umge­bung in Hotels ver­wan­delt wor­den, dass kein wei­te­res benö­tigt wur­de. Wer weiß. Jeden­falls kamen irgend­wann Uwe Eich­ler, der Schau­spie­ler, und der Leh­rer Dirk Lagall aus Ber­lin des Wegs und mein­ten, da kön­ne man doch ein Kul­tur­haus draus machen. Eich­ler hat­te mit ande­ren 2006 im Prenz­lau­er Berg das Ball­haus Ost gegrün­det, eine Pro­duk­ti­ons- und Spiel­stät­te für freie Thea­ter- und Kunst­pro­jek­te. War­um also nicht eine ver­gleich­ba­re Ein­rich­tung in einer Regi­on, die nicht gera­de mit Musen­tem­peln geseg­net ist und wo rech­te Unkul­tur sich auch aus die­sem Grun­de breitmacht?

Wie Eich­ler erzähl­te, habe ihr För­der­ver­ein die zustän­di­gen Stel­len mit dem Nut­zungs­kon­zept über­zeugt. Das Schloss sei nicht vor­ran­gig für Tou­ri­sten gedacht, aber auch: Unweit fließt die Pee­ne, gibt es eine Kolo­nie Fisch­rei­her und Stiel­ei­chen, die dort fast ein hal­bes Jahr­tau­send schon wach­sen, und Groß­stein­grä­ber, die zehn Mal so alt sind wie die­se Bäu­me. Alles sehens­wert und gut zu erwan­dern. In erster Linie, so Eich­ler, sei der Ort aber für Men­schen aus der Regi­on gedacht, die vor­bei­kom­men, um Kaf­fee zu trin­ken oder Kul­tur zu genie­ßen: Thea­ter, Kino, Pup­pen­spiel, Aus­stel­lun­gen … Ein Anlauf­punkt. Vie­le Men­schen sei­en nach der Wen­de weg­ge­gan­gen, kein Wun­der, wenn man sieht, was die Treu­hand auch hier ver­an­stal­tet habe. So Eich­ler wei­ter. Dorf­ge­mein­schaf­ten sei­en aus­ein­an­der­ge­ris­sen wor­den und die Fol­gen des Kul­tur­bruchs bis heu­te zu spü­ren. Apfel­ku­chen schafft kei­ne Infra­struk­tur, sag­te Eich­ler auch, aber Kon­tak­te. Die Men­schen hier ste­hen mor­gens auf, fah­ren Dut­zen­de Kilo­me­ter zur Arbeit, kom­men abends nach Hau­se, küm­mern sich um die Kin­der und sit­zen vorm Fern­se­her. Mehr ist hier nicht. Kaum Kon­tak­te überm Zaun …

Anfäng­lich herrsch­te das gegen­über Frem­den übli­che Miss­trau­en bei den Alt­ein­ge­ses­se­nen. Als Erste kamen die Mit­glie­der des benach­bar­ten Tra­bi-Clubs mit einem Kasten Bier vor­bei, dann die ande­ren Neu­gie­ri­gen, um zu schau­en, was aus dem frü­he­ren Dorf­mit­tel­punkt wer­den wür­de. Na, wenig­stens kei­ne Wes­sis, hieß es erleich­tert, was der aus Essen stam­men­de Eich­ler und der Saar­län­der Lagall nicht demen­tier­ten und den Befund als Aner­ken­nung annah­men. Offen­kun­dig gin­gen der bau­lei­ten­de Schau­spie­ler und der in Anklam täti­ge Päd­ago­ge als Ossis durch. Weil sie sich mit Aus­dau­er ins Zeug leg­ten für das Schloss und sich nicht anleg­ten mit den Anrai­nern und deren Lebens­auf­fas­sun­gen. (Man kennt diver­se West-Jam­me­r­ari­en und wis­sen­schaft­li­che Befun­de des Auf­ein­an­der­pral­lens kon­trä­rer Kul­tu­ren und Wertevorstellungen.)

Die Fas­sa­de des Schlos­ses strahl­te bis 1815, als es schwe­disch war, in Fal­un­rot, wie man an Farb­re­sten ent­deckt hat­te. Nun ist sie neu­tral weiß. Die Far­be der Unschuld. Inzwi­schen sind 4,9 Mil­lio­nen Euro aus diver­sen För­der­töp­fen ver­baut, und im Som­mer müs­sen noch die ersten Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen das Geld für die Hei­zung im Win­ter ein­spie­len. Aber die Pla­sti­ken …? Da müs­se ich mal beim Bür­ger­mei­ster nach­fra­gen, viel­leicht wis­se der mehr.

Seba­sti­an Horn­burg ist seit Mai 2019 im Amt. Für den jun­gen Mann aus der CDU hat­te jeder zwei­te Wäh­ler votiert; die bei­den ande­ren Bewer­be­rin­nen ken­ne ich nicht, aber wes­halb die­ser Kan­di­dat gewann, wird gleich klar – er ist von zupacken­der, hilfs­be­rei­ter Art und wirkt nicht nur ent­schlos­sen. Mei­ne Fra­ge kann er auch nur vage beant­wor­ten und holt Erkun­di­gung ein beim Lei­ter des Muse­ums im Stein­tor in Anklam, der ganz gewiss nicht zufäl­lig den glei­chen Namen trägt. Wil­fried Horn­burg war Leh­rer in der DDR und spä­ter Kul­tur­amts­lei­ter in Anklam. Er ist pro­mo­viert, kennt sich aus und lie­fert die Gene­sis des Kunst­wer­kes, die hier ver­mut­lich zum ersten Male publi­ziert wird.

Wil­ly Schä­fer, Jahr­gang 1927, grün­de­te als Neu­bau­er mit 25 Jah­ren in Groß Pol­zin die LPG Frei­er Bau­er, es war die drit­te Genos­sen­schaft im Kreis Anklam. Sie muss offen­bar sehr gut aus den Start­lö­chern gekom­men sein, denn schon nach Jah­res­frist wur­de Schä­fer der Titel »Held der Arbeit« ver­lie­hen. Im Unter­schied zu ande­ren Hel­den, die vor der Zeit aus­ge­zeich­net wur­den, mach­te Schä­fer sei­nem Titel Ehre: Er sorg­te dafür, dass im Ort eine Gärt­ne­rei mit Gewächs­haus­an­la­gen und ein Sport­platz ent­stan­den sowie ein Kul­tur­haus mit gro­ßem Saal und Gast­stät­te. Über­dies kam er als Mit­glied der Demo­kra­ti­schen Bau­ern­par­tei Deutsch­lands (DBD) auch irgend­wann in die Volks­kam­mer. So war das in der DDR damals. Es gibt übri­gens ein Pla­kat aus dem Jahr 1958, das zeigt ein Por­trät Wil­ly Schä­fers mit einem hol­pern­den Zitat von ihm: »Den Sozia­lis­mus in uns­ren Dör­fern zum Sie­ge füh­ren, kön­nen wir nur, wenn die gan­ze Dorf­be­völ­ke­rung ver­eint in der Natio­na­len Front dafür schafft. Vor­wärts zum III. Kon­greß der Natio­na­len Front.« Gemein­sinn vor Eigen­sinn. Gute Idee.

Schä­fer und Engel­hardt kann­ten sich also. Min­de­stens seit 1964, als der LPG-Vor­sit­zen­de bei ihm für eine Büste Modell saß. Dann war das Kul­tur­haus fer­tig, und bei­de mein­ten, dass auch rich­ti­ge Kunst dazu­ge­hör­te. So ent­stand eben jene Figu­ren­grup­pe, die 1969 am Ein­gang auf­ge­stellt wur­de. (Sie­ben Jah­re spä­ter wur­de ein Zweit­guss gefer­tigt: Der steht noch heu­te an der Schwe­ri­ner Stra­ße in Dorf Meck­len­burg – womit die Dar­stel­lung in der Ber­li­ner Zei­tung von 2010 also ins Reich der Legen­de ver­wie­sen ist: In Dorf Meck­len­burg konn­te 1969 noch nichts ver­steckt werden.)

Wahr hin­ge­gen ist, dass die LPG-Bäue­rin­nen und -Bau­ern auch in Groß Pol­zin mit den robu­sten Bron­ze­pla­sti­ken frem­del­ten. Nach­dem Schä­fer 1973 Qui­low ver­las­sen hat­te, um LPG-Vor­sit­zen­der in Kaak­stedt im Kreis Tem­plin zu wer­den, stell­te man die Figu­ren bei der Kar­tof­fel­sor­tier­an­la­ge in der Nähe des Fried­hofs auf oder bes­ser: ab. Spä­ter platz­ier­te man sie am Dorf­teich in Groß Pol­zin und schließ­lich, nach der Wen­de, im Hof der ehe­ma­li­gen Möbel­fa­brik an der Dem­mi­ner Land­stra­ße, wo die Ankla­mer Grafik+Design-Schule ein­ge­zo­gen war. Als die­se 2011 nach Greifs­wald wei­ter­zog, kehr­te das Paar in die Gemein­de Pol­zin zurück, an eben jenen expo­nier­ten Ort, wo es heu­te steht.

»Die Gemein­de Groß Pol­zin und der Ort Qui­low kön­nen stolz dar­auf sein, die­se Kunst im öffent­li­chen Raum zu besit­zen«, sag­te Wil­fried Horn­burg, der Muse­ums­lei­ter. Und sein Sohn, der CDU-Bür­ger­mei­ster, mein­te, dass sie über Licht nach­den­ken, um die Figu­ren auch im Dun­keln leuch­ten zu lassen.

Nach der jahr­zehn­te­lan­gen Bil­der­stür­me­rei hier­zu­lan­de wär­men Nach­rich­ten wie die­se das Herz. Und sie offen­ba­ren zudem, wie nütz­lich die Wahl einer fal­schen Abfahrt mit­un­ter sein kann. Umwe­ge füh­ren zu Zie­len, von denen man vor­her nichts wusste.