Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Monatsrückblick: Raus oder rein?

»Ich bin wie­der mal raus«, meint Andre­as Kal­bitz – Ex- und Hopp-AfD-Mit­glied und nach wie vor Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der AfD im Bran­den­bur­ger Land­tag – zur Ent­schei­dung des AfD-Bun­des­schieds­ge­richts, das sei­nen Par­tei­aus­schluss durch den Bun­des­vor­stand bestä­tig­te. Raus ist er noch lan­ge nicht – der Rechts­streit geht wei­ter, und die Bran­den­bur­ger AfD steht in Rei­hen fest geschlos­sen hin­ter ihm.

Die Rei­hen der Bun­des­wehr sol­len auch geschlos­sen blei­ben. Um die nicht so belieb­ten Wach­dien­ste sol­len sich in Zukunft frei­wil­li­ge Dienst­pflich­ti­ge küm­mern. Sie sol­len nur drei Mona­te an Waf­fen aus­ge­bil­det wer­den und dann in Kata­stro­phen­schutz und Bewa­chung tätig wer­den, damit die bes­ser aus­ge­bil­de­ten frei­wil­li­gen Sol­da­ten in aller Welt zum Ein­satz kom­men kön­nen. Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er (CDU) hat die Dis­kus­si­on um eine neue Wehr­pflicht – ange­sto­ßen von der Wehr­be­auf­trag­ten des Bun­des­tags Eva Högl (SPD) – mit einem Pro­gramm gekrönt, das einen neu­en »Frei­wil­li­gen Wehr­dienst im Hei­mat­schutz« vor­sieht. Die all­ge­mei­ne Wehr­dienst­pflicht ist damit nicht vom Tisch, meint die Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin. Aber sie bleibt umstrit­ten. Wehr­dienst­lei­sten­de sind nicht so gut bei der Auf­stands­be­kämp­fung ein­zu­set­zen, weil sie zu nah dran sind an der Bevöl­ke­rung, die dann viel­leicht von den Stra­ßen zu schie­ßen sein wird, wie in den USA.

Dort erklär­te Prä­si­dent Donald Trump auf dem Fest zum Unab­hän­gig­keits­tag am 4. Juli im Wei­ßen Haus: »Wir las­sen uns nicht ter­ro­ri­sie­ren, wir las­sen uns nicht ernied­ri­gen, und wir las­sen uns nicht von schlech­ten, bös­ar­ti­gen Men­schen ein­schüch­tern.« So weit kön­nen ihm noch vie­le fol­gen und sich in das »wir« ein­schlie­ßen. Aber jetzt wird es ernst: »Wir sind nun dabei, die radi­ka­le Lin­ke, die Mar­xi­sten, die Anar­chi­sten, die Unru­he­stif­ter, die Plün­de­rer und Leu­te, die abso­lut kei­ne Ahnung haben, was sie machen, zu besie­gen.« Haupt­feind ist der »neue links­ra­di­ka­le Faschis­mus, der abso­lu­ten Gehor­sam ver­langt«. (maz, 6.7.20) Geht es noch wir­rer? Der »links­ra­di­ka­le Faschis­mus« wird nun mit der Bun­des­po­li­zei bru­tal von der Stra­ße gedrängt, auch wenn die­se Ein­sät­ze nie­mand ange­for­dert hat – ein Geset­zes­bruch, wie er bis­her nur von den ech­ten Faschi­sten ver­übt wur­de. Weiß Trump, was er tut? Was er nach den Wah­len tun wird, weiß er jeden­falls noch nicht. Auf die Fra­ge von Chris Wal­lace, ob er eine Nie­der­la­ge bei den bevor­ste­hen­den Prä­si­dent­schafts­wah­len aner­ken­nen wer­de, mein­te Trump im Inter­view für Fox News Sunday am 19. Juli: »I have to see. Look, you – I have to see. No, I’m not going to just say yes. I’m not going to say no, and I didn’t last time eit­her.« (https://www.foxnews.com/politics/transcript-fox-news-sunday-interview-with-president-trump) Seit wann muss ein Prä­si­dent das Abstim­mungs­ver­hal­ten sei­ner Wäh­ler aner­ken­nen? Das ist doch »links­ra­di­ka­ler Faschismus«!

Wohin die Bun­des­re­pu­blik drif­tet, zeigt die Mei­nung von Marie-Agnes Strack-Zim­mer­mann, FDP, Mit­glied des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses im Bun­des­tag: »… natür­lich macht es Sinn, eine Droh­ne zu bewaff­nen, damit im Fal­le eines Fal­les auch geschos­sen wer­den kann.« (Deutsch­land­funk, 9.7.20) Klar muss geschos­sen wer­den, auf wen auch immer! Denn der Stär­ke­re hat recht.

Wie bei der geplan­ten »Aus­deh­nung der israe­li­schen Sou­ve­rä­ni­tät« über das West­jor­dan­land: Anne­xio­nen im West­jor­dan­land wären »eine außer­or­dent­lich schwe­re Ver­let­zung inter­na­tio­na­len Rechts«, warn­te UN-Gene­ral­se­kre­tär Anto­nio Gut­er­res. (jW, 25.6.20) Eigent­lich war vor­ge­se­hen, dass Isra­el am 1. Juli bekannt­gibt, wel­che Gebie­te im West­jor­dan­land nun israe­lisch wer­den sol­len. Netan­ja­hu muss­te aber erklä­ren, dass die »völ­li­ge Zustim­mung« der US-Regie­rung noch feh­le. Die Anne­xi­on wer­de auf Ende Juli ver­scho­ben, nach der erwar­te­ten Rede von Prä­si­dent Trump. Er hat­te in sei­nem Nah­ost­plan 30 Pro­zent des West­jor­dan­lan­des Isra­el zuge­spro­chen. Und was Prä­si­dent Trump sagt, ist Gesetz.

Und was unse­re Poli­zei macht, ist auch Gesetz. Da brau­chen wir kei­ne Poli­zei­be­auf­trag­ten zur Kon­trol­le von Poli­zei­über­grif­fen. Denn: »Das stellt unse­ren Rechts­staat in Fra­ge und führt ins Nichts«, wie DGB-Chef Rei­ner Hoff­mann im Mit­glie­der­ma­ga­zin der Gewerk­schaft der Poli­zei ver­öf­fent­li­chen ließ. (laut jW, 2.7.20)

Auch ande­re Maß­nah­men füh­ren ins Nichts: Die man­geln­de Kauf­freu­de der Kon­su­men­ten bedroht den Umsatz der Händ­ler. »Die Shop­ping-Lust lei­det unter den Hygie­ne- und Abstands­re­ge­lun­gen. Die mei­sten Kun­den gehen sehr gezielt ein­kau­fen und ver­wei­len mög­lichst kurz in den Geschäf­ten«, so der Geschäfts­füh­rer des Han­dels­ver­ban­des Deutsch­land (HDE) Ste­fan Gen­th. Der Innen­stadt­bum­mel und spon­ta­ne Ein­käu­fe sei­en dem­entspre­chend sel­ten gewor­den. Allein durch geziel­te Bedarfs­ein­käu­fe kön­ne der Han­del nicht über­le­ben, klagt der HDE. (https://einzelhandel.de)

Wird die Mas­ken­pflicht nun dem­nächst auf­ge­ho­ben? Wohl nicht: Der öster­rei­chi­sche Gesund­heits­mi­ni­ster bei­spiels­wei­se nimmt ein »viro­lo­gi­sches Grund­rau­schen«, ver­ur­sacht von Schnup­fen­vi­ren, zum Anlass, den Mas­kenzwang in viel fre­quen­tier­ten Berei­chen wie Super­märk­ten wie­der ein­zu­füh­ren. (https://tvthek.orf.at/transcripts/show/930169)

Ganz anders drauf: Herr Bol­so­na­ro. Ob er in Bra­si­li­en damit durch­kommt, ist noch nicht klar. Die Bra­si­lia­ni­sche Pres­se­ver­ei­ni­gung (ABI) hat Anzei­ge gegen den Staats­prä­si­den­ten erstat­tet, der, obwohl er posi­tiv auf Coro­na gete­stet war, ohne Mund­schutz und teil­wei­se ohne Abstands­wah­rung eine Pres­se­kon­fe­renz gege­ben hat­te. Damit habe er die Gesund­heit der Repor­ter aufs Spiel gesetzt. (jW, 9.7.20) Was küm­mern einen Prä­si­den­ten Bra­si­li­ens die Repor­ter? Sei­ne ehe­ma­li­gen Wäh­ler küm­mern ihn ja auch nicht, die in den Elends­vier­teln ster­ben, weil das Gesund­heits­sy­stem nach dem Raus­wurf der kuba­ni­schen Ärz­tin­nen und Ärz­te zusammenbrach!

Raus sol­len die Ener­gie­kon­zer­ne aus der Braun­koh­le. Ihnen winkt dafür eine Ent­schä­di­gung von 4,35 Mil­li­ar­den Euro. Das hat die Bun­des­re­gie­rung in ihrem Koh­le­aus­stiegs­ge­setz vor­ge­se­hen, das Anfang Juli im Bun­des­tag ver­han­delt wur­de. Kli­ma­schüt­zer ver­schie­de­ner Orga­ni­sa­tio­nen pro­te­stier­ten dage­gen mit Beset­zung der Par­tei­zen­tra­len von CDU und SPD. Wäh­rend die einen die SPD besetz­ten, stie­gen die ande­ren der CDU aufs Dach, und zwar wort­wört­lich. Über eine Feu­er­wehr­lei­ter klet­ter­ten Akti­vi­sten hin­auf und ver­hüll­ten das Gebäu­de mit Stoff. Der Aus­stieg kom­me zu spät, kri­ti­sie­ren sie, und eine Ent­schä­di­gung sei nicht nötig, weil die Gewin­nung von Braun­koh­le sowie­so unwirt­schaft­lich wer­de – ob mit oder ohne Ausstiegsgesetz.