Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Es wird geschwitterst

Auf Sei­te 300 des opu­len­ten Buches »Schwit­ters« liest man, dass Kunst nicht von ihrem Künst­ler, nicht von sich, nicht ein­mal von ihrem Gegen­stand han­de­le – son­dern ihn erzeu­ge. Dies als Cre­do der Autorin Ulri­ke Draes­ner unter­stellt, wird hier ein veri­ta­bler Kurt (in Han­no­ver) und (in Eng­land) Körrt Schwit­ters (1887 bis 1948) erzeugt. Schwit­ters, ein Kunst-Genie – in Erin­ne­rung viel­leicht noch als Autor des Gedich­tes »Anna Blu­me« und erfin­de­ri­scher Gestal­ter begeh­ba­rer Skulp­tu­ren (MERZ-Bau), als Dada-Mann und Pop-Art-Vor­läu­fer – erscheint dank der Sprach­kunst der Autorin fast leib­haf­tig vor uns. Dabei hat­te er nicht gewünscht, von jeman­dem »ver­bio­gra­fi­siert« zu wer­den. Ulri­ke Draes­ner gelingt das wun­der­sa­me Kunst­stück, einen Roman zu schrei­ben, der kein Roman ist, und eine Bio­gra­fie, die kei­ne Bio­gra­fie ist, und doch den Leser zu fesseln.

Die Hand­lung beginnt 1936 in Han­no­ver, in der Vil­la der Fami­lie Schwit­ters. Da ist Kurt (»Truk«) bei­na­he fünf­zig Jah­re alt, von den Nazis zum »Ent­ar­te­ten« erklärt, als Wer­be­tex­ter für die Stadt und Fir­men nicht mehr erwünscht; er muss mit­an­se­hen, wie die Bedro­hung selbst in sei­ner Stra­ße immer näher rückt. Denn: »Fuhr ein Möbel­wa­gen ohne Auf­schrift vor, war man jüdisch.«

Sei­ne Frau Hel­ma über­re­det ihn zum Gang ins Exil, bleibt selbst in Han­no­ver, küm­mert sich um Werk, Besitz und die »Alten«; sie erlebt die Zer­stö­rung ihres Heims, stirbt 1944 an Krebs. Die­se Frau­en­fi­gur, eine Lebens- und Kunst­or­ga­ni­sa­to­rin des Herrn Schwit­ters, ist der Autorin wie kei­ne ande­re des Buches gelungen.

Schwit­ters geht nach Nor­we­gen, wo sich Sohn Ernst schon auf­hält. Nach der Beset­zung Nor­we­gens durch die deut­sche Wehr­macht flieht Schwit­ters übers Meer nach Eng­land. Im Inter­nie­rungs­la­ger und im bom­bar­dier­ten Lon­don bekommt er die Bit­ter­nis des Exils erst recht zu schmecken. Dar­aus erlöst ihn, soweit ein Schwit­ters zu erlö­sen ist, wie­der eine Frau: Edith Tho­mas, genannt Wantee.

Im eng­li­schen Lake District, in einer frem­den Spra­che und Lebens­wei­se, ver­sucht sich Schwit­ters an einem neu­en »MERZ-Bau«, er fri­stet sein küm­mer­li­ches Leben von Por­trät­ma­le­rei, ist abhän­gig von dra­chen­haf­ten Ver­mie­te­rin­nen und win­di­gen »Kunst­ty­pen«. Sei­ne Gesund­heit ver­schlech­tert sich rapide.

Es gehört zu den Vor­zü­gen des Buches, dass trotz der oft trau­ri­gen Begeb­nis­se nie Lar­moy­anz auf­kommt. Im Gegen­teil! Schwit­ters’ Spie­len mit der neu­en Spra­che wird auf iro­nisch-humor­vol­le, aber nie zyni­sche Wei­se vor­ge­führt und ist ein unbe­ding­ter Lese­ge­winn. Dass im zwei­ten Teil des Buches manch­mal der Hand­lungs­fluss sta­gniert, weil gar zu genau oder wie­der­ho­lend erzählt wird, muss frei­lich auch gesagt wer­den. Dann schwit­terst die Autorin gar zu hef­tig, und man wünscht sich mehr von der oft herr­li­chen Lako­nie des ersten Teils.

Es waren anschei­nend immer Frau­en, die in Schwit­ters’ Leben gestal­tend ein­grif­fen, weil sie ihn so nah­men, wie er nun ein­mal war. Die ver­ständ­nis­vol­le, eigent­lich ero­ti­sche Zuwen­dung kann man auch dem Buch Ulri­ke Draes­ners ablau­schen – und wer weiß: Viel­leicht wäre auch Kurt Schwit­ters froh, so »ver­bio­gra­fi­siert« wor­den zu sein. Schön ist auch, dass nicht nur der Inhalt, son­dern auch das Äuße­re des Buches lie­be­voll gestal­tet wurde.

Ulri­ke Draes­ner, »Schwit­ters«, Pen­gu­in Ver­lag, 480 Sei­ten, 25 €