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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Familienfehden

Dem Schrift­stel­ler Sebe­s­ty­én Pau­lich, im Buch mei­stens Sebi genannt, sind fami­liä­re Zwi­stig­kei­ten so unan­ge­nehm wie wohl den mei­sten von uns. Doch schei­nen weder er noch sei­ne neun Geschwi­ster dar­auf ver­zich­ten zu kön­nen, der grei­se Vater, der sei­ne Bekun­dun­gen gern mit »Pax!« beschließt, schon gar nicht. Fried­fer­tig sind nur weni­ge der Figu­ren des Buches, am mei­sten viel­leicht noch die Mut­ter. Die aber stirbt, wäh­rend der Rest der Fami­lie mun­ter wei­ter Feh­den aus­ficht. Viel­leicht ist die Ursa­che ihres Todes zu dia­gno­sti­zie­ren als »das Unaus­ge­spro­che­ne«. Denn gleich­gül­tig, wie wenig oder wie viel in der Fami­lie gespro­chen wird, über­ein­an­der und unter­ein­an­der, auf das Wesent­li­che kommt man kaum. Das ist wohl in den mei­sten Fami­li­en der Welt so: Schwei­gen dominiert.

Hier jedoch unter­nimmt der Phi­lo­so­phie­hi­sto­ri­ker, Wach­mann und Schrift­stel­ler Sebe­s­ty­én Pau­lich einen Ver­such, das fami­liä­re Schwei­gen oder das Anein­an­der-Vor­bei­re­den zu bre­chen – und ver­öf­fent­licht ein Buch über sei­ne Fami­lie mit dem etwas mon­strö­sen Titel »Onto­ge­nea«. Dar­in nennt er sei­nen Vater das, was er ist, näm­lich einen Tyran­nen. Die Fol­gen sind ein Wut­an­fall des Alten und eine Straf­ak­ti­on: Sebi wird igno­riert. Frei­lich hat der alte Herr das Buch gar nicht gele­sen, er bezieht sei­ne Krän­kung aus einer Kri­tik, die in der Zei­tung Népsz­abad­ság erschien. Die gibt es bekannt­lich seit 2016 nicht mehr, im FIDESZ-Ungarn Vic­tor Orbáns wur­de das Blatt über­ra­schend ein­ge­stellt. Ande­rer­seits scheint die erzähl­te Geschich­te, so tief sie auch in die Ver­gan­gen­heit mit vie­len Schreck­nis­sen zurück­reicht, in der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart zu spie­len. Viel­leicht gehört das zum Ver­wirr­spiel Barnás‘, der ein­dring­lich betont, dass alles nur Erfin­dung sei – wobei man sich einen so absur­den fami­liä­ren Irr­sinn, wie er im Buch ver­han­delt wird, wohl nicht nur aus­den­ken kann.

Der Schreib­an­lass für das Buch, den Sebi, 50 Jah­re alt, nennt, ist äußerst inter­es­sant und ein­leuch­tend: »… in die­sem Alter kann ich die Fik­ti­on mei­ner eige­nen Wirk­lich­keit nicht mehr vor mir selbst ver­leug­nen (…), und zu die­ser Fik­ti­on gehör­te auch die Fik­ti­on von der Geschich­te mei­ner eige­nen Fami­lie.« Sät­ze wie die­ser machen die Lek­tü­re zu einem Gewinn. Auch die Rück­blicke in die Ver­gan­gen­heit, meist von Schwei­gen umhüllt, haben die­se Wirkung.

Frei­lich tut der Autor manch­mal des Guten zu viel. Um es klar und deut­lich zu sagen: Das Buch ist zu lang, es wird zu viel hin­ein­ge­stopft. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen lässt sich die Geschich­te einer der­art gro­ßen Fami­lie nicht im Kurz­ro­man erzäh­len. Aber man­ches wird zu breit aus­ge­walzt, etwa die Pro­sta­ta-Erkran­kung Sebis, die Schil­de­rung der Indo­ne­si­en-Auf­ent­hal­te mit sei­ner Freun­din Lil. Die­se wer­den gegen Ende des Buches zu blo­ßen Rei­se­be­rich­ten, die kaum noch etwas mit der Fami­li­en­ge­schich­te der Pau­lichs zu tun haben. Dabei ist die­se im besten Sin­ne des Wor­tes spannend.

Lil ist viel jün­ger als Sebi, da zunächst kei­ne Hei­rats­plä­ne geschmie­det wer­den, steht die katho­li­sche Fami­lie der Frau ziem­lich distan­ziert gegen­über. Frei­lich füh­ren die Geschwi­ster, sofern sie denn ver­hei­ra­tet sind, auch nicht gott­ge­fäl­li­ge Ehen, leben als Spie­ler oder Spe­ku­lan­ten wohl nicht nach den 10 Geboten.

Lil wird aber vom alten Pau­lich geschätzt und akzep­tiert. Sie beginnt, bei einem Poli­ti­ker zu arbei­ten, der sich für den Erhalt der Demo­kra­tie in sei­nem Lan­de ein­setzt. Ein wenig naiv wirkt dabei aller­dings, dass mehr­fach des­sen guten Bezie­hun­gen nach Ame­ri­ka bemüht wer­den. Da sie exzel­len­te Sprach- und Lan­des­kennt­nis­se hat, steigt Lil in den diplo­ma­ti­schen Dienst ihres Lan­des auf, was eben die indo­ne­si­schen Exkur­se aus­löst. Sebi hin­ge­gen hält sich vom poli­ti­schen Geschäft peni­bel fern, wenn­gleich sei­ne Grün­de mehr zu ahnen sind, als dass sie klar benannt wür­den. Aber das hat viel­leicht mit der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on Ungarns zu tun. Es ist eben gesell­schaft­lich und kul­tu­rell so zer­ris­sen wie Sebis Fami­lie. Deren wech­sel­vol­le, tur­bu­len­te Geschicke wer­den flott und unter­halt­sam erzählt, und nicht sel­ten fällt dadurch ein schar­fes Licht auf gegen­wär­ti­ge unga­ri­sche Verhältnisse.

Ferenc Barnás: Bis ans Ende unse­rer Leben. Deutsch von Eva Zador, Schöff­ling Ver­lag 2022, 512 S., 28 €.