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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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People’s Justice

Ein Lärm ist ent­stan­den. Die Empö­rung ist groß. Es rauscht im Blät­ter­wald, ein Sturm erhebt sich. In Kas­sel wur­de ein gro­ßes Bild auf­ge­hängt. Es bedeckt die Front eines gan­zen Gebäu­des. Es trägt den Titel: »PEOPLE’S JUSTICE: Das indo­ne­si­sche Volk hält Gericht«. Ein Wim­mel­bild mit vie­len Figu­ren. In der Mit­te fol­tern­de und mor­den­de Scher­gen des Suhar­to-Regimes; rechts die Kämp­fer gegen die Dik­ta­tur, links Mon­ster des Mili­ta­ris­mus und kapi­ta­li­sti­scher Aus­beu­tung. So weit, so gut. Aber o weh! Unter die­sen hat man zwei ent­deckt, die »ein­deu­tig anti­se­mi­tisch« sind. So steht es in der seriö­sen Zeit. Ich mag es nicht glau­ben und lese weiter:

»In einer Rei­he von Sol­da­ten oder Poli­zi­sten, die auf ihren Hel­men als KGB, 007, MI-5 bezeich­net sind, trägt eine Figur mit Schwei­ne­schnau­ze die Auf­schrift Mos­sad, den Namen des israe­li­schen Aus­lands­ge­heim­dien­stes. Auf einem roten Tuch um sei­nen Hals prangt ein David­stern. Zwi­schen klei­nen Teu­feln, einem gekrön­ten Engel, dem Geld­schei­ne aus den Taschen quel­len, und Frau­en, die mit gespal­te­ner Zun­ge reden, steht hin­ter einem bösen Clown zudem ein Mann, der bei genau­em Hin­se­hen als ortho­do­xer Jude zu erken­nen ist. Sei­ne Zäh­ne sind spitz wie bei einem Raub­tier. Auf sei­nem Hut, unter dem Schlä­fen­locken her­un­ter­hän­gen, pran­gen SS-Runen.«

Die bei­den Gestal­ten bezeich­nen also nicht Juden schlecht­hin, wie das bei einer anti­se­mi­ti­schen Dar­stel­lung der Fall wäre, son­dern den israe­li­schen Geheim­dienst und ortho­dox-reli­giö­se Juden. Gewiss kön­nen sol­che Dar­stel­lun­gen anti­se­mi­tisch moti­viert sein, müs­sen es aber nicht. Der Mos­sad ist denn auch nicht einem »Juden­tum« zuzu­ord­nen, son­dern Geheim­dien­sten ande­rer Staa­ten. Der David­stern dürf­te in die­sem Zusam­men­hang als Sym­bol des Staa­tes Isra­el und nicht als das älte­re jüdi­sche Sym­bol zu ver­ste­hen sein. Die Schwei­ne­schnau­ze ruft Asso­zia­tio­nen an die »Juden­sau« her­vor, die wider­li­che Schmä­hung der Juden an mit­tel­al­ter­li­chen Kir­chen. Auch die Schwein­schnau­ze ist offen­bar eine dif­fa­mie­ren­de Dar­stel­lung von Juden, aber was ein indo­ne­si­scher Künst­ler mit ihr genau­er aus­sa­gen will, soll­te man her­aus­fin­den, bevor man urteilt.

Die ande­re Figur ist in der Zeit abge­bil­det. Dem unbe­fan­ge­nen Blick bie­ten sich als her­vor­ste­chen­de Merk­ma­le der genann­te Hut, der das Aus­se­hen einer fla­chen Melo­ne hat, und die schar­fen Zäh­ne an. Hin­zu kom­men Bril­le, Zigar­re und eine kräf­ti­ge Nase. Die Schlä­fen­locken, zwei ein­fa­che Stri­che, las­sen sich tat­säch­lich erst bei genau­em Hin­se­hen aus­ma­chen. Gebets­rie­men und der für ortho­do­xe Juden typi­sche Hut feh­len. Ins­ge­samt erin­nert die Figur an Zeich­nun­gen von Geor­ge Grosz, der gewiss kein Anti­se­mit war. Wenn sie aber einen Juden kenn­zeich­nen soll, stellt sich die Fra­ge, wie und war­um sie über­haupt ins Bild kommt. Was hat ein reli­gi­ös-ortho­do­xer Jude mit der Suhar­to-Dik­ta­tur zu tun?

Die Auf­fas­sung, dass bei­de Figu­ren anti­se­mi­tisch sei­en, steht auf schwa­chen Füßen, doch sie wird kaum in Fra­ge gestellt. Ich sehe in ihr einen unbe­dach­ten Abwehr­re­flex gegen Anti­se­mi­tis­mus, der in unse­rer Gesell­schaft sein Unwe­sen treibt und zurecht Empö­rung her­vor­ruft. Sie ergibt sich nicht aus einer unbe­fan­ge­nen Betrach­tung, son­dern aus der Ver­keh­rung eines metho­disch gebo­te­nen Gedan­ken­gangs. Statt von den mar­kan­ten Zei­chen aus­zu­ge­hen und ihnen das weni­ger auf­fäl­li­ge zuzu­ord­nen, wird umge­kehrt ver­fah­ren. Schar­fe Zäh­ne, sogar SS-Runen wer­den so zu einem Aus­weis reli­giö­ser Juden, ja, über­haupt des Judentums.

Reflex­haf­te Reak­tio­nen statt reflek­tier­ter Gedan­ken kann man auch in ande­ren Fäl­len unse­res öffent­li­chen Dis­kur­ses aus­ma­chen. Sie sind nicht sel­ten, aber gera­de bei Anti­se­mi­tis­mus­vor­wür­fen unge­heu­er ärger­lich. Der Begriff Anti­se­mi­tis­mus hat sei­ne Kon­tu­ren ver­lo­ren. Jede gegen Juden oder auch nur gegen den Staat Isra­el gerich­te­te kri­ti­sche Äuße­rung gerät in den Ver­dacht, anti­se­mi­tisch zu sein. Das kann zwar zutref­fen, muss aber begrün­det wer­den. Sonst droht, dass der Begriff ver­wäs­sert, sein ras­si­sti­scher Kern auf­ge­weicht wird.

Für den Ras­si­sten sind die Men­schen in Ras­sen geschie­den, als sei­en sie Tie­re, als sei­en sie Lebe­we­sen, die man züch­ten oder auch töten kann. Die Nazis haben gezeigt, wel­che Kon­se­quen­zen für die poli­ti­sche Pra­xis aus die­ser Wahn­vor­stel­lung gezo­gen wer­den kön­nen. Als selbst ernann­te Ange­hö­ri­ge der »Her­ren­ras­se« unter­drück­ten sie Polen und Rus­sen, die sla­wi­schen »Unter­men­schen«, ermor­de­ten sie Juden, Sin­ti und Roma. Es muss uns bewusst blei­ben, wel­ches Aus­maß Ras­sis­mus errei­chen kann.