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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Heer der Sklaven, wache auf!

Das Lied Mar­tin Luthers bezeich­ne­te Hein­rich Hei­ne als »Mar­seil­ler Hym­ne der Refor­ma­ti­on«, Fried­rich Engels als »Mar­seil­lai­se der Bau­ern­krie­ge«. In Zei­ten äuße­rer Bedräng­nis oder zum Bekennt­nis des eige­nen Glau­bens wur­de es von Pro­te­stan­ten gesun­gen. Gemeint ist das Lied mit den Wor­ten Mar­tin Luthers:

»Ein feste Burg ist unser Gott, /​ ein gute Wehr und Waf­fen. /​ Er hilft uns frei aus aller Not, /​ die uns jetzt hat betrof­fen. (…) /​ Und wenn die Welt voll Teu­fel wär /​ und wollt uns gar ver­schlin­gen, /​ so fürch­ten wir uns nicht so sehr, /​ es soll uns doch gelingen.«

Vier­hun­dert Jah­re nach Luther wur­den für vie­le Men­schen die­se Wor­te von ähn­li­cher Kraft spen­den­der Bedeu­tung: »Wir stel­len den Kampf erst ein, wenn auch der letz­te Schul­di­ge vor den Rich­tern der Völ­ker steht! Die Ver­nich­tung des Nazis­mus mit sei­nen Wur­zeln ist unse­re Losung. Der Auf­bau einer neu­en Welt des Frie­dens und der Frei­heit ist unser Ziel. Das sind wir unse­ren gemor­de­ten Kame­ra­den, ihren Ange­hö­ri­gen schuldig.«

Die­ser Schwur der 21.000 über­le­ben­den Häft­lin­ge des KZ Buchen­wald vom 19. April 1945 wird oft in den Wor­ten zusam­men­ge­fasst: »Nie wie­der Krieg, nie wie­der Faschis­mus« Doch kei­nes die­ser sechs Wör­ter kommt in dem Schwur vor. Dar­in ist vom Frie­den, der Frei­heit, der Ver­nich­tung des Nazis­mus die Rede. Der Krieg war noch nicht zu Ende. Daher heißt es in der Ein­lei­tung zu dem Schwur: »Noch wehen Hit­ler­fah­nen! Noch leben die Mör­der unse­rer Kame­ra­den! Noch lau­fen unse­re sadi­sti­schen Pei­ni­ger frei herum!«

Einer davon wur­de nun 77 Jah­re danach als ein­sti­ger Wach­mann des KZ Sach­sen­hau­sen, als »will­fäh­ri­ger Hel­fer der Täter«, zu fünf Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Ein 101 Jah­re alter Mann. Her­bert Quandt war aber kein will­fäh­ri­ger Hel­fer, son­dern akti­ver Täter. Er und sei­ne Fami­lie blie­ben nach 1945 straf­frei. Ihr heu­ti­ges Ver­mö­gen beruht auf der Aus­beu­tung und Ermor­dung von tau­sen­den Zwangsarbeitern.

Jetzt ist ein Buch erschie­nen, das dar­an erin­nert: »Brau­nes Erbe« von David de Jong. Dar­aus geht her­vor: »Nach der von ihnen mit vor­an­ge­trie­be­nen Zer­stö­rung der Wei­ma­rer Repu­blik 1933 haben Quandt, Flick, Finck, Por­sche und Richard Kase­low­sky vom Oetker-Kon­zern zwölf Jah­re lang immer schnel­ler an Auf­rü­stung und ›Ari­sie­rung‹ ver­dient. Alle waren sie Mit­glied in Himm­lers ›Freun­des­kreis Reichs­füh­rer SS‹ und der NSDAP.« So berich­tet es Seba­sti­an Schrö­der in einer Rezen­si­on von »Brau­nes Erbe«, und fährt fort: »1.016 Men­schen wur­den im April 1945 Opfer eines grau­sa­men Ver­bre­chens (der Quandts) in Gar­de­le­gen. Bei dem Nazi­mas­sa­ker wur­den KZ-Häft­lin­ge lebend in einer Feld­scheu­ne ver­brannt. Ein­ge, die sich vor dem Feu­er ret­ten konn­ten, wur­den sofort erschos­sen, nur ganz weni­ge über­leb­ten.« Die Opfer kamen aus einem AFA-Bat­te­rie­be­trieb der Quandts aus Hannover.

Leu­te wie Quandt waren gemeint, wenn in dem Schwur von der Besei­ti­gung des Nazis­mus mit sei­nen Wur­zeln die Rede war. Der Begriff von den Wur­zeln hat für eini­ge Zeit dazu geführt, dass Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den, einst gegrün­det von Nazi­tä­tern, eine ganz absto­ßen­de Her­vor­brin­gung schu­fen. Sie stell­ten den Schwur von Buchen­wald als ver­fas­sungfs­feind­lich dar. Denn mit den »Wur­zeln« sei­en die demo­kra­ti­schen Grund­la­gen unse­res Staa­tes gemeint gewe­sen und die sei­en kapi­ta­li­stisch. Der Kapi­ta­lis­mus ist jedoch nicht Bestand­teil des Grund­ge­set­zes, wie ein Urteil des Bund­er­fas­sungs­ge­richts vom 20. Juli 1954 bekräf­tigt, das noch immer gilt. Die Ver­fas­sungs­feind­lich­keit der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist also nicht gege­ben, von ihr geht die Regie­rung jedoch in unse­rem Lan­de noch immer aus. Nie wirk­lich auf­ge­ho­ben wur­de die »Extre­mis­mus­klau­sel« einer CDU-Fami­li­en­mi­ni­ste­rin Schrö­der aus dem Jahr 2010, die von För­de­rungs­emp­fän­gern und Bewer­bern zum öffent­li­chen Dienst eine Absa­ge des »Extre­mis­mus« verlangt.

Die anti­fa­schi­sti­sche Kapi­ta­lis­mus­kri­tik ist – wie gese­hen – nicht ver­fas­sungs­feind­lich, aber kei­nes­falls Vor­aus­set­zung für den Antifaschismus.

Georg Fül­berth erklär­te im Jahr 2015 in einem Vor­trag: »›Kapi­ta­lis­mus führt zum Faschis­mus – Kapi­ta­lis­mus muss weg!‹ So lau­te­te ein Slo­gan der 1968er-Bewe­gung in der Bun­des­re­pu­blik. Er benennt eine Mög­lich­keit: Der Kapi­ta­lis­mus kann zum Faschis­mus füh­ren, (das) ist aber kei­ne Zwangs­läu­fig­keit. Es gibt auch nicht­fa­schi­sti­schen Kapi­ta­lis­mus (…). Wer meint, gegen Faschis­mus kön­ne nur gekämpft wer­den, wenn zugleich ›der Kapi­ta­lis­mus‹ besei­tigt wer­de, ver­ur­teilt sich gegen­wär­tig, da der Kapi­ta­lis­mus nahe­zu welt­weit gesiegt hat, zum Nichts­tun. Dann wäre aktu­el­ler Anti­fa­schis­mus nur eine Sache z. B. von Bür­ger­li­chen und Chri­sten, die das Nöti­ge gegen Faschis­mus zu tun ver­su­chen, auch wenn dadurch der Kapi­ta­lis­mus nicht ver­schwin­det. Den Anti­ka­pi­ta­li­sten blie­be da aus­schließ­lich Däumchen-drehen.«

Mah­nend führ­te Fül­berth wei­ter aus: »Eine sol­che Hal­tung wäre sek­tie­re­risch. So ver­hielt sich lei­der ab 1929 die KPD, die mein­te, es gebe nur noch die Alter­na­ti­ve zwi­schen Faschis­mus und Sozia­lis­mus, und wer in einer sol­chen Situa­ti­on an der Ver­tei­di­gung der bür­ger­li­chen Repu­blik fest­hal­te, wie z. B. die SPD, för­de­re objek­tiv den Faschis­mus, der nur durch die sozia­li­sti­sche Revo­lu­ti­on (…) zu ver­hin­dern sei. Dadurch wur­de die Zusam­men­ar­beit mit bür­ger­li­chen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten unmöglich.«

Ande­rer­seits ist vom völ­li­gen Aus­klam­mern der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik aus dem anti­fa­schi­sti­schen Dis­kurs eben­falls abzu­ra­ten. Erin­nert sei an die anti­ka­pi­ta­li­sti­schen Aus­sa­gen von SPD und CDU in der Zeit nach 1945. Die­se besag­ten zwar nicht, dass die Wur­zeln des Faschis­mus im Kapi­ta­lis­mus allein lägen – das war ja auch nicht mit dem Schwur von Buchen­wald gemeint –, aber es wur­de doch betont, dass »der Kapi­ta­lis­mus den Lebens­in­ter­es­sen des deut­schen Vol­kes nicht gerecht gewor­den« sei. Es war all­ge­mei­ne Erkennt­nis, dass auch der Mili­ta­ris­mus zu bekämp­fen sei, der in den Krieg führ­te. »In der Hoff­nung auf eine Bele­bung der Wirt­schaft unter­stütz­ten ihn (den Nazis­mus) auch nam­haf­te Indu­stri­el­le mit gro­ßen geld­li­chen Zuwen­dun­gen« (Geschich­te der neu­sten Zeit, von 1850 bis zur Gegen­wart, Ernst Klett Ver­lag Stutt­gart 1953, S. 146).

Der­ar­ti­ge Erkennt­nis­se wer­den heu­te nicht mehr in der offi­zi­el­len poli­ti­schen Bil­dungs­ar­beit ver­brei­tet. Wir haben in Ossietzky Nr. 10/​22 auf die heut­zu­ta­ge sel­te­ne Aus­sa­ge hin­ge­wie­sen, die auf das Inter­es­se der Schwer­indu­strie an Faschis­mus und Krieg ver­weist. Heu­te wis­sen wir, dass die­se Aus­sa­ge auch aus der Gedenk­stät­te Stein­wa­che in Dort­mund ver­schwin­den soll. Sie passt nicht in eine Zeit, da der SPD-Par­tei­vor­sit­zen­de Lars Kling­beil, der offen­bar kein Geschichts­buch besitzt, erklär­te: »Nach knapp 80 Jah­ren der Zurück­hal­tung hat Deutsch­land heu­te eine neue Rol­le«; die­se Rol­le bestehe dar­in, eine auch mili­tä­ri­sche »Füh­rungs­macht« zu sein. Das sag­te er einen Tag vor dem 81. Jah­res­tag des deut­schen Über­falls auf die UdSSR. Die­ser Über­fall stei­ger­te sich vor 80 Jah­ren in einer Offen­si­ve der Hit­ler­wehr­macht zur Erobe­rung der kau­ka­si­schen Erd­öl­ge­bie­te und in den Mord an Mil­lio­nen jüdi­schen Men­schen. Die »deut­sche Zurück­hal­tung« setz­te sich dann noch drei Jah­re lang fort. 27 Mil­lio­nen Tote allein in der UdSSR waren Opfer der faschi­sti­schen »Zurück­hal­tung«. Selbst wenn Kling­beil nicht 80 Jah­re, son­dern 77 Jah­re zurück­blicken woll­te, so sei er dar­an erin­nert, dass die deut­sche Zurück­hal­tung bereits 1999 mit Bom­ben auf Bel­grad ihr Ende fand.

Möch­te er nun statt Zurück­hal­tung den andau­ern­den mili­tä­ri­schen Kon­flikt? Der SPD-Vor­sit­zen­de hat­te erst kürz­lich betont, mit Russ­land sei kei­ne Frie­dens­ord­nung mög­lich. Und Kanz­ler Scholz sieht es ähn­lich, wie im Bun­des­tag zu ver­neh­men war. Jetzt wis­sen wir, was die Zei­ten­wen­de bedeu­tet: Nie wie­der Krieg ohne Deutsch­land an der Spit­ze. Kurz­fri­stig heißt das, im Win­ter zu frie­ren, um Putin zu besie­gen. Lang­fri­stig: Am deut­schen Wesen soll wie­der mal die Welt genesen.

Lars Kling­beil gehört zu den Poli­ti­kern, die nicht nur auf Lob­by­isten hören, son­dern selbst Lob­by­ar­beit im Inter­es­se der Rüstungs­in­du­strie betrei­ben. Ja, die Lob­by­isten der Rüstungs­in­du­strie sit­zen direkt im Bun­des­tag. Agnes Strack-Zim­mer­mann (FDP), die Vor­sit­zen­de des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses und Für­spre­che­rin von Waf­fen­ex­por­ten größ­ten Aus­ma­ßes für den Ukrai­ne­krieg, sitzt im Prä­si­di­um des »För­der­krei­ses Deut­sches Heer«. »In dem Kreis arbei­tet die Frau mit Ver­tre­tern von Lock­heed Mar­tin, Thys­sen­Krupp, Air­bus, Daim­ler, Rhein­me­tall, Krauss-Maff­ei-Weg­mann, der Waf­fen­schmie­de Diehl und der fran­zö­si­schen Tha­les-Grup­pe zusam­men«, berich­tet am 9. Mai 2022 die Schwe­ri­ner Volks­zei­tung und fährt fort: »In der ›Gesell­schaft für Wehr­tech­nik‹ ist Strack-Zim­mer­mann eben­falls im Prä­si­di­um, in der ›Bun­des­aka­de­mie für Sicher­heits­po­li­tik‹ im Bei­rat.« Der Ver­ein Lob­by­Con­trol erklär­te: Die Gesell­schaft für Wehr­tech­nik und der För­der­kreis Deut­sches Heer sei­en »von der Rüstungs­in­du­strie stark beein­fluss­te Orga­ni­sa­tio­nen«, es sei kri­tisch zu sehen, dass dort Abge­ord­ne­te des Bun­des­ta­ges lei­ten­de Funk­tio­nen übernehmen.

Die Gip­fel von EU, G7 und Nato, die hin­ter uns lie­gen, haben lei­der kei­ne Absa­ge an Scholz und Kling­beil gebracht. Es soll nie wie­der so wer­den wie vor dem Krieg Putins, sag­te Scholz. Wir wer­den also nicht wirk­lich Frie­den bekom­men, kei­ne Lösun­gen für die Kli­ma­kri­se, die Infla­ti­on, die Pan­de­mie und die welt­wei­te Hun­ger­kri­se. Der G7-Gip­fel sag­te der Welt­hun­ger­hil­fe 4,5 Mil­li­ar­den Dol­lar zum Kampf gegen den Hun­ger zu, dem heu­te Mil­lio­nen Men­schen aus­ge­lie­fert sind. Doch die­se Mit­tel der G7 für die glo­ba­le Ernäh­rung sei­en – so die Welt­hun­ger­hil­fe – viel zu gering. Das Welt­ernäh­rungs­pro­gramm erfor­de­re 21,5 Mil­li­ar­den Dol­lar. Es feh­le zudem ein Schul­den­er­lass. Auf jeden Dol­lar an Hilfs­gel­dern kämen zwei Dol­lar, die ein­kom­mens­schwa­che Län­der an ihre Gläu­bi­ger zah­len müssten.

Um zu den ein­gangs genann­ten Hym­nen eine wei­te­re hin­zu­zu­fü­gen, die als »Inter­na­tio­na­le« wie­der­be­lebt wer­den soll­te, sei dies den Armen der Welt anemp­foh­len: »Wacht auf, Ver­damm­te die­ser Erde, /​ die stets man noch zum Hun­gern zwingt! /​ Das Recht wie Glut im Kra­ter­her­de /​ nun mit Macht zum Durch­bruch dringt. /​ Rei­nen Tisch macht mit den Bedrän­gern! /​ Heer der Skla­ven, wache auf! /​ Ein Nichts zu sein, tragt es nicht län­ger /​ Alles zu wer­den, strömt zuhauf!«