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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ukraine – Knoten der Transformation

Nach Anga­ben des kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten »Kon­flikt­ba­ro­me­ters 2020« des Hei­del­ber­ger Insti­tuts für Inter­na­tio­na­le Kon­flikt­for­schung (HIIK) ist die Zahl der Krie­ge in den zurück­lie­gen­den Jah­ren welt­weit von fünf­zehn auf zwei­und­zwan­zig ange­stie­gen. Der neue­ste Krieg wird zur­zeit in der Ukrai­ne aus­ge­tra­gen. Er hat die Anla­gen sich zu einem Welt­brand aus­zu­wei­ten. War­um ist das so? War­um gera­de die Ukraine?

Machen wir einen Ver­such, die­ses Rät­sel zu ver­ste­hen und einen mög­li­chen Weg aus der blo­ßen Zer­stö­rung zu skiz­zie­ren, die­sen wenig­stens erst ein­mal zu den­ken. Ver­su­chen wir uns von dem vor­der­grün­di­gen media­len Getö­se erklär­ter Kriegs­zie­le der Haupt­kon­tra­hen­ten wie auch ihrer media­len Mit­läu­fer und der Kriegs­ge­winn­ler aller Art zu lösen.

Schau­en wir dafür zunächst auf die lan­gen Lini­en, auf die tie­fer lie­gen­den glo­ba­len Wur­zeln, die zu die­sem Krieg geführt haben, um bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, wor­um es geht.

Drei Haupt­strän­ge wer­den erkenn­bar – schon lan­ge bevor der Krieg in der Ukrai­ne begann, also schon vor dem Über­schrei­ten der ukrai­ni­schen Gren­zen durch rus­si­sche Trup­pen am 24. Febru­ar des Jah­res 2022 und auch noch vor dem Beginn des inne­ru­krai­ni­schen Krie­ges seit 2014. Die­se Haupt­strän­ge zie­hen sich über den gan­zen Glo­bus hin.

Das ist die nach­so­wje­ti­sche gei­sti­ge Lee­re, deren Sog immer noch wirk­sam ist in der ver­zwei­fel­ten Suche der Men­schen nach neu­en Iden­ti­tä­ten und neu­en Per­spek­ti­ven ange­sichts der unüber­seh­ba­ren Tat­sa­che, dass der Kapi­ta­lis­mus die­se Lee­re nicht fül­len kann.

Das ist die Kri­se des ein­heit­li­chen Natio­nal­staats und der auf die­sem Cre­do beru­hen­den inter­na­tio­na­len Ord­nung, die zuneh­mend von Mono­po­len domi­niert wird, wäh­rend gleich­zei­tig eine nach­ho­len­de Natio­nen­bil­dung wuchert.

Das ist das Her­auf­kom­men auto­ri­tä­rer For­men des digi­ta­len Kapi­ta­lis­mus, dem das Anwach­sen eines Pre­ka­ri­ats gegen­über­steht, das auf Basis tech­nisch mög­li­cher Dezen­tra­li­sie­rung nach neu­en For­men der Teil­ha­be verlangt.

Die­se drei Strän­ge tref­fen in der Ukrai­ne, in die­sem histo­risch von der mythi­schen Zeit der Argo­nau­ten und Ama­zo­nen bis heu­te immer wie­der von ver­schie­de­nen Völ­kern und Kul­tu­ren durch­zo­ge­nen Durch­gangs­raum zwi­schen Asi­en und Euro­pa, zwi­schen Sozia­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus, zwi­schen impe­ria­ler und mul­ti­po­la­rer Ord­nung, all­ge­mei­ner gesagt, zwi­schen Osten und Westen, zwi­schen dem eura­si­schen Nor­den und dem mit­tel­mee­ri­schen Süden zur­zeit am schroff­sten aufeinander:

Die olig­ar­chi­sche Aus­plün­de­rung des von Natur aus frucht­ba­ren Gebie­tes der Ukrai­ne nach dem Zer­fall der Sowjet­uni­on hin­ter­ließ die dor­ti­ge Bevöl­ke­rung als eine der ärm­sten im euro­päi­schen Raum, zwar aus­ge­rü­stet mit Han­dys für den Tages­ge­brauch, aber allein­ge­las­sen mit ihren Hoff­nun­gen auf eine wirt­schaft­li­che Erlö­sung durch den Westen. Ein nach­so­wje­ti­sches und zugleich nahe­zu früh­ka­pi­ta­li­sti­sches Pre­ka­ri­at sucht nach neu­en Lebensperspektiven.

Im Tau­zie­hen der ver­schie­de­nen Bevöl­ke­rungs­grup­pen um die Ori­en­tie­rung des Lan­des zwi­schen Russ­land und der EU und um die Her­aus­bil­dung einer eige­nen natio­na­len Iden­ti­tät, die sich der Will­kür der hei­mi­schen Olig­ar­chen wie zugleich Ein­grif­fen von außen wider­set­zen könn­te, haben die oben genann­ten Strän­ge sich in der Ukrai­ne zu einem natio­na­li­sti­schen Kno­ten ver­dich­tet, der die viel­fäl­ti­ge Kul­tur des Lan­des zu erwür­gen droht.

Dem Cha­rak­ter der Ukrai­ne als Durch­gangs­raum zwi­schen Asi­en und Euro­pa ent­sprä­che es aber eher, und zukunfts­wei­sen­der wäre es, wenn das Land nicht in die Wahl zwi­schen Russ­land oder Euro­pa, auch nicht in Schein­al­ter­na­ti­ven von ein­heit­li­chem Natio­nal­staat west­li­cher Prä­gung oder anar­chi­schem Cha­os, guter west­li­cher Zivi­li­sa­ti­on oder böser rus­si­scher Bar­ba­rei getrie­ben wür­de, son­dern wenn sich ihre Bevöl­ke­rung auf Basis ihrer kul­tu­rel­len wie sprach­li­chen Viel­ge­stal­tig­keit selbst­be­stimm­ter Gemein­den und Regio­nen als föde­ra­le Gemein­schaft in eige­nen auto­no­men For­men kon­sti­tu­ie­ren könnte.

Denn dar­in liegt das eigent­li­che Erbe, auf das die in der Ukrai­ne leben­de Bevöl­ke­rung aus ihrer lan­gen Geschich­te plu­ra­ler Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on zurück­grei­fen könn­te. Nicht for­ma­le Demo­kra­tie nach west­li­chem Muster, nicht Unter­ord­nung unter ein domi­nan­tes Mos­kau­er Erbe, nicht zwangs­wei­se Uni­for­mie­rung der Men­schen zu Ukrai­nern in einem ein­heit­li­chen Natio­nal­staat ent­spricht die­sem Erbe. Man erin­ne­re sich nur an die rei­che Kul­tur der selbst­be­wuss­ten Kosa­ken im 17. und 18. Jahr­hun­dert, eine stol­ze Krie­ger­kul­tur, die sich die Her­ren, denen sie dien­te, jeweils selbst wähl­te; man erin­ne­re sich an die leben­di­ge räte­de­mo­kra­ti­sche Bewe­gung vor und wäh­rend der rus­si­schen Revo­lu­ti­on, für die der Name Nestor Mach­nos steht – eine Kul­tur der räte­de­mo­kra­ti­schen Selbstorganisation.

Und wich­tig ist schließ­lich auch, sich die zar­ten Ansät­ze zur kom­mu­na­len Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on ins Gedächt­nis zu rufen, die nach dem Mai­dan im Osten des Lan­des als anzu­stre­ben­de Alter­na­ti­ve gegen die Fort­set­zung der Herr­schaft der Olig­ar­chen wie auch gegen eine dro­hen­de Mili­ta­ri­sie­rung des Lan­des for­mu­liert wur­den. Für die Pro­kla­ma­ti­on die­ser Absich­ten kamen im Juli 2014 Ver­tre­ter aus den ver­schie­den­sten Orten des Ostens wie auch aus dem Kie­wer Teil des Lan­des zu einer Grün­der­kon­fe­renz zusam­men, an der der Autor die­ser Zei­len teil­neh­men konn­te (sie­he Anmer­kung unten).

Kei­ner die­ser Ansät­ze hat sich auf Dau­er hal­ten kön­nen. Das ist eine eben­so wich­ti­ge Kon­stan­te die­ses Rau­mes wie der unbän­di­ge Frei­heits­wil­le der gemisch­ten Bevöl­ke­rung die­ses Stückes Erde. Nicht immer blieb das Zusam­men­le­ben der eth­ni­schen und kul­tu­rel­len Grup­pen fried­lich, auch das muss gesagt wer­den, immer wie­der kam es auch zu Pogro­men, immer wie­der auch zu Gewalt­aus­brü­chen wie gegen­wär­tig wie­der. Und immer wie­der wur­den die Ansät­ze auto­no­mer Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on unter frem­de Herr­schaft gezwun­gen, unter rus­si­sche, pol­nisch-litaui­sche, tür­ki­sche, habs­bur­gi­sche, deut­sche; heu­te kom­men US-ame­ri­ka­ni­sche und bri­ti­sche Ein­fluss­nah­men hin­zu. Zuletzt waren es die soeben genann­ten zar­ten Impul­se nach dem Mai­dan 2014, die von der ein­set­zen­den Mili­ta­ri­sie­rung des Kon­flik­tes zwi­schen Kiew und den öst­li­chen Repu­bli­ken ver­drängt wur­den. Weder die west­ori­en­tier­ten Kräf­te, die Kiew nach dem Mai­dan über­nom­men hat­ten, noch Russ­land waren an einer Ent­wick­lung auto­no­mer Struk­tu­ren in der Ukrai­ne inter­es­siert. Im Gegen­teil. Die­se Initia­ti­ve starb zwi­schen den Fron­ten des Bür­ger­krie­ges, bevor sie sich ent­wickeln konnte.

Was blieb, ist ein zer­ris­se­nes Land, das nur noch ent­fernt an die Impul­se der Selbst­ver­wal­tung und den tra­di­tio­nel­len Frei­heits­wil­len der Bewoh­ner erin­nert – in den abge­spal­te­nen Pro­vin­zen nicht viel anders als im Kie­wer Teil des Lan­des: Unter aus­län­di­scher Domi­nanz, hier öst­li­cher, dort west­li­cher, ste­hen sie heu­te bei­de. Wie das Land aus dem Ende des Krie­ges her­vor­ge­hen wird, ist offen.

Ein vor­ur­teils­lo­ser Blick auf die Geschich­te des ukrai­ni­schen Lan­des lässt aber erken­nen, dass die immer wie­der zum Durch­bruch kom­men­de Ten­denz zu herr­schafts­frei­er, zumin­dest herr­schafts­kri­ti­scher, räte­de­mo­kra­tisch ori­en­tier­ter Selbst­ver­wal­tung auto­no­mer Regio­nen die urei­gent­li­chen Kräf­te die­ses Lan­des in sei­ner extrem unru­hi­gen und rei­chen Geschich­te reprä­sen­tiert. Sie sind durch den über Jahr­hun­der­te erfolg­ten Durch­zug der Völ­ker in der immer wie­der durch­misch­ten Kul­tur des Gebie­tes und in der Men­ta­li­tät der in dem Gebiet der Ukrai­ne leben­den Bevöl­ke­rung tief ver­an­kert, auch wenn jetzt wie­der Kom­pro­mis­se im rus­si­schen oder west­li­chen Staats­ver­band gesucht wer­den müssen.

Wenn die in der Ukrai­ne leben­den Men­schen jetzt, wie es vor den Augen der Welt geschieht, als Kano­nen­fut­ter im Stell­ver­tre­ter­krieg zwi­schen west­li­chen und rus­si­schen Inter­es­sen an die­sem Gebiet, gewis­ser­ma­ßen als Kol­la­te­ral­scha­den der glo­ba­len Trans­for­ma­ti­on, unter der Vor­ga­be ver­heizt wer­den, dort wer­de die Frei­heit ver­tei­digt, oder von der Gegen­sei­te her, dort wer­de der Faschis­mus zurück­ge­kämpft, liegt dar­in eine dop­pel­te Tra­gik. Zum einen ver­lie­ren die zu Hel­den erklär­ten »Kämp­fer« unter dem Druck der nach­ho­len­den Natio­na­li­sie­rung ihr Blut für eine Idee von Staat, die ein­deu­tig nicht ihrem histo­ri­schen Grund­im­puls ent­spricht. Das gilt für bei­de Sei­ten der Front. Zum ande­ren geht der Welt die Chan­ce ver­lo­ren, die Ent­wick­lung einer Alter­na­ti­ve zu erle­ben und zu för­dern, die ihrem Wesen nach über die gegen­wär­ti­ge glo­ba­le Trans­for­ma­ti­ons­kri­se in eine Zukunft hin­aus­weist, in der die Lee­re des geschei­ter­ten Sozia­lis­mus wie auch des dar­auf als angeb­li­che Alter­na­ti­ve fol­gen­den ent­fes­sel­tem Kapi­ta­lis­mus, durch koope­ra­ti­ve For­men des Lebens und Wirt­schaf­tens über­wun­den wer­den könnte.

Ist das das nur eine Uto­pie? Nein, das ist kei­ne Uto­pie. Das ist eine Per­spek­ti­ve, die in eine Rich­tung weist, wie die all­ge­mei­nen Ent­wick­lungs­hem­mun­gen der gegen­wär­ti­gen glo­ba­len Gesell­schaft, die in der Ukrai­ne gegen­wär­tig zu einem Kno­ten zusam­men­lau­fen, über­wun­den wer­den könn­ten, statt ver­brann­te Erde und eine Rück­kehr zum Natio­na­lis­mus zu hin­ter­las­sen, wor­auf für Jahr­zehn­te nur Minen statt Korn geern­tet wer­den können.

Mit solch einer Ent­wick­lung könn­te die Ukrai­ne nicht nur in die Kon­ti­nui­tät ihrer eige­nen Geschich­te, son­dern auch in die von Gemein­schaf­ten wie Roja­va, in Nord­sy­ri­en ein­tre­ten, die in kla­rer Kri­tik des ein­heit­li­chen Natio­nal­staats die Ver­fas­sung eines Demo­kra­ti­schen Kon­fö­de­ra­lis­mus anstreben.

Sol­che Initia­ti­ven zu den­ken und zu för­dern, wäre mit Sicher­heit die bes­se­re Hil­fe für die Men­schen der Ukrai­ne, als das Land mit Waf­fen aller Art vollzupumpen.

Anmer­kung: sie­he dazu auf der Web­site www.kai-ehlers.de: »Mani­fest der Volks­be­frei­ungs­front der Ukrai­ne, Neu­russ­lands und der rus­si­schen Kar­pa­ten vom 10. Juli 2014«, https://kai-ehlers.de/2014/07/blick-in-den-hintergrund-manifest-der-volksbefreiungsfront-zu-den-zielen-des-widerstandes-im-sueden-und-osten-der-ukraine/.