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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Friedrich Wolff ist 100

Auch in Ber­lin gab es poli­ti­sche Schau­pro­zes­se, und an min­de­stens drei­en war er betei­ligt. Der erste fand im Früh­jahr 1960 vorm Ober­sten Gericht der DDR statt. Und Wolff war dem wegen Mor­des ange­klag­ten Mann als Pflicht­ver­tei­di­ger bei­geord­net. Der Beschul­dig­te war nicht erschie­nen und Wolffs Anwalts­post retour­niert wor­den, nach­dem sie in Bonn geöff­net und wie­der ver­schlos­sen wor­den war. Kurio­ser Ver­merk auf dem Kuvert: »Annah­me nach­träg­lich verweigert.«

Nun, über­rascht hat­te dies nicht. Wolffs Man­dant gehör­te seit sie­ben Jah­ren der Bun­des­re­gie­rung an, das von ihm geführ­te Haus hieß »Bun­des­mi­ni­ste­ri­um für Ver­trie­be­ne, Flücht­lin­ge und Kriegs­ge­schä­dig­te«, und das Land, aus dem der Brief kam, exi­stier­te in der Bun­des­re­pu­blik nicht. Hin­ter dem ange­schrie­be­nen CDU-Poli­ti­ker mit Namen Dr. Theo­dor Ober­län­der lag eine lan­ge Naz­i­kar­rie­re, sie reich­te bis zum Hit­ler­putsch 1923 in Mün­chen zurück, in den er nach eige­nem Bekun­den aller­dings »eher zufäl­lig« hin­ein­ge­ra­ten sein woll­te. Die Ver­bre­chen, die ihm zur Last gelegt wur­den, hat­te er knapp zwan­zig Jah­re spä­ter als Offi­zier im »Batail­lon Nach­ti­gall« began­gen – eben jenem Mord­kom­man­do, das vom deut­schen Geheim­dienst im Wesent­li­chen aus ukrai­ni­schen Natio­na­li­sten for­miert wor­den war, die man bereits vor dem Über­fall auf die Sowjet­uni­on rekru­tiert hat­te. (Die anti­se­mi­ti­schen Kol­la­bo­ra­teu­re waren maß­geb­lich betei­ligt an jüdi­schen Pogro­men in und um Lem­berg, das man »juden­frei« an die ein­rücken­de Wehr­macht über­gab. Neben­bei: Kom­man­deur der Ver­bre­cher­ban­de war der Ter­ro­rist Roman Schu­che­wytsch, der 2007 postum zum »Hel­den der Ukrai­ne« erklärt wur­de. 2017 benann­te der Kie­wer Stadt­rat unter Bür­ger­mei­ster Klitsch­ko eine Stra­ße in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt nach ihm – sie trug bis dahin den Namen von Niko­lai Watu­tin. Der Armee­ge­ne­ral der Roten Armee hat­te sei­ner­zeit Kiew von den faschi­sti­schen Okku­pan­ten befreit und war 1944 von einem Schu­che­wytsch-Kom­man­do ermor­det worden.)

Ober­län­der erschien also nicht zum Pro­zess in Ber­lin. So pflicht­ver­tei­dig­ten sei­ne bei­den Anwäl­te – Fried­rich Wolff aus Ber­lin hat­te Ver­stär­kung durch Ger­hard Rinck aus Erfurt erhal­ten – einen lee­ren Platz. Denn auch für abwe­sen­de Kriegs­ver­bre­cher galt zunächst die Unschulds­ver­mu­tung, und auch sie hat­ten Rech­te, auf deren Ein­hal­tung die Ver­tei­di­ger ach­te­ten. An elf Ver­hand­lungs­ta­gen hör­te das Gericht 35 Zeu­gen und ein hal­bes Dut­zend Sach­ver­stän­di­ge und wälz­te Akten ohne Ende. Am 29. April 1960 wur­de Ober­län­der schließ­lich wegen der Erschie­ßung von meh­re­ren tau­send Juden und Polen in Lem­berg zu einer lebens­läng­li­chen Zucht­haus­stra­fe verurteilt.

Selbst­ver­ständ­lich war das ein Schau­pro­zess, sag­te spä­ter* Fried­rich Wolff. »Für wen waren denn Gerichts­ver­fah­ren ohne phy­si­sche Anwe­sen­heit der Ange­klag­ten? Natür­lich doch für die Öffent­lich­keit, um auf bestimm­te Sach­ver­hal­te hin­zu­wei­sen und um ein mora­li­sches Urteil zu fäl­len, das sich an straf­recht­li­chen Maß­stä­ben ori­en­tier­te. Also ein Schau­pro­zess im Sin­ne von Auf­klä­rung und gesell­schaft­li­cher Äch­tung, ein poli­ti­sches Hilfs­mit­tel im anti­fa­schi­sti­schen Kampf der DDR gegen Nazis.«

Ober­län­der wur­de am 24. Novem­ber 1993 vom Land­ge­richt Ber­lin reha­bi­li­tiert. Ohne Prü­fung der Vor­wür­fe der Ankla­ge von damals hob man das DDR-Urteil auf – aus for­ma­len Grün­den, »weil die Haupt­ver­hand­lung rechts­wid­rig in Abwe­sen­heit des Betrof­fe­nen durch­ge­führt wurde«.

Zur Wahr­heit gehört auch: Eine Woche nach dem DDR-Urteil 1960 muss­te Ober­län­der als Bun­des­mi­ni­ster sei­nen Hut neh­men, er gehör­te aller­dings wei­ter, bis 1965, der CDU-Frak­ti­on des Deut­schen Bun­des­ta­ges an. Gro­ße Tei­le sei­ner Akten in den USA – er hat­te sich 1945 sofort dem US-Geheim­dienst CIC zur Ver­fü­gung gestellt – waren noch in den neun­zi­ger Jah­ren gesperrt: aus Grün­den der Natio­na­len Sicher­heit der USA, wie es hieß. Ver­mut­lich sind sie es noch immer.

Im Juli 1963 ver­tei­dig­te Fried­rich Wolff in einem wei­te­ren Schau­pro­zess Hans Glob­ke, den Chef des Bun­des­kanz­ler­am­tes, die »Graue Emi­nenz« in Bonn und Ade­nau­ers Inti­mus. Der Gene­ral­staats­an­walt der DDR klag­te den Schreib­tisch­tä­ter an, »in Ber­lin und an ande­ren Orten von Novem­ber 1932 bis zur Zer­schla­gung der faschi­sti­schen Gewalt­herr­schaft im Jah­re 1945 gemein­schaft­lich han­delnd Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit und Kriegs­ver­bre­chen began­gen zu haben«. Ins­be­son­de­re warf ihm das Ober­ste Gericht der DDR vor, an der Aus­ar­bei­tung der Nürn­ber­ger Ras­sen­ge­set­ze und einer Viel­zahl ande­rer Geset­ze mit ras­si­sti­schem Inhalt betei­ligt gewe­sen zu sein.

Die Ankla­ge und der Eröff­nungs­be­schluss stütz­te sich auf Arti­kel 6 des Lon­do­ner Sta­tuts für das Inter­na­tio­na­le Mili­tär­tri­bu­nal in Ver­bin­dung mit Arti­kel 5 Abs. 1 der Ver­fas­sung der DDR. Am 23. Juli 1963 erhielt Glob­ke eine lebens­läng­li­che Zucht­haus­stra­fe. Ein Vier­tel­jahr spä­ter muss­te auch er zurück­tre­ten, bekam aber noch rasch das Groß­kreuz des Ver­dienst­or­dens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­lie­hen. Glob­ke woll­te als Pen­sio­när in die Schweiz über­sie­deln, sei­ne Frau hat­te in den fünf­zi­ger Jah­ren eine Immo­bi­lie am Gen­fer­see im Kan­ton Waadt erwor­ben. Das Kan­tons-Par­la­ment erklär­te aller­dings, nach­dem Glob­kes Absicht bekannt wur­de, es wer­de ihm kei­ne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung ertei­len, was damals nicht nur der Schwei­zer Bun­des­prä­si­dent mit sicht­li­cher Erleich­te­rung quittierte.

»Ich agier­te mit etwas mehr Rou­ti­ne als im Ober­län­der-Pro­zess, aber kei­nes­falls erfolg­rei­cher«, resü­mier­te Wolff in dem bereits erwähn­ten Gesprächs­band. »An Stich­wor­ten, die ich mir für mein Plä­doy­er gemacht hat­te, habe ich spä­ter, als ich an mei­nen Memoi­ren arbei­te­te, sehen kön­nen, dass die­ses Ver­fah­ren im Zei­chen der ‚Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung’ stand. So hieß es auf mei­nen Zet­teln. Ich glaub­te bis dahin, dass die­ser Ter­mi­nus erst nach 1990 kre­iert wor­den sei. Es war aber alles schon ein­mal da, nur eben ganz anders.«

Und schließ­lich sein drit­ter, eben ganz ande­rer Schau­pro­zess. Da hieß sein Man­dant Erich Hon­ecker. Und der war phy­sisch im Gerichts­saal zuge­gen, weil ihn der rus­si­sche Prä­si­dent an die deut­sche Justiz aus­ge­lie­fert hat­te. Hon­ecker war vom Flug­platz in Tegel gleich nach Moa­bit eskor­tiert wor­den. Im Unter­schied zu sei­nem Anwalt Wolff, der noch nie zuvor in die­ser Haft­an­stalt gewe­sen war, kann­te er die­sen Knast bereits. Die Nazis hat­ten 1935 den Anti­fa­schi­sten hier inhaf­tiert. Hon­ecker beging am 25. August 1992 in die­ser JVA sei­nen 80. Geburts­tag, am 12. Novem­ber eröff­ne­te das Land­ge­richt das Tri­bu­nal. Es lebe der Unter­schied, schrieb andern­tags die Ber­li­ner Zei­tung: »Am Mon­tag die­ser Woche erhob sich das poli­ti­sche Ber­lin im alten Reichs­tag von sei­nen Sit­zen. Es galt, einen neu­en Ehren­bür­ger der Bun­des­haupt­stadt zu fei­ern. Michail Gor­bat­schow bade­te im Jubel der poli­ti­schen Klas­se. Am Don­ners­tag erho­ben sich die Zuschau­er und Pro­zess­be­ob­ach­ter im Kri­mi­nal­ge­richt Moa­bit. Erich Hon­ecker, ein alter Ehren­bür­ger der Haupt­stadt der DDR, stand vor sei­nem irdi­schen Rich­ter«, hieß es in der Zei­tung. »Und so geht die Geschich­te zu Ende: Ber­lin hat einen neu­en Ehren­bür­ger und Moa­bit einen neu­en Häft­ling. Ver­gan­gen­heits­auf­ar­bei­tung auf gut Deutsch: per Ehren­bür­ger­brief und Anklageschrift.«

Fried­rich Wolff erin­ner­te sich an die Erklä­rung, die der krebs­kran­ke Erich Hon­ecker am 3. Dezem­ber abgab. Sein Man­dant habe die­se »klar, fest und getra­gen von einer uner­schüt­ter­li­chen Über­zeu­gung« abge­ge­ben. Kei­ne Zei­chen von Schwä­che, Krank­heit oder gar Todes­nä­he habe er aus­ma­chen kön­nen. »Mei­ne Damen und Her­ren, ich wer­de die­ser Ankla­ge und die­sem Gerichts­ver­fah­ren nicht dadurch den Anschein des Rechts ver­lei­hen, dass ich mich gegen den offen­sicht­lich unbe­grün­de­ten Vor­wurf des Tot­schlags ver­tei­di­ge. Ver­tei­di­gung erüb­rigt sich auch, weil ich Ihr Urteil nicht mehr erle­ben wer­de. Die Stra­fe, die Sie mir offen­sicht­lich zuden­ken, wird mich nicht mehr errei­chen. Das weiß heu­te jeder. Ein Pro­zess gegen mich ist schon aus die­sem Grun­de eine Far­ce. Er ist ein poli­ti­sches Schauspiel.«

Und mit eini­gem Sar­kas­mus merk­te Hon­ecker an: »Man nennt die heu­te Ver­bre­cher, die man gestern ehren­voll als Staats­gä­ste und Part­ner in dem gemein­sa­men Bemü­hen, dass nie wie­der von deut­schem Boden ein Krieg aus­geht, begrüßt hat.«

Fried­rich Wolff, als Anwalt wie als Zeit­zeu­ge eine Legen­de, wird am 30. Juli ein­hun­dert Jah­re alt. Dort, am Ufer des Wand­litz­sees, wird es an jenem Som­mer­tag kei­nen Pro­zess geben. Ver­mut­lich jedoch eine Pro­zes­si­on von Freun­den, Weg­ge­fähr­ten, ein­sti­gen Man­dan­ten und Genos­sen. Und wahr­schein­lich wird er die Gäste mit sei­nem fei­nen jüdi­schen Humor zu unter­hal­ten wis­sen, mit dem er auch sein letz­tes Buch been­de­te. Auf die Fra­ge näm­lich, ob er noch ein­mal jung sein wol­le, sag­te er: »Alles noch mal von vorn? Ich weiß nicht. Aber ich wür­de gern nicht sterben …«

* Fried­rich Wolff/​Egon Krenz: Komm mir nicht mit Rechts­staat. Gespräch zwi­schen einem fast hun­dert­jäh­ri­gen Juri­sten und einem lang­jäh­ri­gen DDR-Poli­ti­ker, edi­ti­on ost, 2021.