Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Ehrendoktoren

Die Stadt liegt annä­hernd in der Mit­te Deutsch­lands. Sie hat eine Uni­ver­si­tät, eine »Reform­uni­ver­si­tät« sogar, die schon 1737 gegrün­det wur­de und mit ihrem Namen »Georg-August« an einen König erin­nert, an Georg II von Eng­land. 45 Nobel­preis­trä­ger wer­den in Bezie­hung zur Stadt genannt, der die fran­zö­si­sche Chan­son-Sän­ge­rin Bar­ba­ra ein herz­er­wär­men­des Lied wid­me­te. Die Stadt ist beglückt davon, stolz ist sie dazu auf ihre Uni­ver­si­tät. Dafür steht ihr Slo­gan: »Stadt, die Wis­sen schafft«. Wer kennt nicht ihren Namen: GÖTTINGEN.

Nun kann es aller­dings gesche­hen, dass die Wis­sen­schaft nicht nur das Anse­hen der Stadt mehrt, son­dern ihr und der Uni­ver­si­tät auch Pro­ble­me schafft, und zwar aus­ge­rech­net mit ehe­mals ver­lie­he­nen Ehren­dok­tor­wür­den. Das war 2015 so, als eine Unter­su­chung her­aus­fand, dass sich die Uni­ver­si­tät unbe­dingt von acht ihrer 35 Ehren­bür­ger und Ehren­dok­to­ren, die sie zwi­schen 1933 und 1945 gewür­digt hat­te, distan­zie­ren müss­te. Unter den ehe­ma­li­gen fünf Ehren­bür­gern war z.B. seit 1939 einer der füh­ren­de NS-Ver­bre­cher, Her­mann Göring; die drei Wür­den­trä­ger, die aus der Liste der Ehren­dok­to­ren ent­fernt wer­den soll­ten, waren der Prä­hi­sto­ri­ker Oswald Meng­hin, der Theo­lo­ge Mar­tin Redecker und der Schrift­stel­ler Hein­rich Zil­lich (so mel­de­te es dpa am 13.02.2015). Zil­lich hat­te für Hit­ler in sei­nem Lob­lied »Den Deut­schen von Gott gesandt« fol­gen­de Wor­te gefun­den: »Güti­ges Auge, blau, und erze­ne Schwert­hand, dunk­le Stim­me du und der Kin­der treue­ster Vater. (…) Hell in das Gro­ße hin­ein führt sie dein siche­rer Schritt. (…) Aber noch nie­mals ward sol­ches Los gold­ner gewährt als jetzt, Füh­rer der Deut­schen, seit­dem du sie geadelt!« Der »Ein­trag« für die­sen »deut­sche Dich­ter« fin­det sich immer noch in der gegen­wär­ti­gen 225 »Ein­trä­ge« umfas­sen­den Liste »Kate­go­rie: ›Ehren­dok­tor der Georg-August-Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen‹« (WIKIPEDIA, Stand 16. Juli 2022) –, nur vier Buch­sta­ben ent­fernt von einem ande­ren Namen, der zur­zeit in der Öffent­lich­keit und der hie­si­gen Uni­ver­si­tät viel genannt wird: Ger­hard Schröder.

Alt­kanz­ler Schrö­der wur­de, mit »Lobes­hym­nen über­schüt­tet«, als er auf Vor­schlag der mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Fakul­tät 2005 von der Uni­ver­si­tät sei­ne Ehren­dok­tor­wür­de erhielt, trotz deut­scher Teil­nah­me am völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriffs­krieg gegen das dama­li­ge Jugo­sla­wi­en, genannt »Koso­vo­krieg«, die er als Bun­des­kanz­ler der Bevöl­ke­rung in einer Fern­seh­erklä­rung am 24. März 1999 mitteilte.

Nach dem 24. Febru­ar die­ses Jah­res wur­den die maß­geb­li­chen Gre­mi­en der Uni­ver­si­tät in der Sache ihres Ehren­dok­tors Schrö­der wie­der aktiv: »Vor dem Hin­ter­grund des Angriffs­krie­ges Russ­lands gegen die Ukrai­ne, der einen Bruch des Völ­ker­rechts dar­stellt«, for­der­ten sie jetzt: »Schrö­der soll sei­ne Ehren­dok­tor­wür­de nie­der­le­gen!« Es sei näm­lich »für die Uni­ver­si­tät unver­ständ­lich, dass er den ver­bre­che­ri­schen Angriffs­krieg nicht klar als sol­chen benennt und sei­ne Tätig­kei­ten in rus­si­schen Unter­neh­men zumin­dest ruhen lässt« (Göt­tin­ger Tage­blatt vom 28.04.2022). Nach die­sen Wor­ten wur­de auch der Stu­die­ren­den-Aus­schuss (ASTA) ganz stark: Er for­der­te die Aberken­nung sei­ner Ehren­dok­tor­wür­de, denn sonst »nimmt das öffent­li­che Bild der Uni­ver­si­tät emp­find­li­chen Scha­den« (Göt­tin­ger Tage­blatt vom 13.05.2022).

Wie immer die Cau­sa Schrö­der aus­geht: Der Vor­gang müss­te bewir­ken, dass, wie 2015, ein Unter­su­chungs­aus­schuss auch ande­re Pro­blem­fäl­le über­prü­fen und bewer­ten müss­te, und zwar nun sol­che, an die die Ehren­dok­tor­wür­den bald nach 1945 ver­ge­ben wur­den. In einem Schrei­ben an die ört­li­che Pres­se, an den ASTA sowie an die theo­lo­gi­sche Fach­schaft schlug ich die­ses Ver­fah­ren vor und nann­te zugleich vier sol­cher Pro­blem­fäl­le aus der Liste der Ehren­dok­to­ren und nann­te auch Beleg­li­te­ra­tur dazu:

Johan­nes Wolff (1884-1977), Theo­lo­ge, von 1923 bis 1960 Lei­ter des Ste­phan­stif­tes in Han­no­ver. Von die­ser Dia­ko­nen­an­stalt berich­tet 1934 ihr Monats­bo­te, sie wol­le »ihre Schü­ler als ech­te Natio­nal­so­zia­li­sten und gehor­sa­me Unter­ta­nen des Drit­ten Rei­ches erzie­hen«. Gemäß die­sen Erzie­hungs­ziels for­der­te Wolff die Dia­ko­nie­schü­ler auf, »die Ein­glie­de­rung in die SA, soweit es bis­her noch nicht gesche­hen ist, nun­mehr zu voll­zie­hen«. 1934 wur­den dann »drei Brü­der«, die zugleich SA-Män­ner waren, als Wach­leu­te ins KZ Papen­burg »ent­sandt«. 1948 erhielt Wolff den Ehren­dok­tor der Theo­lo­gie in Göt­tin­gen, wozu der Prä­si­dent der Syn­ode der Lan­des­kir­che Han­no­vers bemerk­te: »Wir freu­en uns, dass die rei­chen Ver­dien­ste (…) eine sol­che schö­ne Aner­ken­nung gefun­den haben.«

Karl Georg Kuhn (1906-1976), Theo­lo­ge, trat 1932 in die NSDAP ein, war SA-Mit­glied und 1933 Mit­or­ga­ni­sa­tor des Juden­boy­kotts in Tübin­gen. Er schrieb 1939 eine Abhand­lung über Juden als »para­si­tä­res Händ­ler­volk« und war Trä­ger des SS-Ehren­dol­ches. 1949 wur­de er Pro­fes­sor für Neu­es Testa­ment in Göt­tin­gen und 1957 Lei­ter der Qumran-Forschungsstelle.

Hans Frei­herr von Cam­pen­hau­sen (1903-1989), Theo­lo­ge, 1930 Pri­vat­do­zent in Göt­tin­gen, unter­schrieb im Novem­ber 1933, so, wie mehr als 900 ande­re wis­sen­schaft­li­che Lehr­kräf­te, das »Bekennt­nis der Pro­fes­so­ren an den deut­schen Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len zu Adolf Hit­ler und dem natio­nal­so­zia­li­sti­schen Staat«.

Wil­helm Hen­ke (1897-1981), Theo­lo­ge, Ehren­dok­tor in Göt­tin­gen 1956, unter­schrieb als Lan­des­su­per­in­ten­dent für die schaum­burg-lip­pi­sche Kir­che 1939 »Fünf Grund­sät­ze« in denen es u.a. heißt: »Die Evan­ge­li­sche Kir­che ehrt im Staat eine von Gott gesetz­te Ord­nung. Sie for­dert von ihren Glie­dern treu­en Dienst in die­ser Ord­nung und weist sie an, sich in das völ­kisch-poli­ti­sche Auf­bau­werk des Füh­rers mit vol­ler Hin­ga­be ein­zu­fü­gen. (…) Im Bereich des völ­ki­schen Lebens ist eine ern­ste und ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Ras­sen­po­li­tik zur Rei­ner­hal­tung unse­res Vol­kes erforderlich.«

Dem ASTA, der sei­ne Geschäfts­stel­le in der Göt­tin­ger Goß­ler­stra­ße hat, gab ich noch den Hin­weis, dass der Göt­tin­ger Ehren­dok­tor Gustav von Goß­ler als preu­ßi­scher Kul­tus­mi­ni­ster in sei­ner Rede zur Ein­wei­hung des neu­en Völ­ker­kun­de­mu­se­ums in Ber­lin im Dezem­ber 1886 »lob­te, wie sehr die Kai­ser­li­che Mari­ne die Inter­es­sen des Muse­ums mit ´mäch­ti­ger, frucht­brin­gen­der Unter­stüt­zung› för­de­re«, also Anteil an dem dama­li­gen Kolo­nia­lis­mus hat­te, wie man aus dem lesens­wer­ten Buch von Götz Aly »Das Pracht­boot. Wie Deut­sche die Kunst­schät­ze der Süd­see raub­ten« (2021, S.65) erfah­ren kann.

Eine Ant­wort auf mei­ne drei Schrei­ben habe ich bis heu­te nicht erhalten.

 Beleg­li­te­ra­tur zu den genann­ten vier theo­lo­gi­schen Ehren­dok­to­ren sind ins­be­son­de­re die Schrif­ten von Ernst Klee, »Per­so­nen­le­xi­kon zum Drit­ten Reich«, 2003, sowie sein Fischer-Tb 1998, »Die SA Jesu Chri­sti. Die Kir­che im Ban­ne Hitlers«.