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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Im Westen nichts Neues

Als Ende April die zwei­te Run­de der fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len vor­bei war, ging ein Auf­at­men durch die poli­ti­sche Kaste der EU. Der neue fran­zö­si­sche Prä­si­dent ist der alte, Emma­nu­el Macron hat es wie­der geschafft. In den deut­schen Medi­en herrsch­te bis zum Wahl­abend hel­le Auf­re­gung. Wenn Frank­reich jetzt nach rechts kippt, ist die EU in Gefahr, der west­li­che Nach­bar wird zum Putin-Kom­pli­zen, und Deutsch­land ver­liert sei­nen besten Freund. Dabei hat­ten wir das Thea­ter schon vor fünf Jah­ren. Ein Déjà-vu, eine Far­ce, denn damals wie heu­te war es für seriö­se Wahl­be­ob­ach­ter klar, dass Mari­ne Le Pen die Wahl ver­lie­ren wür­de. Dafür sorgt schon ein aus­ge­klü­gel­tes Wahl­sy­stem, dass jedem Her­aus­for­de­rer des amtie­ren­den Prä­si­den­ten etli­che Stei­ne in den Weg legt. Nicht zu unter­schät­zen ist dabei der »Amts­bo­nus«, der sich für einen amtie­ren­den Prä­si­den­ten fast immer aus­zahlt. Die von Charles de Gaul­le 1958 ins Leben geru­fe­ne Prä­si­di­al­de­mo­kra­tie mit ein­ge­bau­tem Mehr­heits­wahl­recht soll­te ein sta­bi­les par­la­men­ta­ri­sches System garan­tie­ren, vor allem aber die damals noch star­ke kom­mu­ni­sti­sche Par­tei aus­gren­zen. Bis auf die Ver­kür­zung der Amts­zeit des Prä­si­den­ten von sie­ben auf fünf Jah­re sowie eine auf zwei Wahl­pe­ri­oden begrenz­te Mög­lich­keit zur Wie­der­wahl hat sich das Pro­ce­de­re kaum verändert.

Dass zwei Mona­te nach dem Prä­si­den­ten auch das Par­la­ment neu gewählt wird, trägt eben­falls zur gewünsch­ten Kon­ti­nui­tät bei, die Par­tei des sieg­rei­chen Prä­si­den­ten erhält meist auch die Regie­rungs­mehr­heit. Mei­stens. Denn am Abend des 19. Juni sah sich Ema­nu­el Macron mit einer Sitz­ver­tei­lung kon­fron­tiert, die ihm nicht jene abso­lu­te Mehr­heit bescher­te, mit der er fest gerech­net hat­te. Das hat­te zwei Grün­de: Zum einen hat­te der Dritt­platz­ier­te bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len, Jean-Luc Mélen­chon, die kur­ze Zeit genutzt, um aus sei­ner Bewe­gung »La Fran­ce inso­u­mi­se« (LFI), zusam­men mit Sozia­li­sten, Kom­mu­ni­sten und Grü­nen, ein Wahl­bünd­nis (NUPES) zu schmie­den, wel­ches mit 147 Sit­zen die zweit­stärk­ste Frak­ti­on nach den Macro­ni­sten wur­de. Aber auch das »ras­sem­ble­ment natio­nal« von Mari­ne Le Pen konn­te sich mit 88 Sit­zen eines nie dage­we­se­nen Zuspruchs erfreu­en. Der ande­re Grund liegt in einer Ten­denz, die sich bei wei­tem nicht nur auf Frank­reich beschränkt: Eine extrem hohe Wahl­ent­hal­tung. Sie lag bei der zwei­ten Run­de der Prä­si­dent­schafts­wah­len noch bei 28,1 Pro­zent, bei der letz­ten Wahl zum Par­la­ment im Juni stieg sie jedoch auf 53,7 Pro­zent. Selbst­ver­ständ­lich wur­den in den Medi­en dar­über eini­ge Kro­ko­dils­trä­nen ver­gos­sen, bevor man wie­der zur Tages­ord­nung über­ging. Dass immer mehr Wäh­ler im Wahl­akt kei­nen Sinn mehr sehen, oder nur noch ver­zwei­felt gegen die gera­de regie­ren­de Par­tei votie­ren, war kaum ein Thema.

Wah­len wer­den in Frank­reich (wie übri­gens fast über­all) auf dem Land ent­schie­den. Vor allem dort war die Stra­te­gie der »Dedia­bo­li­sie­rung« des ehe­ma­li­gen »front natio­nal« durch Mari­ne Le Pen erfolg­reich, man hat mit die­ser Bewe­gung kaum noch Berüh­rungs­äng­ste und sieht im »ras­sem­ble­ment natio­nal« vor allem eine rechts­kon­ser­va­ti­ve Par­tei. Das hängt auch damit zusam­men, dass die tra­di­tio­nel­len bür­ger­li­chen Par­tei­en, vor allem die ein­sti­ge Mit­ter­rand­par­tei »par­ti socia­li­ste« (PS) und die der­zeit unter dem Namen »Les Répu­bli­cains« (LR) fir­mie­ren­den Gaul­li­sten in der Bedeu­tungs­lo­sig­keit zu ver­schwin­den dro­hen. So erhielt die Bür­ger­mei­ste­rin von Paris und PS-Kan­di­da­tin bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len bla­ma­ble 1,8 Pro­zent, nicht viel bes­ser schnitt die Kan­di­da­tin der LR Valé­rie Pécres­se mit 4,8 Pro­zent ab.

Das links­grü­ne Bünd­nis NUPES, wel­ches Jean-Luc Mélen­chon mit dem Mut der Ver­zweif­lung zwi­schen den Wahl­gän­gen geschmie­det hat­te, ist alles ande­re als sta­bil, vor allem Kom­mu­ni­sten und Grü­ne freu­en sich über ihre unver­hofft erlang­ten Par­la­ments­sit­ze und pochen nun auf ihre Eigenständigkeit.

Wäh­rend­des­sen sucht der Prä­si­dent nach Bünd­nis­part­nern im Par­la­ment. Da die Gaul­li­sten der LR bereits eine Zusam­men­ar­beit abge­lehnt haben, bahnt sich ein Bünd­nis ganz ande­rer Art an: Macron könn­te die Le Pen-Par­tei zumin­dest so weit in das Regie­rungs­la­ger inte­grie­ren, dass die Rechts­par­tei sich zur Dul­dung der Macro­ni­sten ent­schei­den könn­te – mit gewis­sen Zuge­ständ­nis­sen natürlich.

Bei­de Par­tei­en eint zumin­dest eines: Der Wil­le, Macht, Ein­fluss und Posten zu erhal­ten bzw. end­lich – nach Jahr­zehn­ten des Paria­sta­tus – zu bekommen.

Im Palais Bour­bon – Sitz des fran­zö­si­schen Par­la­ments – sit­zen 577 Abge­ord­ne­te. Neu­er­dings haben es sogar eini­ge Ange­hö­ri­ge jener Schich­ten in das hohe Haus geschafft, die man dort frü­her allen­falls als unauf­fäl­li­ge dienst­ba­re Gei­ster oder Hand­wer­ker wahr­ge­nom­men hat. Das sind Kan­di­da­ten, die das NUPES-Bünd­nis auf­ge­stellt hat­te, und ja, auch ein paar vom ras­sem­ble­ment natio­nal. Die über­gro­ße Mehr­heit gehört aber nach wie vor den »hono­ri­gen« Berufs­grup­pen an: Rechts­an­wäl­te, Beam­te, Unter­neh­mer, Ärz­te, wie eben auch bei uns.

Eben­so wie bei uns war­ten auch in Frank­reich rie­si­ge Pro­ble­me auf eine Lösung. Was hier das feh­len­de rus­si­sche Gas ist, sind in Frank­reich die vie­len maro­den Atom­kraft­wer­ke, wel­che zum gro­ßen Teil die Strom­ver­sor­gung sichern. Wie in Deutsch­land lei­det dort das Gesund­heits­we­sen unter Spar­zwän­gen und Pri­va­ti­sie­rung. Gegen die Teue­rung gibt es auch dort nur tem­po­rä­re Trost­pfla­ster, die spä­te­stens Ende des Som­mers aus­lau­fen. Die neue Lin­ke, obwohl nun zahl­reich ver­tre­ten, wird nicht viel bewir­ken kön­nen, zu stark sind die Inter­es­sen von Groß­in­du­strie und Ban­ken. Die reak­tio­nä­re Pres­se, größ­ten­teils im Besitz von Olig­ar­chen wie Lagar­dè­re und Das­s­ault, hat­te sich schon vor der Wahl auf das Links­bünd­nis und vor allem auf Jean-Luc Mélen­chon ein­ge­schos­sen. Trotz die­ses Trom­mel­feu­ers stellt das »unbeug­sa­me Frank­reich« – die Par­tei von Mélen­chon – nun immer­hin 77 Abge­ord­ne­te. Die Macht­ver­hält­nis­se haben sich jedoch nicht geän­dert. Und der Prä­si­dent heißt noch wei­te­re fünf Jah­re Emma­nu­el Macron. Nichts Neu­es also …