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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gewissensfragen

Es begann mit einem »digi­ta­len Fest­akt« am 16. April und soll nun ganz­jäh­rig gefei­ert wer­den: Das »Luther­jahr 2021« zum Geden­ken jenes Tages, des 18. April 1521, an dem vor 500 Jah­ren der Mönch Mar­tin Luther auf dem Reichs­tag zu Worms, »vor Kai­ser und Reich«, sich gewei­gert hat­te, sei­ne Schrif­ten gegen den Ablass­han­del und ande­re Miss­bräu­che in der all­mäch­ti­gen katho­li­schen Welt­kir­che zu widerrufen.

Die Fest­re­de zum Jubi­lä­um hielt Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er. Er beschrieb Luthers Ver­hal­ten dar­in als »eine euro­päi­sche Stern­stun­de des erwach­ten indi­vi­du­el­len Gewis­sens«, denn »die Frei­heit, nach sei­nem Gewis­sen spre­chen und leben zu kön­nen – das lag 1521 ganz gewiss noch nicht im Denk­ho­ri­zont der Zeit­ge­nos­sen«. Scha­de, dass der Herr Bun­des­prä­si­dent sei­nen Hörern das Schick­sal des böh­mi­schen Refor­ma­tors Jan Hus vor­ent­hielt. Der leb­te von 1370 bis 1415, also schon 100 Jah­re vor Luther. Er kri­ti­sier­te den welt­li­chen Besitz der Kir­che, die Hab­sucht des Kle­rus und des­sen Laster­le­ben und kämpf­te für eine Reform der ver­welt­lich­ten Kir­che, trat für die Gewis­sens­frei­heit ein und sah in der Bibel die ein­zi­ge Auto­ri­tät in Glau­bens­fra­gen. Aus­ge­stat­tet mit einem »Schutz­brief« des Kai­sers Sigis­mund rei­ste er zum Kon­zil nach Kon­stanz, wo er zum Wider­ruf sei­ner Leh­ren auf­ge­for­dert wur­de. Er wei­ger­te sich und wur­de dann von einer kor­rup­ten Kir­chen­ver­samm­lung und mit Hil­fe eines wort­brü­chi­gen Kai­sers am 6. Juli 1415 mit­samt sei­nen Schrif­ten ver­brannt. War­um aber ent­ging Luther, »ganz allein«, die­sem Schick­sal in Worms? Waren es sein »Mut«, sein »Wil­le«, sei­ne »Stand­haf­tig­keit«, waren es sei­ne »Argu­men­te«, wie der Bun­des­prä­si­dent ausführte?

Ein Zeit­zeu­ge, der ein sehr frü­her Anhän­ger und bester Ken­ner Luthers war, bis er sich nach 1521 theo­lo­gisch und poli­tisch mit Luther zer­stritt, Tho­mas Münt­zer, schreibt in sei­ner Schrift von 1524 »Hoch­ver­ur­sach­te Schutz­re­de und Ant­wort wider das geist­lo­se, sanft­le­ben­de Fleisch zu Wit­ten­berg«: »Dass du zu Worms vor dem Reich gestan­den hast, Dank sei dem deut­schen Adel, dem du das Maul so wohl bestri­chen und Honig gege­ben hast, denn er wähn­te nichts anders, du wür­dest mit dei­nem Pre­di­gen böh­mi­sche Geschen­ke machen, Klö­ster und Stif­te, wel­che du jetzt den Für­sten ver­heißt. Wenn du in Worms gewankt hät­test, wärest du eher vom Adel ersto­chen als los­ge­ge­ben wor­den, (das) weiß doch ein jeder.« Tho­mas Münt­zer dürf­te mit sei­ner Erklä­rung recht haben: Luther hat­te star­ke Hin­ter­män­ner, mit sei­nem Kur­für­sten Fried­rich dem Wei­sen an der Spit­ze, die ihn schüt­zen konn­ten. Scha­de, dass der Herr Bun­des­prä­si­dent das nicht auch erwähnte.

Vor allem aber ist scha­de, von dem Herrn Bun­des­prä­si­den­ten nichts davon zu erfah­ren, wo das in Worms bei Luther »erwach­te indi­vi­du­el­le Gewis­sen« ihn spä­ter noch hin­führ­te, etwa im Bau­ern­krieg 1525 oder in sei­ner Hal­tung gegen­über »den Jüden«. Schon vor dem Bau­ern­krieg war Luther längst zu einem Die­ner und Sprach­rohr sei­ner adli­gen Hin­ter­män­ner gewor­den. Im Auf­be­geh­ren der ver­sklav­ten Bau­ern sieht er nun die »greu­li­chen Sün­den wider Gott und Men­schen« und will mit sei­ner Hetz­schrift »Wider die räu­be­ri­schen und mör­de­ri­schen Rot­ten der Bau­ern«, sozu­sa­gen als Ethik-Fach­mann, »der welt­li­chen Obrig­keit Gewis­sen unter­rich­ten, wie sie sich hier­in ver­hal­ten sol­le«. Er ermun­tert sie, gegen die Bau­ern »getrost und mit gutem Gewis­sen drein­zu­schla­gen« und gibt zum Schluss dazu die Paro­len aus: »Drum, lie­be Her­ren, löset hier, erret­tet hier, erbarmt euch der armen Leu­te, ste­che, schla­ge, wür­ge hier, wer da kann! Bleibst du drü­ber tot, wohl dir, (einen) seli­ge­ren Tod kannst du nim­mer­mehr bekom­men.« Tot­schla­gen oder Leben­las­sen – gleich­viel, wenn man das nur mit einem »guten Gewis­sen« tut.

Das gilt bei Luther auch gegen­über den »Jüden«. Er for­dert: »Jeder soll­te sei­nem Gewis­sen fol­gen und sich sein eige­nes Bild von den Juden machen.« So steht es in sei­ner Schrift »Von den Jüden und ihren Lügen«, und das Bild, das er dar­in gemäß sei­nem Gewis­sen zeich­net, ist eben­so ent­setz­lich wie ver­lo­gen, sodass man sagen kann: Mit die­ser Schrift steht Luther an der Spit­ze aller christ­li­chen Anti­se­mi­ten. Die Juden sei­en »wah­re Teu­fel«, weiß er; sie sei­en seit 1400 Jah­ren »unse­re Pla­ge, unse­re Pest und unser Unglück« – eine Wen­dung, die über den Histo­ri­ker Hein­rich von Treit­sch­ke in ver­kürz­ter Form zum Leit­spruch des NS-Hetz­blat­tes Der Stür­mer wur­de: »Die Juden sind unser Unglück«. Gegen die­se »Teu­fel« ent­wickelt Luther dann ein »7-Punk­te-Pro­gramm« zur Besei­ti­gung des Juden­tums. Karl Jas­pers schrieb 1958 (in: »Phi­lo­so­phie und Welt«, S. 162) dazu: »Was Hit­ler getan, hat Luther gera­ten, mit Aus­nah­me der direk­ten Tötung durch Gas­kam­mern.« Luther: »Wir kön­nen als gläu­bi­ge Chri­sten ihre (…) Läste­rung bei uns weder dul­den noch auf unser Gewis­sen neh­men.« Ihre Besei­ti­gung ist gebo­ten, das sagt also, glaubt man Luther, das christ­li­che Gewis­sen. Was dar­aus fol­gen kann, ist bekannt – und soll­te auch dem Herrn Bun­des­prä­si­den­ten nicht ver­bor­gen geblie­ben sein.