Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Goldstück Mariola

Robin Szu­ttor hat gut recher­chiert. Mit peni­bler Genau­ig­keit erzählt er auf einer gan­zen Sei­te der Stutt­gar­ter Zei­tung vom 13. März die Geschich­te der Polin Mario­la Sad­kow­ska, die Bernd Rall aus Ölbronn pflegt. »Er nennt sie ›Mario­la‹, sie ihn ›Herr Rall‹.« Eine eige­ne Mei­nung lässt Szu­ttor nicht erken­nen. Statt­des­sen zitiert er: »›Mei­ne Cou­si­ne meint, dass ich mit Mario­la ein Gold­stück habe‹, sagt Bernd Rall.« Ande­re haben eine elek­tri­sche Eisen­bahn. Er hat ein Goldstück.

Und wo bleibt die Geschich­te von einem Bernd Rall aus Ölbronn (oder aus Kiel oder aus Frank­furt am Main), der eine Mario­la Sad­kow­ska in Wasil­ków, »unweit der Gren­ze zu Weiß­rus­s­land«, pflegt, den sie »Bernd« und der sie »Frau Sad­kow­ska« nennt? So lan­ge es sol­che Geschich­ten nicht gibt, so lan­ge das nicht auf­fällt und der Gedan­ke absurd erschie­ne, dass eine Deut­sche oder gar ein Deut­scher sein Leben als Gold­stück ver­bringt, das eine Polin oder einen Polen, eine Bul­ga­rin oder einen Bul­ga­ren, »so einen rumä­ni­schen Zigeu­ner« (O-Ton Bernd Rall in Robin Szu­ttors Repor­ta­ge) pflegt, muss in aller Deut­lich­keit gesagt wer­den: Deut­sche ver­hal­ten sich immer noch oder wie­der wie Skla­ven­hal­ter. Für sie sind die »Mario­las«, was die »Mam­mys« für die Plan­ta­gen­be­sit­zer in den ame­ri­ka­ni­schen Süd­staa­ten waren (sie­he »Vom Win­de ver­weht«), was der »Boy« für die Kolo­ni­al­her­ren (und -frau­en) war. Zwi­schen den Sad­kows­kas und den Ralls herrscht kein rezi­pro­kes Ver­hält­nis. Das juckt nie­man­den, weil genau dies, die Bedin­gung demo­kra­ti­scher, also herr­schafts­frei­er und unhier­ar­chi­scher Wech­sel­be­zie­hun­gen, in denen es kei­nen Unter­schied macht, ob der Besit­zer eines Gold­stücks die­ses einen Esel oder das Gold­stück sei­nen Besit­zer einen Esel nennt, zur Nor­ma­li­tät in unse­rer Gesell­schaft gehört: in der Schu­le, am Arbeits­platz, im Mili­tär sowie­so. War­um soll­te, was daheim zuläs­sig ist, nicht zwi­schen den Völ­kern gel­ten? Eine Polin ist nun ein­mal weni­ger wert als ein Deut­scher, der ihre Pfle­ge benö­tigt. Und am Sonn­tag ver­kün­den die kirch­li­chen und welt­li­chen Pre­di­ger die Vor­zü­ge der Völ­ker­ge­mein­schaft. Nicht wahr, Mariola?