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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Harte Bandagen und Kleine Schriften

In der Lokal­re­dak­ti­on der über­re­gio­na­len Tages­zei­tung, in der ich in den 1960er Jah­ren gear­bei­tet habe, wur­de eines Tages ein neu­er Volon­tär ange­stellt, den wir Redak­teu­re abwech­selnd unter unse­re Fit­ti­che nah­men. Sein Auf­tritt war kor­rekt-zackig, sein Ver­hal­ten dienst­be­flis­sen. Mei­ne Haa­re waren dop­pelt so lang wie sei­ne. Man merk­te ihm sofort an, dass er »gedient« hatte.

Damals hat­te der Kal­te Krieg Hoch­sai­son. Eben­so die Oster­mär­sche, zu denen all­jähr­lich die ver­schie­de­nen Strö­mun­gen der außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on auf­rie­fen, ver­eint hin­ter der gemein­sa­men For­de­rung nach einem Ende der ato­ma­ren Bewaff­nung und des nuklea­ren Wett­rü­stens sowie in der Ableh­nung der noch von der Ade­nau­er-Regie­rung begon­ne­nen und dann von der ersten Gro­ßen Koali­ti­on aus CDU/​CSU und SPD, dem »Kabi­nett Kie­sin­ger«, wei­ter­be­trie­be­nen Notstandsgesetzgebung.

Kam in der Redak­ti­on das Gespräch auf die­se Demon­stra­tio­nen, denen sich 1968 schät­zungs­wei­se 300.000 Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer bun­des­weit anschlos­sen, so bespöt­tel­te unser Volon­tär die, wie er sie nann­te, wil­lig-arg­lo­sen Hel­fer der Roten. Sie hät­ten sich blau­äu­gig vom Welt­kom­mu­nis­mus ver­ein­nah­men las­sen, ihre Rei­hen sei­en öst­lich infil­triert. Halt eine Art »fünf­ter Kolonne«.

Und er berich­te­te frei­mü­tig, wie sie bei der Bun­des­wehr den damals all­ge­gen­wär­ti­gen Slo­gan »Dein Päck­chen nach drü­ben« umge­wid­met hat­ten, mit ande­ren Ange­bo­ten als üblich: Es gab Pro­pa­gan­da­bro­schü­ren statt Lebens­mit­tel für die Brü­der und Schwe­stern in der »Ost­zo­ne«. Die Päck­chen hät­ten sie bei gutem Wind mit Bal­lons und den besten Wün­schen an der Zonen­gren­ze auf­stei­gen lassen.

Es waren »klein­for­ma­ti­ge Schrif­ten, Flug­blät­ter und minia­tu­ri­sier­te Bücher«, pro­du­ziert von der Poli­ti­schen Kampf­füh­rung der Bun­des­wehr, schreibt der Ham­bur­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Buch­hi­sto­ri­ker Klaus Kör­ner in sei­nem neu erschie­ne­nen Fach­buch »Tro­ja­ni­sche Pfer­de – Poli­ti­sche Ver­la­ge im Kal­ten Krieg«, das er in der Staats- und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Carl von Ossietzky in Ham­burg vor­stell­te. Die Ver­öf­fent­li­chung ist die Quint­essenz einer akri­bi­schen wis­sen­schaft­li­chen Spu­ren­su­che nach dem Anteil bun­des­deut­scher Ver­la­ge an den schar­fen poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der bei­den deut­schen Staa­ten nach dem Zwei­ten Weltkrieg.

Die 20 Auf­sät­ze des Ban­des erhe­ben zwar nicht »den Anspruch, ein voll­stän­di­ges Bild der im Kal­ten Krieg poli­tisch enga­gier­ten west­deut­schen Ver­la­ge zu zeich­nen«, sie bie­ten aber den­noch »ein Pan­ora­ma der Schrif­ten«. Zusam­men mit dem extra für das Buch zusam­men­ge­stell­ten Teil »Der Kal­te Bücher-Krieg in Bil­dern«, der aus­ge­wähl­te Buch­um­schlä­ge vor­stellt, ver­mit­telt die Dar­stel­lung auch einen Ein­druck von der buch­künst­le­ri­schen Umset­zung der teil­wei­se erbit­tert und mit har­ten Ban­da­gen geführ­ten dama­li­gen poli­ti­schen Auseinandersetzungen.

Die Auf­sät­ze sind zwi­schen 1988 und 2022 ent­stan­den und wur­den vor­ab zumeist in der von der Arbeits­ge­mein­schaft Anti­qua­ri­at und Ver­sand­buch­han­del im Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift Aus dem Anti­qua­ri­at ver­öf­fent­licht. Der Leip­zi­ger Ver­le­ger Max Lehm­stedt hat sie jetzt als Band 3 in der anspruchs­vol­len Ver­lags­rei­he »Buchgeschichte(n)« zusam­men­ge­fasst, die »Bücher und Leser in drei Jahr­hun­der­ten« vorstellt.

Klaus Kör­ner hat mit sei­ner Kärr­ner­ar­beit den Fokus auf ein heu­te weit­ge­hend ver­ges­se­nes und all­ge­mein unbe­kann­tes Kapi­tel der Nach­kriegs­zeit gerich­tet und dabei eben­falls die heu­te zumeist ver­ges­se­nen Akteu­re, die wil­li­gen Hel­fer in der ein­sti­gen System­aus­ein­an­der­set­zung, aus dem Dun­kel der Geschich­te ans Tages­licht geholt. So wird das Buch zu einer Fund­gru­be, ja, zu einem Stan­dard­werk, an dem bei zukünf­ti­ger zeit­ge­schicht­li­cher Beschäf­ti­gung mit der The­ma­tik kein Weg vor­bei­füh­ren wird.

Kör­ner kann bei sei­ner Dar­stel­lung aus dem Vol­len schöp­fen. Sei­ne Samm­lung umfasst, wie er schreibt, 5000 poli­ti­scher Klein­schrif­ten der Ade­nau­er-Zeit. Den Grund­stock bil­den die Schrif­ten, »die ich Ende der fünf­zi­ger Jah­re als Schü­ler­zei­tungs­re­dak­teur zuge­sandt bekam, vor allem vom Volks­bund für Frie­den und Frei­heit«. Grob geschätzt sei­en zwi­schen 1945 und 1967 in der Bun­des­re­pu­blik und West­ber­lin etwa 25 000 poli­ti­sche Klein­schrif­ten erschie­nen, in ein­fa­cher Aus­stat­tung, mit gerin­gem Umfang und ohne festen Ein­band, nicht zum Ver­kauf pro­du­ziert, geeig­net zur Ver­tei­lung auf der Stra­ße, zum Mas­sen­ver­sand als Post­wurf­sen­dung oder zum Abwurf mit Bal­lons oder aus dem Flugzeug.

Zitat: »Wur­de dem Buch von den Besat­zungs­mäch­ten zunächst ein hoher Stel­len­wert für die Umer­zie­hung der Deut­schen zuge­mes­sen, erhielt es bald auch eine gro­ße Bedeu­tung im Kal­ten Krieg zwi­schen Ost und West. Vor allem in der Gestalt poli­ti­scher Klein­schrif­ten soll­ten Bücher der ›Auf­klä­rung‹ des jewei­li­gen Geg­ners die­nen, fun­gier­ten aber tat­säch­lich all­zu oft nur als Mit­tel raf­fi­nier­ter oder plum­per Pro­pa­gan­da. Dass man sich dabei im Westen unge­niert der spe­zi­el­len Fähig­kei­ten alter Nazis bedien­te, die den Kampf gegen den ›jüdi­schen Bol­sche­wis­mus‹ unter neu­en Vor­zei­chen als Kampf gegen den Kom­mu­nis­mus fort­setz­ten, wur­de lan­ge Zeit bewusst tole­riert. West­li­che wie öst­li­che Agi­ta­to­ren waren fest ein­ge­bun­den in staat­li­che För­der­struk­tu­ren, und in bei­den Fäl­len zogen die Geheim­dien­ste aus dem Hin­ter­grund die Fäden.«

Den alter­na­ti­ve Ver­triebs­weg von Schrif­ten mit Bal­lons vom Westen aus nutz­te die PSK-Ein­heit der Bun­des­wehr zum Bei­spiel für die Ver­schickung der der bei Rowohlt unter dem Titel Marsch­rou­te eines Lebens erschie­ne­nen Erin­ne­run­gen von Jew­ge­nia Gins­burg. Über die Fra­ge, ob sich der Ver­lag an sol­chen Bal­lon­ak­tio­nen betei­li­gen soll­te, kam es 1969 bei Rowohlt zu einer Aus­ein­an­der­set­zung, die Kör­ner aller­dings nur erwähnt, ohne näher dar­auf ein­zu­ge­hen. Kurz vor der Frank­fur­ter Buch­mes­se war bekannt gewor­den, dass Rowohlt 50.000 Exem­pla­re der anti­sta­li­ni­sti­schen Gins­burg-Erin­ne­run­gen als Tarn­schrift hat­te drucken las­sen. Den Abwurf über der DDR besorg­te die Bun­des­wehr. Als Fol­ge die­ser »Bal­lon­af­fä­re« ver­ließ Fritz J. Rad­datz, Chef­lek­tor und stell­ver­tre­ten­der Ver­lags­lei­ter, gewis­ser­ma­ßen aus Pro­test den Verlag.

Mit den Klein­schrif­ten befas­sen sich die ersten 50 Sei­ten des Buches unter den Kapi­tel-Über­schrif­ten die »Poli­ti­sche Klein­schrif­ten in der Ade­nau­er-Zeit (1945 – 1967)«, »Kal­ter Krieg und Klei­ne Schrif­ten« und »Der inner­deut­sche Bro­schü­ren­krieg«. Auf den dann fol­gen­den 300 Sei­ten unter­sucht Kör­ner die Rol­le bun­des­deut­scher Ver­la­ge und ihrer Macher, die sich in die System­aus­ein­an­der­set­zung hat­ten ein­span­nen las­sen. Man­che Unter­neh­men waren auch eigens zu die­sem Zweck gegrün­det wor­den. Im Ein­zel­nen rückt Kör­ner fol­gen­de Ver­la­ge und Per­so­nen mit ihren Pro­pa­gan­da­ak­ti­vi­tä­ten in den Mit­tel­punkt: Eber­hard Tau­bert und den Nibe­lun­gen-Ver­lag; den Jun­ker und Dünn­haupt Ver­lag und den Athe­nä­um Ver­lag; den Dr. Hein­rich See­wald Ver­lag; Eugen Kogon als Ver­le­ger; Axel Sprin­ger als Buch­ver­le­ger; Kurt Desch und sei­nen Ver­lag; Arno Scholz, den Tele­graf und den Ara­ni Ver­lag; die Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt; Otto H. Hess und den Col­lo­qui­um Ver­lag; Karl Lud­wig Leon­hard, Lek­tor und Verleger.

Im letz­ten Kapi­tel beschäf­tigt sich Kör­ner mit dem »Kampf­bund gegen die Unmensch­lich­keit« unter der Lei­tung von Ber­end von Nott­beck, in des­sen Dunst­kreis die Akti­vi­tä­ten ver­schie­de­ner Ver­la­ge gehö­ren, so auch die von Kie­pen­heu­er & Witsch, der bis Ende der fünf­zi­ger Jah­re zum Haus­ver­lag des Bun­des­mi­ni­ste­ri­ums für gesamt­deut­sche Fra­gen auf­ge­stie­gen war, u. a. mit Best­sel­lern von Rene­ga­ten wie Die Revo­lu­ti­on ent­lässt ihre Kin­der von Wolf­gang Leon­hard oder Wie eine Trä­ne im Oze­an von Manès Sper­ber, Büchern, denen in jener Zeit kein poli­tisch Inter­es­sier­ter entging.

Die System­aus­ein­an­der­set­zung mit Schrif­ten und Büchern sowie per Rund­funk und Fern­se­hen wur­de aber nicht nur vom Westen aus geführt – hier zumeist mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung ame­ri­ka­ni­scher Geheim­dien­ste, nach Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik mit Mit­teln meh­re­rer Bun­des­mi­ni­ste­ri­en oder auch vom Ost­bü­ro der SPD –, son­dern auch aus dem Osten. Aus der DDR kamen »Unmen­gen von Offe­nen Brie­fen, Reden, Erklä­run­gen und Beschlüs­sen«. SPD-Funk­tio­nä­re erhiel­ten die Zeit­schrift Sozia­li­sti­sche Brie­fe, »fort­schritt­li­che Kul­tur­schaf­fen­de« waren die Adres­sa­ten ver­klei­ner­ter, unge­hef­te­ter und nicht mit dem mar­kan­ten roten Umschlag ver­se­he­ner Son­der­aus­ga­ben der Weltbühne. Hin­zu kam die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung der KPD und ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen sowie Verlagen.

In meh­re­ren Kapi­teln (S. 363 bis S. 475) beschäf­tigt sich Kör­ner mit »lin­ken« Ver­la­gen und Buch­hand­lun­gen, von denen eini­ge bis zur Auf­lö­sung der DDR tätig waren. Genannt wer­den u. a. Johann Fla­dung und sein Pro­gress-Ver­lag (1950-1972; »Fort­le­ben des poli­ti­schen Exils in der Bun­des­re­pu­blik«), der Röder­berg-Ver­lag (1950-1990; »Ver­lags­pro­gramm: Anti­fa­schis­mus«), die Inter­na­tio­na­le Buch­hand­lung und der Brücken-Ver­lag (1956-1990; »Das fort­schritt­li­che Buch – eine wich­ti­ge Waf­fe im Kampf für den Fort­schritt«). Des Wei­te­ren beleuch­tet Kör­ner die Rol­le von kon­kret in der Röhl-Zeit (»Von Blitz zu kon­kret«), des Spar­ta­cus-Buch­ver­sands und des Ver­lags Asso­zia­ti­on (1968-1979) sowie des Tri­kont Verlags.

Zurück zu den »Klei­nen Schrif­ten«. Kör­ner beschreibt, wie und wann in Ost und West das Umden­ken begann. Die Anfän­ge der Ent­span­nungs­po­li­tik nach der Kuba­kri­se von 1962 und das Vor­drin­gen des Fern­se­hens hät­ten die Bedeu­tung des Medi­ums Schrift im Kal­ten Krieg rela­ti­viert. Jetzt kam der Klas­sen­feind abends mit dem Fern­se­hen in die DDR. In der Gro­ßen Koali­ti­on ab 1966 habe der neue Gesamt­deut­sche Mini­ster Her­bert Weh­ner für die Ein­stel­lung der von sei­nem Mini­ste­ri­um bis­lang geför­der­ten Kampfli­te­ra­tur gesorgt. Und in einem geson­der­ten Brief­wech­sel zum Grund­la­gen­ver­trag von 1972 habe sich die DDR ver­pflich­tet, den Deut­schen Frei­heits­sen­der 904 und den Sol­da­ten­sen­der abzu­schal­ten. Die Bun­des­re­pu­blik ver­pflich­te­te sich im Gegen­zug, den Abwurf von Bal­lon­schrif­ten zu been­den. Die SPD löste 1971 ihr Ost­bü­ro auf.

Das alles ist nach­zu­le­sen in die­sem über ein Kilo schwe­ren, sehr les­bar geschrie­be­nen Kon­vo­lut, ein Wäl­zer, der sicher­lich dem­nächst auch in wis­sen­schaft­li­chen und Uni­ver­si­täts-Biblio­the­ken sei­nen Platz haben wird.

 Klaus Kör­ner: Tro­ja­ni­sche Pfer­de – Poli­ti­sche Ver­la­ge im Kal­ten Krieg, Lehm­stedt Ver­lag, Leip­zig 2023, 544 S., 60 far­bi­ge Abb., 58 €.