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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hauskonzert mit einem Linken

Ich erleb­te Igor Levit im Kon­zert­saal vor eini­gen Jah­ren bei sei­ner Auf­füh­rung von Fre­de­ric Rzew­skis 36 Varia­tio­nen über »El Pue­blo uni­do jamas sera ven­ci­do«. Da stand die­ser jun­ge Mann, der eben noch die Gold­stein-Varia­tio­nen von Bach ohne alle Allü­ren mit einer unglaub­li­chen Leich­tig­keit durch den Kon­zert­raum hat­te per­len las­sen, und erklär­te den Hörern, dass Rzew­ski immer 5 Varia­tio­nen (dabei zeig­te er die fünf Fin­ger sei­ner rech­ten Hand) in einer sech­sten zusam­men­fas­se (dabei ball­te er lang­sam und sehr bewusst die Fin­ger zur Faust), und das Kon­zert­pu­bli­kum hielt den Atem an. Mit die­ser Geste hat­te er allen gezeigt: Er ist ein lin­ker Über­zeu­gungs­tä­ter, der das Werk eines Kom­mu­ni­sten spiel­te, mit dem die­ser nach dem Putsch in Chi­le der vom Mili­tär besieg­ten Uni­dad Popu­lar ein musi­ka­li­sches Denk­mal gesetzt hat­te. Und nach­dem Igor Levit alle emo­tio­na­len Tie­fen und Höhen die­ses – auch pia­ni­stisch – unge­heu­ren Werks durch­lit­ten hat­te, spiel­te er in der 36. Varia­ti­on mit einer nicht zu wider­le­gen­den Gelas­sen­heit das The­ma, das in Spra­che über­setzt lau­tet: Ja, das ver­ein­te Volk wird nie unter­lie­gen! Ohne Auf­trump­fen, gera­de­zu wis­sen­schaft­lich abgeklärt.

Damals schon war klar: Igor Levit ist nicht nur ein Pia­nist, der genau weiß, was er spielt, er hat auch eine Hal­tung, die bei Musi­kern ziem­lich sel­ten ist.

Nun habe ich vol­ler Span­nung das Buch »Haus­kon­zert« gele­sen, das der Jour­na­list Flo­ri­an Zin­necker auf Grund von Gesprä­chen mit Igor Levit geschrie­ben hat. Und ich bin nicht ent­täuscht wor­den. Levit hat­te mit Beginn des ersten Lock­downs, als die Absa­gen sei­ner Kon­zer­te kamen, spon­tan »Haus­kon­zer­te« orga­ni­siert über Twit­ter. Jeden Abend um 19.00 Uhr konn­ten sei­ne Fol­lower dabei sein, wenn er zu Hau­se auf sei­nem Flü­gel spiel­te – die tech­ni­sche Qua­li­tät der Auf­nah­me man­gel­haft, die emo­tio­na­le Qua­li­tät des Erleb­nis­ses wun­der­bar. Ihn hat das, laut eige­ner Aus­sa­ge, geret­tet vor der Depres­si­on, sei­nen Zuhö­rern hat es gehol­fen, die Ein­sam­keit und den Man­gel an kul­tu­rel­len Erleb­nis­sen zu überstehen.

Igor Levit lebt in Deutsch­land seit sei­nem ach­ten Lebens­jahr. Sei­ne Eltern waren sich sicher, sei­ne Hoch­be­ga­bung, die gepaart war mit Stur­heit und einem eige­nen Kopf, in Russ­land nicht genug för­dern zu kön­nen. Er pass­te ein­fach nicht in die »Wunderkind«-Schublade. An der Musik­hoch­schu­le Han­no­ver fand er die Leh­rer, die er brauch­te, jetzt ist er selbst dort Pro­fes­sor. Aber sei­ne Kar­rie­re war nicht gerad­li­nig steil nach oben, er fand lan­ge kei­ne Diri­gen­ten, kei­ne Kon­zert­agen­ten, die ihn för­der­ten. Dass er eine Jahr­hun­dert­be­ga­bung ist, fiel vie­len rasch auf, aber ver­markt­bar und anpas­sungs­fä­hig war und ist er nicht. Aber es kommt in sei­nem Fall noch etwas hin­zu: Ein Zufalls­be­kann­ter, dem er sei­ne Lage schil­der­te, erklär­te ihm das so: »Sie sind zwar in Deutsch­land auf­ge­wach­sen. Aber Sie dür­fen nie ver­ges­sen, dass Sie zu einer Bevöl­ke­rungs­grup­pe gehö­ren, die zwar hier lebt, deren Anwe­sen­heit hier aber nicht mehr vor­ge­se­hen war.« Die­ser Anti­se­mi­tis­mus, der ihm und allen ande­ren jüdi­schen Men­schen das Lebens­recht in Deutsch­land abspricht, hat ihn geprägt. Igor Levit kämpft an gegen Hass, der auch ihm ent­ge­gen­schlägt. Nicht nur auf Twit­ter und wegen sei­ner poli­ti­schen Hal­tung. Ein bekann­ter Musik­kri­ti­ker schreibt Ver­ris­se sei­ner Kon­zer­te, Tenor: Levit set­ze sich nur in Pose, er emp­fin­de nicht wirk­lich, was er spielt. Genau­so schrieb Richard Wag­ner über »das Juden­t­hum in der Musik«.

Die­se Stel­le kommt erst spät im Buch, sie nimmt beim Lesen gera­de­zu den Atem, und sie lässt den Abgrund spü­ren, über dem Igor Levit spielt. Flo­ri­an Zin­necker beschreibt Situa­tio­nen, die er mit Igor Levit erlebt, er schreibt über Gesprä­che mit ihm, Geschich­ten über ihn, es ist kei­ne »ordent­li­che« Bio­gra­fie, er lässt das Gesag­te und Erleb­te spre­chen, man wird als Leser hin­ein­ge­zo­gen in den Dia­log mit die­sem Akti­vi­sten, Pia­ni­sten, Twit­te­rer und Trä­ger des Bun­des­ver­dienst­kreu­zes. Eine Par­for­ce-Tour durch ein Leben, so wie Igor Levit Par­for­ce-Tou­ren durch die Kla­vier­li­te­ra­tur spielt. Atem­be­rau­bend und bereichernd.

Igor Levit und Flo­ri­an Zin­necker: Haus­kon­zert, Han­ser Ver­lag, April 2021, 256 Sei­ten, 24 .