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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Keine Mehrheit für Pedro Sánchez

Pedro Sán­chez, der stets links blinkt, um rechts zu über­ho­len, bekam auch am 10. Novem­ber wie­der ein­mal kei­ne abso­lu­te Mehr­heit im spa­ni­schen Par­la­ment. Sei­ne Parti­do Socia­li­sta Obre­ro Espa­ñol (PSOE) erlang­te von den 350 Sit­zen nur 120. Mit der Neu­wahl woll­te der poli­ti­sche Nar­ziss nicht wei­ter auf die Links­stim­men von Uni­das Pode­mos, aber vor allem nicht auf die Stim­men der kata­la­ni­schen Par­tei­en ange­wie­sen sein. Die­se Par­tei­en hat­ten es aber Sán­chez im Juni 2018 ermög­licht, einen Miss­trau­ens­an­trag gegen die von Maria­no Rajoy geführ­te Regie­rung und sei­ne Parti­do Popu­lar (PP) zu gewin­nen. Bereits im April 2019 woll­te Sán­chez mit der Ciu­da­da­nos regie­ren, hät­te sogar mit die­sem Bünd­nis eine sta­bi­le Mehr­heit gehabt. Nur der Wunsch­part­ner ver­wei­ger­te sich.

Die Wahl im Novem­ber brach­te im spa­ni­schen Par­tei­en­spek­trum eine deut­li­che Ver­schie­bung. Die PSOE ver­lor drei Sit­ze und die Links­par­tei Uni­dos Popu­lar sie­ben. Der gro­ße Ver­lie­rer aber, mit dem Sán­chez im Früh­jahr noch eine Koali­ti­on begin­nen woll­te, ist die rechts­li­be­ra­le Ciu­da­da­nos – sie muss auf 47 ihrer zuvor 57 Man­da­te ver­zich­ten. Nach der Wahl­nie­der­la­ge trat ihr Vor­sit­zen­der Albert Rive­ra sofort zurück, leg­te auch sein Man­dat als Abge­ord­ne­ter nie­der und ver­kün­de­te sei­nen Rück­zug aus der Politik.

Die PP konn­te in der Wäh­ler­gunst zule­gen und ent­sen­det jetzt 89 Abge­ord­ne­te ins Par­la­ment. Der gro­ße Gewin­ner aber ist die pro­fa­schi­sti­sche VOX, die 28 Sit­ze hin­zu­ge­wann und nun mit 52 Abge­ord­ne­ten im Par­la­ment ver­tre­ten ist. Damit ist sie dritt­stärk­ste Partei.

Der Auf­stieg der VOX nahm den Anfang bei den vor­ge­zo­ge­nen Regio­nal­wah­len in Anda­lu­si­en am 2. Dezem­ber 2018, bei der lin­ke Par­tei­en ihre seit 1982 bestehen­de Mehr­heit ver­lo­ren. Mit zwölf Abge­ord­ne­ten zog VOX ins anda­lu­si­sche Par­la­ment in Sevil­la ein und ist seit­dem an der bür­ger­li­chen Regie­rung von PP und Ciu­da­da­nos betei­ligt. Inzwi­schen ist die Par­tei in Regio­nal- und Kom­mu­nal­par­la­men­ten ver­tre­ten, auch im Euro­päi­schen Par­la­ment. Die Eska­la­ti­on des Kata­lo­ni­en­kon­flikts, der gewalt­sa­me Pro­test nach der Ver­ur­tei­lung der zwölf Sezes­sio­ni­sten wie zu Fran­co-Zei­ten, aber auch die Umbet­tung des Dik­ta­tors Fran­co brach­ten VOX Wäh­ler­stim­men. So wur­de der Ruf auf der VOX-Wahl­par­ty »Puig­de­mont ins Gefäng­nis« zum Slo­gan der Wahlfeier.

Im spa­ni­schen Par­la­ment sind aktu­ell 15 Par­tei­en ver­tre­ten, haben 120 Sit­ze oder auch nur einen.

Zwei Tage nach der Par­la­ments­wahl im Novem­ber voll­zog Pedro Sán­chez eine Kehrt­wen­de: Er will nun doch mit Uni­das Pode­mos (UP) koalie­ren. Was über sechs Mona­te lang nicht ging, war plötz­lich bin­nen 48 Stun­den mög­lich. Völ­lig über­ra­schend einig­ten sich am 12. Novem­ber der amtie­ren­de spa­ni­sche Mini­ster­prä­si­dent Pedro Sán­chez und Pablo Igle­si­as, Gene­ral­se­kre­tär der UP, auf einen vor­läu­fi­gen Koali­ti­ons­ver­trag. Vor den Fern­seh­ka­me­ras von TVE1, Tel­ecin­co, Antena 3, Tele­vi­sión de Catalunya – TV3 und LaSex­ta umarm­ten sich die neu­en Ver­bün­de­ten, die noch vor kur­zem ihre Feind­schaft offen – auch im Fern­se­hen – zur Schau stell­ten. Der Sin­nes­wan­del ist vor allem eine Kampf­an­sa­ge gegen die rechts­ex­tre­me VOX. Für Pablo Igle­si­as ist ange­sichts des VOX-Vor­mar­sches die Zusam­men­ar­beit der pro­gres­si­ven Kräf­te eine histo­ri­sche Not­wen­dig­keit. Im Koali­ti­ons­ver­trag sol­len meh­re­re Mini­ste­ri­en für Uni­das Pode­mos vor­ge­se­hen sein, für Igle­si­as die Funk­ti­on des Vizepräsidenten.

Pedro Sán­chez kün­dig­te an, dass er in den näch­sten Tagen für sei­ne Wie­der­wahl zum Mini­ster­prä­si­den­ten Unter­stüt­zung bei wei­te­ren Par­tei­en suchen wer­de. Die Sozia­li­sten brin­gen es mit UP der­zeit auf 155 der 350 Sit­ze im spa­ni­schen Par­la­ment, doch die Koali­ti­on kann auch auf die neue Links­par­tei Más País (drei Abge­ord­ne­te) und die gemä­ßig­ten Natio­na­li­sten von der PNV im Bas­ken­land (sie­ben Abge­ord­ne­te) zäh­len. Ob Ciu­da­da­nos dabei ist, wird sich zei­gen. Deren zehn Abge­ord­ne­te wei­gern sich bis­lang, ihr Veto gegen eine Links­re­gie­rung auf­zu­he­ben. Es gibt noch Links­par­tei­en in Kata­lo­ni­en und im Bas­ken­land, die sich zu einer Links­re­gie­rung beken­nen könnten.

Oppo­si­ti­on und Wirt­schafts­krei­se kri­ti­sie­ren der­weil den vor­läu­fi­gen Koali­ti­ons­ver­trag. Der Vor­sit­zen­de der Parti­do Popu­lar, Pablo Casa­do, bedau­ert, dass sich Pedro Sán­chez für eine Koali­ti­on mit einer radi­ka­len Par­tei ent­schie­den habe. Der spa­ni­sche Arbeit­ge­ber­ver­band CEOE bläst ins glei­che Horn, eine Links­re­gie­rung sei kon­tra­pro­duk­tiv für die Wirtschaft.

Abwar­ten: Am 3. Dezem­ber wird sich Pedro Sán­chez als Mini­ster­prä­si­dent zur Wahl stellen.