Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kleiner Erfahrungsbericht

Die Frank­fur­ter Innen­stadt ist leer und still an die­sem trü­ben und küh­len Oster­mon­tag. An der Haupt­wa­che steht ein­sam ein Poli­zei­wa­gen. Der Platz neben der Pauls­kir­che liegt ver­las­sen. Auf dem Römer­berg sit­zen zwei Män­ner auf einer Bank. Am Durch­gang zum Main sind drei Wagen mit Poli­zi­sten postiert.

Es ist 13 Uhr – der Zeit­punkt, zu dem hier die dies­jäh­ri­ge Anti­kriegs­kund­ge­bung hät­te begin­nen sollen.

Die Justi­tia vom Gerech­tig­keits­brun­nen ist wegen Reno­vie­rung abmon­tiert. Am Bau­zaun hängt ein Zet­tel mit der drin­gen­den For­de­rung, dass den Armen gehol­fen wer­den soll.

Als B. sich, ordent­lich mas­kiert, für ein Erin­ne­rungs­fo­to vor den Brun­nen stellt und eine Abbil­dung mit dem Oster­marsch­pla­kat von 1965 hoch­hält, kommt eine Frau hin­zu, die ein DIN-A4-Blatt mit Bil­dern und Paro­len zum Tag in der Hand hat. Sie wird mitfotografiert.

Da schal­ten sich die bei­den Män­ner ein. Vor einer Stun­de sei­en eini­ge ande­re da gewe­sen, mit Pla­ka­ten und Fah­nen als ob nichts wäre. Sofort sei Poli­zei gekom­men und hät­te sie zum Ver­las­sen des Plat­zes auf­ge­for­dert, da ja jede Demon­stra­ti­on unter­sagt sei. Die Beam­ten hät­ten nicht so gewirkt, als sei­en sie beson­ders glück­lich bei ihrem Tun.

Kaum reden die Anwe­sen­den ein wenig mit­ein­an­der, mit gehö­ri­gem Abstand, da schlen­dern auch schon vier Poli­zi­sten auf sie zu. Schnell wird noch mehr Abstand von­ein­an­der genom­men, so dass von einer Grup­pen­bil­dung schon gar kei­ne Rede mehr sein kann. »Paa­re, Pas­san­ten« wäre der rich­ti­ge Aus­druck für die Sze­ne, unter Ver­wen­dung eines alten Buch­ti­tels von Botho Strauß, bevor der nach rechts abwanderte.

Die Poli­zi­sten keh­ren um, bestei­gen ihre Autos und fah­ren weg.

Auf dem Rück­weg schaut B. noch kurz in die Kir­che am Lieb­frau­en­berg, deren Tür ein­la­dend geöff­net ist. Die Altä­re sind beleuch­tet, drei Besucher*innen ver­lie­ren sich in den Bänken.

Gegen­über ste­hen ein paar Obdach­lo­se unter dem Vor­dach eines Ladens, um sich vor dem ein­set­zen­den Regen zu schüt­zen. Dar­un­ter »Eisen­bahn-Rei­ner«, über die Stadt hin­aus bekannt gewor­den, weil das Ord­nungs­amt ihm ein­mal sei­nen Platz weg­neh­men woll­te, woge­gen sich hef­ti­ger Pro­test erhob. Wie immer hat er sei­ne Spiel­zeug­bah­nen und die Zei­tungs­ar­ti­kel, die über ihn berich­ten, mit­ten auf der Fuß­gän­ger-Gas­se aus­ge­brei­tet. B. fragt ihn, ob sie mit­ein­an­der tei­len, und gibt ihm nach dem Ja einen Schein.