Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Krieg und »Verschissmuss«

Natür­lich: Sabo­ta­ge. Am Kranz der SPD-Rats­frak­ti­on in Mül­heim an der Ruhr stand: »Den Opfern von Krieg und Ver­schiss­muss«. Erst nach­dem er mit den ande­ren Gebin­den am soge­nann­ten Volks­trau­er­tag abge­legt wor­den war, ent­deck­te jemand die Zei­le auf der Schlei­fe. Vor­her hat­te sie offen­kun­dig nie­mand bemerkt. Ganz klar: Sabo­ta­ge. Trotz­dem woll­te die Mül­hei­mer SPD der Sache nach­ge­hen. Hieß es.

Vera Fried­län­der, die ehe­ma­li­ge Ger­ma­ni­stik-Pro­fes­so­rin, hät­te abge­wun­ken. Nicht nötig. Wenn die poli­ti­sche Klas­se die­ser Repu­blik, zu der auch die SPD gehört, seit der Zer­schla­gung des Faschis­mus den Faschis­mus nicht mehr Faschis­mus, son­dern nur noch Natio­nal­so­zia­lis­mus oder, modisch ver­kürzt, NS nennt, müs­se man sich nicht wun­dern, wenn das kla­re Wort »Faschis­mus« aus der Spra­che und aus dem Bewusst­sein ver­schwun­den ist. Hät­te sie gesagt. Unle­ser­li­ches Fax hin oder her.

Die poli­tisch zweck­dien­li­che Sub­sti­tu­ti­on dien­te und dient seit sieb­zig Jah­ren der Ver­schleie­rung und der Denun­zia­ti­on. Die Nazis han­del­ten weder »natio­nal« noch »sozia­li­stisch«, sie han­del­ten so impe­ria­li­stisch wie die Kon­zer­ne, die sie an die Macht gebracht hat­ten und von der Ver­skla­vung der Völ­ker Euro­pas profitierten.

Ein Unter­neh­men hat­te Vera Fried­län­der 1944 per­sön­lich ken­nen­ler­nen müs­sen. Da war sie sech­zehn und hieß, Toch­ter einer jüdi­schen Mut­ter, Vero­ni­ka Rudau. Sie wur­de zur Skla­ven­fron ver­pflich­tet und muss­te für die Sala­man­der AG schuf­ten. Gemein­sam mit Kriegs­ge­fan­ge­nen und ande­ren Zwangs­ar­bei­tern, die aus halb Euro­pa nach Ber­lin ver­schleppt wor­den waren, um gebrauch­te Schu­he der »Wie­der­ver­wer­tung« zuzu­füh­ren. Dass die Schu­he aus Ausch­witz und ande­ren Mord­fa­bri­ken kamen, erfuhr Vera Fried­län­der erst spä­ter. Wie eben auch, dass mehr als zwan­zig ihrer Ver­wand­ten von eben jenen Faschi­sten in Ausch­witz und anders­wo ermor­det wor­den waren.

Jah­re­lang erforsch­te sie die Betriebs­ge­schich­te eines der größ­ten Pro­fi­teu­re des Nazi­re­gimes und mach­te dies schließ­lich publik: »Ich war Zwangs­ar­bei­te­rin bei Sala­man­der« (Das Neue Ber­lin, 2016). Damit zer­riss sie den Schlei­er, den das Unter­neh­men aus Korn­west­heim – wie unzäh­li­ge ande­re in der Bun­des­re­pu­blik auch – über sei­ne Betriebs­ge­schich­te von gut­be­zahl­ten Hof­hi­sto­ri­kern hat­te brei­ten las­sen. Als Anti­fa­schi­stin und Mar­xi­stin mach­te sie sicht­bar: Im Tau­send­jäh­ri­gen Reich akku­mu­lier­ten die Kon­zer­ne und Kriegs­ge­winn­ler jenes Kapi­tal, mit dem sie spä­ter das west­deut­sche »Wirt­schafts­wun­der« betrieben.

Damit finan­zier­te die Klas­se auch die von einem ihrer nam­haf­ten Expo­nen­ten als »poli­ti­sche Land­schafts­pfle­ge« bezeich­ne­te Geschichts­klit­te­rung. Zunächst um jenen Kon­text zu ver­schwei­gen und zu ver­drän­gen, dann um ihn zu ver­harm­lo­sen. Seit 1990 benutzt man die­sen Teil der eige­nen kri­mi­nel­len Ver­gan­gen­heit vor­zugs­wei­se, um die »zwei­te deut­sche Dik­ta­tur« zu kri­mi­na­li­sie­ren. Die zwei­te deut­sche Repu­blik ver­stand sich als »Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats« und als sozia­li­stisch. Sie­he: Namen und Attri­bu­te waren gleich. Lei­chen­ber­ge in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern und Akten­ber­ge der Staats­si­cher­heit, die wei­ße Linie auf der Selek­ti­ons­ram­pe von Ausch­witz und die im Grenz­über­gangs-Bahn­hof Fried­rich­stra­ße. Kei­ne Lei­chen­fel­der zwar, aber ein flä­chen­decken­des »Ausch­witz der See­len« … Die Per­fi­die ver­lor jedes Maß.

Wenn ich, als Freund und Ver­le­ger, bei Vera Fried­län­der auf dem Sofa saß, empör­te sie sich lei­den­schaft­lich über jede neue Unver­schämt­heit und Lüge. Nahe­zu erblin­det, konn­te sie nur noch mit Hil­fe moder­ner Tech­nik Tex­te lesen, das heißt, die Maschi­ne las und ver­wan­del­te die Zei­len in ver­nehm­ba­re Spra­che. So nahm Vera unver­än­dert Anteil an der Welt. Und wenn sie gebe­ten wur­de zu reden, dann tat sie es auch: am Gleis 17 in Gru­ne­wald wie auf anti­fa­schi­sti­schen Kund­ge­bun­gen. Sie ent­rü­ste­te sich über den wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus und die fort­schrei­ten­de Geschichts­ver­ges­sen­heit. »Krieg und Ver­schiss­muss«, welch höh­ni­scher Beleg …

Am 25. Okto­ber ist die Schrift­stel­le­rin Vera Fried­län­der, Autorin und Abon­nen­tin des Ossietzky, für immer ver­stummt. Ihre Bücher aber bleiben.