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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kunst als Hoffnungsträger

Tho­mas Met­scher, ange­se­he­ner Phi­lo­soph und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, wid­met sich in sei­nem neu­en Buch der Kunst. Sie sei neben Wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie ein drit­tes Grund­ele­ment des mar­xi­sti­schen Den­kens. Von die­ser Prä­mis­se aus­ge­hend, bear­bei­tet der Autor drei the­ma­ti­sche Fel­der: (1.) den all­ge­mei­nen Kunst­be­griff und die histo­ri­sche Kon­sti­tu­ti­on des ästhe­ti­schen Gegen­stands; (2.) das Ver­hält­nis von Mar­xis­mus und Kunst, Kün­sten und Kunst­theo­rie; (3.) offe­ne Fra­gen wie die des Ver­hält­nis­ses von Ideo­lo­gie und ästhe­ti­scher Wahrheit.

Der drit­te Unter­su­chungs­be­reich ist neu und ergänzt die in einer frü­he­ren Auf­la­ge von 2012 ver­öf­fent­lich­ten bei­den ersten Kapi­tel. Die­se las­sen sich – wie es auch der Unter­ti­tel besagt – als »geschicht­li­cher Ent­wurf« lesen: Das Kon­zept umfasst begriffs­hi­sto­ri­sche Erkennt­nis­se eben­so wie ent­wick­lungs­ge­schicht­li­che Beob­ach­tun­gen. Es ver­sam­melt wei­ter­hin die Aus­sa­gen von Marx und Engels, um dar­aus die Kon­tu­ren der Iden­ti­tät einer mar­xi­sti­schen Kunst­theo­rie für die Gegen­wart und die Zukunft zu entwickeln.

Inter­es­sant ist es, zu ver­fol­gen, wie Met­scher sich mit dem wider­sprüch­li­chen Ver­hält­nis des theo­re­ti­schen Kunst­ver­ständ­nis­ses im Mar­xis­mus einer­seits und dem Klas­sen­cha­rak­ter von Kunst im Kapi­ta­lis­mus ande­rer­seits aus­ein­an­der­setzt. Bei der Lek­tü­re die­ser sehr dicht ent­wickel­ten Aus­füh­run­gen wer­den gebüh­ren­de Anstren­gun­gen der Kon­zen­tra­ti­on abver­langt. Umso erfri­schen­der sind jene – viel zu weni­gen – Pas­sa­gen, in denen sich der Autor auf ein­zel­ne Bei­spie­le in Bil­den­der Kunst, Lite­ra­tur und Musik bezieht.

Zu Recht ver­weist der Ver­fas­ser dar­auf, dass der Klas­sen­kampf eine sprach­lich-ter­mi­no­lo­gi­sche Sei­te hat, die nicht vom Gesam­ten die­ses Kamp­fes zu tren­nen ist. U. a. dar­aus las­se sich ablei­ten, war­um das von ihm an ande­rer Stel­le ent­wickel­te inte­gra­ti­ve Kon­zept des Mar­xis­mus (sie­he »Inte­gra­ti­ver Mar­xis­mus«, 2017) bis­her nicht schon frü­her sich hat durch­zu­set­zen ver­mocht. Kunst sei eben­so wie die Spra­che nicht nur ambi­va­lent, son­dern oft völ­lig hilf­los gegen­über ihrem Missbrauch.

Wie wahr! Schier zum Ver­zwei­feln ist es, wenn wir fest­stel­len müs­sen, wie Spra­che, Bild­kunst und Musik in der Lei­stungs­ge­sell­schaft zu Aus­beu­tungs­in­stru­men­ten per­ver­tie­ren, in der Kom­merz­ge­sell­schaft zu Mar­ke­ting-vehi­keln, in der Mili­tär­ge­sell­schaft zum Feind­bild­pro­du­zen­ten, in der Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­sell­schaft zu Instru­men­ten der Täu­schung, in der Hygie­ne­ge­sell­schaft zum AHA-Kürzel.

Ange­sichts sol­cher Abar­tig­kei­ten führt das Buch von Tho­mas Met­scher in dan­kens­wer­ter und zu bewun­dern­der Wei­se in die lich­te Wirk­lich­keit der in der Kunst als Hoff­nungs­trä­ger ange­leg­ten Uto­pie. Die­se hat der Autor auch in zwei ande­ren sei­ner jüng­sten Ver­öf­fent­li­chun­gen lesens­wert aus­ge­stal­tet: in den theo­re­ti­schen Stu­di­en mit dem Titel »Ästhe­tik, Kunst und Kunst­pro­zess« (2013) und in sei­nen »Pari­ser Medi­ta­tio­nen. Zu einer Ästhe­tik der Befrei­ung« (2019).

Tho­mas Met­scher: Kunst. Ein geschicht­li­cher Ent­wurf. Zwei­te, erwei­ter­te Auf­la­ge. Kas­sel: Man­gro­ven Ver­lag 2020, 248 Sei­ten, 20 €.