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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lebendiges Reisegepäck

Die Deut­sche Bahn ist dabei, die Leip­zi­ger Ver­kehrs­be­trie­be auch und sogar der Omni­bus­be­trieb vom Saa­le­kreis: 28 Unter­neh­men im Groß­raum Hal­le-Leip­zig bil­den den Mit­tel­deut­schen Ver­kehrs­ver­bund. Der MDV besorgt im nach Ber­lin größ­ten ost­deut­schen Bal­lungs­ge­biet mit rund zwei Mil­lio­nen Ein­woh­nern den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. Der ist nicht nur für Berufs­pend­ler und Tou­ri­sten gut zu haben. Ver­schie­de­ne Stu­di­en zei­gen, dass der ÖNVP auch einen wich­ti­gen Bei­trag zur Inte­gra­ti­on von Migran­ten und wirt­schaft­lich Benach­tei­lig­ten lei­stet. Kurz: Der MDV hat eine viel­fäl­ti­ge Bedeu­tung für die Regi­on, nicht zuletzt auch mit Blick auf den Klimawandel.

Was gut klingt: Alle zie­hen an einem Strang, die Fahr­plä­ne von Zug, Stra­ßen­bahn und Bus sind auf­ein­an­der abge­stimmt, und so kommt man rela­tiv flott aus der Leip­zi­ger City in die Quer­fur­ter Dorf­idyl­le. Aber der MDV ist eben auch der Mono­po­list zwi­schen Alten­burg und Des­sau, Naum­burg und Tor­gau. Es gibt kei­ne Alter­na­ti­ve zur Preis­po­li­tik des Verbunds.

Die Logik, die hin­ter den Prei­sen steckt, ist nicht immer ersicht­lich. Klar, es gibt Ein­zel-, Tages-, Wochen- und Monats­kar­ten, Abos für Schü­ler, Azu­bis, Stu­den­ten, Senio­ren. Alles nor­mal und nach­voll­zieh­bar und nett so weit. Aber dann gibt es die 4-Fahr­ten­kar­te. Sie hat zwei Funk­tio­nen: Sie soll den Kauf­pro­zess ver­ein­fa­chen: ein­mal bezah­len, vier­mal fah­ren. Und sie soll Anrei­ze zum Umstei­gen auf den ÖNVP schaf­fen, denn das Sam­mel­ticket ist preis­wer­ter, als es vier Ein­zel­tickets sind.

Wer bei­spiels­wei­se von Hal­le nach Leip­zig fah­ren möch­te, zahlt 8,30 Euro. Die 4-Fahr­ten­kar­te kostet 31,50 Euro. Man spart mit die­sem Ticket also 1,70 Euro. Immer­hin. Rech­nen Sie das mal in D-Mark um!

Die­se Rech­nung gilt aber nur für Erwach­se­ne. Kin­der zah­len für die­sel­be Strecke fünf Euro (für die Ein­zel­kar­te) oder 20 Euro (für die 4-Fahr­ten­kar­te). Und da darf man stut­zig wer­den: Wie­so wird den Kin­dern kein Men­gen­ra­batt ein­ge­räumt? Weil Kin­der kei­ne ech­ten Men­schen (also Kun­den) sind? Weil man Kin­der nicht mit Rabat­ten ködern muss – schließ­lich zah­len die Eltern die Tickets?

Beim MDV beschränkt sich die Kin­der­freund­lich­keit in der Preis­po­li­tik offen­bar dar­auf, Kin­der als eine Art leben­di­ges Rei­se­ge­päck ihrer Eltern anzu­se­hen, nicht aber als eigen­stän­di­ge Men­schen. Es gibt einen Rabatt (weil Kin­der wie Kof­fer weni­ger Platz als Erwach­se­ne ein­neh­men), aber der wird nur ein­mal gewährt. Die Vor­tei­le der 4-Fahr­ten­kar­te, mit der Kin­der an den öffent­li­chen Ver­kehr her­an­ge­führt und Eltern finan­zi­ell ent­la­stet wer­den könn­ten, wer­den nicht ausgeschöpft.

Nun könn­te man natür­lich ein­wen­den: Was kann man auch schon von Unter­neh­men erwar­ten, die sich das Mono­pol am Markt gesi­chert haben? Mehr als faden­schei­ni­ge Fami­li­en­för­de­rung offen­bar nicht.

Aller­dings hal­ten beim MDV die Kom­mu­nen die Mehr­heit am Ver­bund. Sie könn­ten den Unter­neh­men kin­der­freund­li­che­re Prei­se in die Tarif­t­a­bel­le dik­tie­ren. Und neben­bei mal für Gerech­tig­keit sor­gen, indem Men­gen­ra­bat­te für alle Fahr­gä­ste gel­ten, egal ob groß oder klein. Aber dar­an haben die Gemein­den kein Inter­es­se. Immer­hin muss gespart wer­den. Zur Not bei den Kindern.