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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Unglückliches Land

Unglück­lich das Land, das Whist­leb­lower nötig hat, könn­te man mit Brechts Gali­lei aus­ru­fen. Beson­ders Staa­ten, die als Demo­kra­tie der Legi­ti­ma­ti­on durch Wah­len bedür­fen, ver­heim­li­chen gern Aktio­nen, die gegen den Mehr­heits­wil­len des Sou­ve­räns ver­sto­ßen. Und Men­schen, die sol­che Geheim­nis­se offen­ba­ren, leben gefähr­lich: Oft wer­den sie ver­folgt, ihrer bür­ger­li­chen Exi­stenz beraubt oder gar mit dem Tode bedroht. Denn sie gefähr­den die »natio­na­le Sicher­heit«, zumin­dest ver­let­zen sie aber das »Staats­wohl« oder die »Staats­rä­son«. Sind also womög­lich die Inter­es­sen eines sol­chen abge­ho­be­nen Staa­tes nicht iden­tisch mit denen des Vol­kes, von dem doch alle Staats­ge­walt aus­ge­hen soll?

Vor genau 90 Jah­ren, im Novem­ber 1931, wur­de gegen die Wochen­zeit­schrift Weltbühne, ihren Her­aus­ge­ber Carl von Ossietzky und den Jour­na­li­sten Wal­ter Krei­ser Ankla­ge erho­ben. Beschul­di­gung: Lan­des­ver­rat und Ver­rat mili­tä­ri­scher Geheim­nis­se. Der Pro­zess fand unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit statt: »Für das Wohl des Rei­ches« war Geheim­hal­tung gebo­ten. Die jun­ge Welt zitiert Ossietzky (25.11.2021): »Wir waren ver­schwo­ren für die Grund­sät­ze der Ver­fas­sung der Repu­blik (…). Wir betrach­te­ten die Demo­kra­tie nicht als Vor­wand, wir mein­ten sie.«

Bekannt sind beson­de­re Fäl­le von Whist­leb­lo­wing also schon lang. Als der Tech­ni­ker in der Nukle­ar­an­la­ge Dimo­na, Mor­de­c­hai Vanunu, im Aus­land Infor­ma­tio­nen über das gehei­me israe­li­sche Atom­pro­gramm ver­öf­fent­licht hat­te, wur­de er vom Geheim­dienst Mos­sad aus Rom nach Isra­el ent­führt. In einem Geheim­pro­zess wur­de er wegen Lan­des­ver­rats zu 18 Jah­ren Haft ver­ur­teilt, von denen er elf in Iso­la­ti­on ver­brin­gen muss­te. Sogar nach sei­ner Frei­las­sung gal­ten für ihn stren­ge Kon­takt­be­schrän­kun­gen. Amnes­ty Inter­na­tio­nal betrach­te­te ihn als »gewalt­lo­sen poli­ti­schen Gefan­ge­nen, der ledig­lich sein Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit wahr­ge­nom­men hat«. Ver­bün­de­te Isra­els ver­mie­den den­noch jede Kri­tik an die­ser Praxis.

In Eng­land arbei­te­te Katha­ri­ne Gun als Über­set­ze­rin für den bri­ti­schen Geheim­dienst. Kurz vor dem durch staat­li­che Lügen ange­zet­tel­ten Krieg der USA, Groß­bri­tan­ni­ens und der »Koali­ti­on der Wil­li­gen« gegen den Irak brach­te die jun­ge Frau Doku­men­te an die Öffent­lich­keit, die Staats­ver­bre­chen auf­deck­ten: Mit­glie­der des UN-Sicher­heits­rats soll­ten durch Geheim­dien­ste der USA und Eng­lands aus­spio­niert wer­den, um sie durch Erpres­sung zur Zustim­mung zum Irak­krieg zu zwin­gen. Hier woll­te also eine jun­ge Ange­stell­te einen Angriffs­krieg der west­li­chen Ver­bün­de­ten ver­hin­dern – ohne Erfolg. Aus tak­ti­schen Grün­den wur­de spä­ter der Pro­zess gegen sie ein­ge­stellt: Ver­mut­lich woll­te man das Bekannt­wer­den wei­te­rer Bele­ge für ille­ga­le Hand­lun­gen des Staa­tes vermeiden.

In eini­gen Fäl­len bedarf es jah­re­lan­ger auf­rei­ben­der Arbeit gegen eine Pha­lanx staat­li­cher und pri­vat­wirt­schaft­li­cher Stel­len und Per­so­nen, um dunk­le Machen­schaf­ten und Ver­bre­chen auf­zu­decken. So etwa im Fall des »Finanz­dienst­lei­sters« Wire­card, der mit Schmud­del­ge­schäf­ten (Por­no, Glücks­spiel) begon­nen hat­te, um dann mit enor­mer kri­mi­nel­ler Ener­gie in den DAX auf­zu­stei­gen. Trotz mas­si­ver Ver­dachts­mo­men­te gegen den Kon­zern enga­gier­ten sich Ole von Beust (CDU, ehe­ma­li­ger Ham­bur­ger Bür­ger­mei­ster), Kai Dieck­mann (Ex-Bild-Chef­re­dak­teur), Klaus-Die­ter Frit­sche (CSU, Ex-Staats­se­kre­tär im Bun­des­kanz­ler­amt, zustän­dig für Geheim­dien­ste) und der noto­ri­sche Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg (CSU, Ex-Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster) für die Fir­ma – bis hin zu Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel, die in Chi­na für Wire­card lob­by­ier­te. Die Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­auf­sicht (BaFin) hielt die schüt­zen­de Hand eben­so über die Ver­bre­cher wie der inter­na­tio­na­le Wirt­schafts­prü­fungs­kon­zern EY. Die Whist­leb­lower, die die kri­mi­nel­len Mil­li­ar­den­ge­schäf­te an die Öffent­lich­keit zu brin­gen droh­ten, über­zog man mit Ruf­mord oder auch Gewalt. Der kennt­nis­rei­che Zeu­ge Kili­an Klein­schmidt brach­te die Kum­pa­nei damit in Zusam­men­hang, dass Wire­card als »Finan­zie­rungs­darknet für Mili­zen und (Geheim)Dienste« fungierte.

Umfang­reich wäre die Auf­zäh­lung auch nur der wich­tig­sten Fäl­le von Whist­leb­lo­wing, die Staats-, aber auch Wirt­schafts­ver­bre­chen – die Gren­zen sind nicht scharf zu zie­hen – auf­deck­ten (und zunächst stets als Ver­schwö­rungs­theo­rien abge­tan wur­den): Lux­Leaks (Steu­er­ver­bre­chen unter dem spä­te­ren EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten Jean-Clau­de Juncker), Droh­nen­mor­de der USA (auf­ge­deckt durch Bran­don Bryant), Cam­bridge Ana­ly­ti­ca (Daten­kon­zern u.a. für syste­ma­ti­sche Wahl­be­ein­flus­sung), Cum­Cum und CumEx (Steu­er­ver­bre­chen mit Scha­dens­sum­me von ca. 150 Mil­li­ar­den Euro) und natür­lich der erschüt­tern­de Fall von Chel­sea Man­ning, die Infor­ma­tio­nen über Kriegs­ver­bre­chen der USA an Wiki­leaks wei­ter­gab; des­sen Grün­der, der Jour­na­list Juli­an Assan­ge, wird seit elf Jah­ren mit fal­schen Anschul­di­gun­gen, mas­si­ven kri­mi­nel­len Staats­ak­tio­nen, psy­chi­scher Fol­ter bis hin zu Mord­plä­nen gequält. Und Edward Snow­den muss im Mos­kau­er Exil leben – Deutsch­land hat­te es abge­lehnt, ihn auf­zu­neh­men –, seit­dem er die welt­wei­ten Über­wa­chungs- und Spio­na­ge­prak­ti­ken der Staa­ten USA (Geheim­dienst NSA) und Groß­bri­tan­ni­en auf­ge­deckt hat.

Über­all in der Welt neh­men muti­ge Men­schen unsag­ba­re Opfer auf sich, um Ver­bre­chen des Staa­tes oder gro­ßer Kon­zer­ne auf­zu­decken oder zu ver­hin­dern. Dabei han­delt es sich kei­nes­wegs nur um gesetz­wid­ri­ge, kri­mi­nel­le Machen­schaf­ten wie etwa beim Die­sel­skan­dal, son­dern oft um das gewöhn­li­che Funk­tio­nie­ren der Welt­wirt­schaft und der mili­tä­ri­schen Expan­si­on. Genau die­se »regel­ba­sier­te« (wer setzt die Regeln fest?) Wirt­schafts-, Mili­tär- und Han­dels­po­li­tik schafft ja die Kli­ma­ka­ta­stro­phe, die völ­ker­rechts­wid­ri­gen Krie­ge und die erpres­se­ri­schen Han­dels­be­din­gun­gen, die zu Lasten der ohne­hin Armen gehen.

Lei­der bewir­ken Whist­leb­lower sel­ten grund­sätz­li­che Ver­än­de­run­gen. Längst hat sich ein Teil der Bevöl­ke­rung dar­an gewöhnt, dass man über den Tisch gezo­gen, ange­lo­gen und betro­gen wird. Der Kauf von Ein­fluss auf die Poli­tik ist in Deutsch­land legal, sagt die kri­ti­sche Inter­net­platt­form Abge­ord­ne­ten­watch. Ber­li­ner Flug­ha­fen, Elb­phil­har­mo­nie, Stutt­gart 21, Mas­ken­de­als, von Kon­zer­nen dik­tier­te Geset­ze, aus­beu­te­ri­scher Woh­nungs­markt – all das ist bekannt und ent­lockt den mei­sten nur noch ein müdes Abwin­ken oder ein zyni­sches Auf­la­chen: Das soll sozia­ler Rechts­staat und Demo­kra­tie sein? Ein­zel­ne Skan­da­le wie etwa die unmensch­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen in der Fleisch­in­du­strie sor­gen kurz für empör­te Berich­te, um dann wie­der der Amne­sie anheim­zu­fal­len – beson­ders bei den Ver­ant­wort­li­chen in Poli­tik und Kon­zer­nen. Was tun, wenn man fest­stellt, dass die for­cier­te Pri­va­ti­sie­rung der Kli­ni­ken, Auto­bah­nen oder der Ren­te auf wun­der­sa­me Wei­se immer nur »denen da oben« Vor­tei­le bringt? Und dass staat­li­che Instan­zen ein­schließ­lich höch­ster Gerich­te dafür sor­gen, dass die Mie­ten unbe­zahl­bar wer­den und im Alter Armut droht? Die Macht­eli­te ver­spielt jedes Ver­trau­en, um sich dann besorgt zu zei­gen über Ver­ro­hung, Fakes und Aggressivität.

End­lich wird auch die all­ge­gen­wär­ti­ge Mani­pu­la­ti­on durch die mäch­ti­gen Digi­tal­kon­zer­ne – im aktu­el­len Fall durch Face­book – the­ma­ti­siert. Auch hier­bei muss­te eine Whist­leb­lo­we­rin, Fran­ces Hau­gen, an die Öffent­lich­keit gehen. Zwar wir­ken die Ent­hül­lun­gen teil­wei­se naiv und banal: »Face­book habe gezeigt, dass der eige­ne Gewinn wich­ti­ger ist als die Sicher­heit und das Wohl der Gesell­schaft.« Für wen ist denn die­se Erkennt­nis noch ein Auf­se­hen erre­gen­der Skan­dal? Immer­hin zeigt die Insi­de­rin aber auch, dass Hass erzeu­gen­de, pola­ri­sie­ren­de Inhal­te durch die Face­book-Algo­rith­men höher bewer­tet und damit bestärkt wer­den als ande­re. Wenn die Hin­wei­se nicht ver­tieft, die Prak­ti­ken der Tech-Kon­zer­ne genau­er ana­ly­siert wer­den, so wer­den sie dem­nächst ver­san­den, ohne dass die gigan­ti­sche finan­zi­el­le, poli­ti­sche und mani­pu­la­ti­ve Macht auch nur ange­kratzt wird.

Ja, Whist­leb­lo­we­rIn­nen sind Hel­den, die sich in ihrem Han­deln durch eine alt­mo­di­sche Instanz namens Gewis­sen lei­ten las­sen. Sie neh­men Opfer auf sich, gefähr­den manch­mal ihre Exi­stenz. Die Gesell­schaft ist auf sie ange­wie­sen, denn vie­le men­schen- und völ­ker­rechts­wid­ri­ge oder auch »nur« unmensch­li­che Hand­lun­gen von Insti­tu­tio­nen wir­ken im gesell­schaft­li­chen Unter­be­wusst­sein. Leben mit der Lüge und der Unge­rech­tig­keit: Wer glaubt etwa, dass die NSU-Mor­de und die Ver­wick­lung staat­li­cher Stel­len wirk­lich auf­ge­klärt sind? Dass sich die Mini­ster in Unter­su­chungs­aus­schüs­sen der Wahr­heit ver­pflich­tet füh­len? Dass Deutsch­land und die EU die Men­schen­rech­te und das Völ­ker­recht respek­tie­ren? Dass Gewalt der Poli­zei ver­folgt und Nazi­struk­tu­ren in der Bun­des­wehr und in Geheim­dien­sten auf­ge­klärt wer­den? Dass der Bun­des­nach­rich­ten­dienst die vor­her heuch­le­risch ver­damm­te Spio­na­gesoft­ware Pega­sus zwar gekauft, aber unwirk­sam gemacht hat, wie offi­zi­ell behaup­tet wird?

Immer­hin hat­te die EU im Jahr 2019 Richt­li­ni­en zum Schutz von Hin­weis­ge­bern for­mu­liert. Bis zum Dezem­ber 2021 soll­ten sie in natio­na­le Geset­ze gegos­sen wer­den. Bis­her kam dem kein Land nach, auch Deutsch­land nicht. Ja, die­ses Land hat Whist­leb­lower – und inve­sti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus! – nötig.