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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Standhaft und aufrecht

Gestern, am 3. Dezem­ber, am Tag vor dem Erschei­nen die­ser Aus­ga­be von Ossietzky, wäre Franz Josef Degen­hardt 90 Jah­re alt gewor­den. Er starb am 14. Novem­ber vor zehn Jah­ren, kurz vor sei­nem 80. Geburtstag.

Es ist nun fast ein hal­bes Jahr­hun­dert her, dass er uns zum ersten Mal ein­lud, zu ihm »an den Tisch unter Pflau­men­bäu­men zu kom­men« (vgl. gleich­na­mi­ge LP/​CD, Ham­burg 1973), wo der Ham­mel schon gar überm Laub war, mit ihm rei­fen Kar­tof­fel­schnaps zu trin­ken, mit ihm zu lachen, »bis mor­gens der Nacht­vo­gel schreit«. Und vor allem: »Wie­der gute Geschich­ten erzäh­len von damals und von die­ser Zeit.« Denn: »Uns­re Sache steht nicht schlecht.« Das schien in jenen Tagen so, »wo es man­chem schei­nen moch­te, als könn­te die gro­ße Ver­än­de­rung tat­säch­lich über­sprin­gen auf die öko­no­mi­sche Basis unse­rer Gesell­schaft« (Tho­mas Rothschild).

Eben­falls 1973 leg­te der in Schwelm, West­fa­len, gebo­re­ne Lie­der­ma­cher mit »Zünd­schnü­re« sei­nen ersten Roman vor, der 1974 vom WDR fürs Fern­se­hen ver­filmt wur­de. Der »Zünd­schnü­re-Song« bil­de­te einen deut­li­chen Kon­trast zu der lin­ken Idyl­le unter den Pflau­men­bäu­men und zeig­te den ande­ren, den poli­ti­schen Degen­hardt: »Und als von tau­send Jah­ren /​ nur elf ver­gan­gen waren /​ im letz­ten Jahr vom Krieg /​ da lag die Welt in Scher­ben /​ und Deutsch­land lag im Ster­ben /​ und schrie noch Heil und Sieg.«

Der Roman ließ aus dem Blick­win­kel einer Hand­voll Arbei­ter­kin­der, im sel­ben Jahr gebo­ren wie Degen­hardt, das Bild vom All­tag in einem Arbei­ter­vier­tel in einer Klein­stadt am Ran­de des Ruhr­ge­bie­tes in den letz­ten bei­den Jah­ren des Zwei­ten Welt­kriegs ent­ste­hen. »Sehr gefähr­li­che Spie­le« wur­den da gespielt, denn »Hor­cher gab es vie­le«, und »die von den Faschi­sten /​ sich nicht zer­bre­chen lie­ßen, /​ die waren nicht mehr viel.«

1975 erschien mit »Brand­stel­len« der zwei­te Roman, gewis­ser­ma­ßen eine Fort­set­zung, nun aber in der Bun­des­re­pu­blik spie­lend. 1977 wur­de er vom DEFA-Stu­dio für Spiel­fil­me ver­filmt. Ande­re Kämp­fe stan­den jetzt an: gegen Berufs­ver­bo­te zum Bei­spiel oder in einer neu gebil­de­ten Bür­ger­initia­ti­ve für die Ret­tung eines Nah­erho­lungs­ge­bie­tes, das einem Nato-Trup­pen­übungs­platz wei­chen soll­te. Der Haupt­ak­teur, mit 34 Jah­ren so alt wie der Autor und wie die­ser Rechts­an­walt, fährt aus Ham­burg zurück in sei­ne alte Hei­mat, in die »Zündschnüre«-Stadt im süd­li­chen Ruhr­ge­biet, wo er den inzwi­schen erwach­sen gewor­de­nen Kum­pa­nen aus frü­he­rer Zeit begeg­net. Am Ende muss er sich ent­schei­den, wo er steht: bei sei­nen Leu­ten aus dem Schmud­del­kin­der-Vier­tel oder bei den Leu­ten aus der Ober­stadt. Mit die­sem Roman war Degen­hardt nach inzwi­schen schon neun Schall­plat­ten – das erste Album stammt aus dem Jahr 1963 – auch als Schrift­stel­ler ange­kom­men. »Zünd­schnü­re« wur­de hun­der­tau­send­fach in Ost und West gelesen.

In »Petro­le­um und Rob­ben­öl«, dem näch­sten Buch (1976), wie­der­um im Ruhr­ge­biet spie­lend, erzählt ein Sohn die fan­ta­sti­sche Geschich­te von sei­nem plötz­lich durch­ge­dreh­ten Mana­ger-Vater und wie die­ser durch die Ein­wir­kun­gen eines Eski­mo-Scha­ma­nen wie­der gesun­de­te. Bob Dylan’s »Migh­ty Quinn« lässt grü­ßen: Come all without, come all wit­hin, /​ You’ll not see not­hing like the migh­ty Quinn.

Fünf wei­te­re Roma­ne folg­ten: 1979 »Die Miss­hand­lung«, über das Schick­sal eines Zwölf­jäh­ri­gen, der von sei­nen Eltern jah­re­lang in einem Ver­schlag ein­ge­sperrt war, ein Fall, der den Vor­mund­schafts­rich­ter dazu bringt, sein eige­nes Leben zu hin­ter­fra­gen. – 1982 »Der Lie­der­ma­cher«, über einen lin­ken Lie­der­ma­cher, der plötz­lich zum APO-Opa wird. (Für Nach­ge­bo­re­ne: APO = Außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on.) – 1985 »Die Abhol­zung«, über einen Mann, der aus der Zukunft kommt, weil er sei­ne Vor­fah­ren sucht, und der dabei auf eine Frau stößt aus »jener geho­be­nen Mit­tel­schicht, die in Gemein­den am Ran­de von Groß­städ­ten« sie­delt, ver­hei­ra­tet, ohne Beruf, zwei Kin­der, ein Hund, und die plötz­lich etwas Uner­war­te­tes tut. Sie ket­tet sich an einen Baum und bespuckt die Poli­zi­sten, die sie los­schnei­den wol­len. – 1991 »August Hein­rich Hoff­mann, genannt von Fal­lers­le­ben«, über den Ver­fas­ser der Deutsch­land-Hym­ne, den Degen­hardt als einen »oft gede­mü­tig­ten, aber immer kämp­fe­ri­schen, einen viel­fach gebro­che­nen und des­halb umso inter­es­san­te­ren Mann« dar­stellt, als einen jener »Vor- und Nach­märz-Libe­ra­len, die alles mit­ge­macht und eini­ges vor­ge­macht haben«. – 1999 erscheint Degen­hardts letz­tes Buch »Für ewig und drei Tage«, in dem er noch ein­mal in »sei­ne« Stadt an der Ruhr zurück­kehrt. Der 95. Geburts­tag des Patri­ar­chen einer weit­ver­zweig­ten Fami­lie – mit Anwäl­ten, Finanz­fach­leu­ten, Ärz­ten und einem Erz­bi­schof – steht an. Wäh­rend der Geburts­tag­fei­er wird immer deut­li­cher, wie sehr die­se unge­krön­ten Herr­scher der Stadt »aus dem Hin­ter­grund seit je die deut­sche Geschich­te mit­ge­stal­tet« haben. Wir schrei­ben den August 1991. Wäh­rend die Fei­er ihren Lauf nimmt, tref­fen die ersten Nach­rich­ten ein von einem Putsch in Mos­kau. Ein »Staats­ko­mi­tee für den Aus­nah­me­zu­stand« ver­sucht, den Prä­si­den­ten der Sowjet­uni­on Michail Gor­bat­schow abzusetzen.

Zwar kam der Schrift­stel­ler Degen­hardt mit sei­nen Büchern nie an die Reso­nanz und den Erfolg des Lie­der­ma­chers Degen­hardt her­an, der mit sei­nen Tour­ne­en bis 2004, also fast 40 Jah­re lang, die Säle quer durch die Repu­blik füll­te, von Stral­sund bis Ham­burg und Kiel, von Gel­sen­kir­chen über Worms bis Ingol­stadt. Aber dank der regel­mä­ßi­gen Buch­ver­öf­fent­li­chun­gen blieb er auch dann in Feuil­le­tons und Kul­tur­re­dak­tio­nen prä­sent, als – ab 1972 – der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk sei­ne Lie­der nicht mehr spiel­te und sei­ne Tour­ne­en so gut wie nicht mehr wahr­nahm. Degen­hardts »Befra­gung eines Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rers« auf Platz 1 der Hit­pa­ra­de des WDR nah­men die Ver­ant­wort­li­chen zum Anlass, in vor- oder nach­beu­gen­dem Gehor­sam vor den für ihre (Wieder-)Wahl zustän­di­gen Gre­mi­en die Reiß­lei­ne zu zie­hen. (Zur Vita Degen­hardts und zu sei­nen Lie­dern sie­he den Nach­ruf »Ach Franz, lie­ber Kar­ratsch« in Ossietzky 24/​2011.)

Immer­hin, im ver­gan­ge­nen Monat sen­de­te der Deutsch­land­funk zum 90. Geburts­tag 45 Minu­ten mit »Lied- und Folkgeschichte(n) von Väter­chen Franz« und ernann­te Degen­hardt zum »Urge­stein der deut­schen Lie­der­ma­cher­sze­ne«. Am Mikro­fon: die frei­schaf­fen­de Jour­na­li­stin Regi­na Kusch. Die Liedaus­wahl war »brav«, nix Klas­sen­kampf, dafür »Rum­pel­stilz­chen« von 1963, das unver­wüst­li­che »Spiel nicht mit den Schmud­del­kin­dern« von 1965 und »Väter­chen Franz« von 1967. Aber, wie gesagt: immerhin.

Daher ist es an der Zeit, wie­der ein­mal Franz Josef Degen­hardt aus dem Schall­plat­ten-/CD-Regal her­vor­zu­ho­len, sei­ne Lie­der zu hören und mit­zu­sin­gen. Oder in sei­nen Büchern zu lesen. Oder auch: Degen­hardt neu zu ent­decken. Und dabei noch ein­mal (oder neu) bewun­dernd zu gewah­ren, wie stand­haft und auf­recht Franz Josef Degen­hardt durch die (Klassen-)Kämpfe der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts ging, deren lite­ra­ri­scher und lyri­scher Chro­nist er wurde.