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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Sehr geehrte Drecksau!«

Den mei­sten Lesern und Lese­rin­nen von Ossietzky wird Diet­rich Kitt­ner gut bekannt sein – als Kaba­ret­tist und als lang­jäh­ri­ger Autor unse­rer Zwei­wo­chen­zeit­schrift. Vor ein paar Tagen fand eine klei­ne Ver­an­stal­tung zur Erin­ne­rung an ihn in sei­ner Hei­mat­stadt Han­no­ver statt. Das ver.di-Bildungswerk hat­te ein­ge­la­den zum »Por­trät der Kaba­rett­le­gen­de«. Der lang­jäh­ri­ge han­no­ver­sche Ober­bür­ger­mei­ster Her­bert Schmal­stieg und die Kitt­ner-Bio­gra­fin Syl­via Remé saßen auf der Büh­ne, Rai­ner Buten­schön führ­te durch das Gespräch.

Ein kur­zer Abend und zwei Zeit­zeu­gen rei­chen jedoch nicht, um die Kitt­ners – Chri­stel ist unbe­dingt auch zu erwäh­nen – halb­wegs ange­mes­sen zu wür­di­gen. Wie schwie­rig das ist, wird im »Requi­em für Diet­rich Kitt­ner« sicht­bar, das Gui­do Zin­gerl in Ossietzky 5/​2013 nach dem Tod von Diet­rich schrieb und wozu er vie­le Attri­bu­te benö­tigt: »Ach Kitt­ner, Kaba­ret­tist, Leid-Artik­ler, Sati­ri­ker, Tex­ter, tab-Macher, Freund, Genos­se, Bür­ger­recht­ler, Dis­si­dent und Agi­ta­tor (…)« – die Anre­de »Genos­se« bezog sich dabei nicht auf die SPD, aus der Diet­rich Kitt­ner Anfang der 1970er Jah­re aus­ge­schlos­sen wurde.

Bür­ger­recht­ler war Kitt­ner, bevor die­ser Begriff popu­lär wur­de. Der han­no­ver­sche Club Vol­taire, von den Kitt­ners mit »Apo-The­ke« bewirt­schaf­tet, war eben­so wie spä­ter das tab, das »Thea­ter an der Bult«, ein Ort der Dis­kus­si­on und der Pla­nung von Bür­ger­rechts­ak­tio­nen. Dort wur­den Bünd­nis­se geschmie­det – von SDS, DKP und Gewerk­schaf­ten bis hin zu bür­ger­li­chen Demo­kra­ten, enga­gier­ten Kir­chen­leu­ten und Jour­na­li­sten wie Eck­art Spoo. Die zunächst sehr erfolg­rei­che Akti­on »Roter Punkt« ist dafür ein her­aus­ra­gen­des Bei­spiel eben­so wie Anti­kriegs­ak­tio­nen oder Aktio­nen gegen Berufsverbote.

Inso­weit ist Her­bert Schmal­stieg als dama­li­gem Ober­bür­ger­mei­ster tat­säch­lich zu dan­ken, dass er sich nicht an der Hexen­jagd der Staats­macht und dem Boy­kott der gro­ßen Medi­en betei­ligt hat, dass er der kri­ti­schen und bis­si­gen Kul­tur in die­ser Stadt öffent­lich Raum ließ.

Ich erin­ne­re mich an vie­le Begeg­nun­gen und Gesprä­che mit Diet­rich, da geht es mir wie Rai­ner Buten­schön, der im Vor­wort zur Bio­gra­fie schreibt: »Mein Freund Diet­rich – er war für mich vor allem auch eins: Ein wich­ti­ger Leh­rer, ein Leh­rer nicht nur in gesell­schaft­li­cher Ana­ly­se, die als Dreh- und Angel­punkt die Eigen­tums­ver­hält­nis­se in den Blick zu neh­men hat.«

Eine erste Begeg­nung mit Kitt­ner hat­te ich als jun­ger Gewerk­schaf­ter, als er damals, 1967, auf dem völ­lig neu­en han­no­ver­schen Floh­markt am Leineufer ein lebens­gro­ßes Pla­kat des Pfau­en­thro­nes samt Schah von Per­si­en in Para­de­uni­form auf­stell­te, um, nach der Ermor­dung von Ben­no Ohnes­org, allen die Gele­gen­heit zur Maje­stäts­be­lei­di­gung zu geben. Hun­der­te fau­le Eier und Toma­ten flo­gen auf den von der Bun­des­re­gie­rung gefei­er­ten Staats­gast und grau­sa­men Herr­scher Per­si­ens. Die Staats­macht kapi­tu­lier­te ange­sichts der vie­len Selbst­an­zei­gen. Die­se Akti­on war nicht der Beginn der außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on, die Oster­mär­sche und die Pro­te­ste gegen den Krieg der USA in Viet­nam gab es schon län­ger, aber es war zumin­dest für Han­no­ver die Ouver­tü­re für die Revol­te von 1968.

Mein letz­tes Gespräch mit Diet­rich war ein Anruf von ihm, der mich im April 2012 erreich­te: Ver.di bestreik­te die ÜSTRA, die han­no­ver­schen Ver­kehrs­be­trie­be, kurz vor Mes­se­zeit, um mög­lichst viel Druck aus­zu­üben. Die han­no­ver­schen Zei­tun­gen rie­fen Auto­fah­rer auf, zu hel­fen, den Streik zu bre­chen: Mit einem Roten Punkt soll­ten Fahr­gä­ste zur Mit­fahrt ein­ge­la­den wer­den: ein tra­di­ti­ons­rei­ches Sym­bol der gegen­sei­ti­gen Hil­fe in Aus­nah­me­si­tua­tio­nen. So okku­pier­te die Han­no­ver­scheAll­ge­mei­neZei­tung die­ses Sym­bol: »Drucken Sie den Roten Punkt aus und befe­sti­gen Sie ihn an Ihrem Auto. Damit zei­gen Sie: Sie bie­ten ande­ren ger­ne eine Mit­fahr­ge­le­gen­heit.« Die­sen Miss­brauch der schö­nen bür­ger­recht­li­chen Tra­di­ti­on des Roten Punk­tes regi­strier­te Kitt­ner im Kran­ken­bett und for­der­te mich per Tele­fon drin­gend auf, die Part­ne­rin­nen und Part­ner des Roten Punk­tes zu alar­mie­ren, den Streik­bruch als sol­chen zu dis­kre­di­tie­ren und so die Gewerk­schaft in ihrem Kampf zu unterstützen.

Das ist ohne­hin der rote Faden im Leben und Wir­ken von Diet­rich und Chri­stel: Solidarität!

Der Abend mit Her­bert Schmal­stieg konn­te vie­les aus dem Leben und Schaf­fen von Diet­rich und Chri­stel nicht ver­mit­teln. Und die Bio­gra­fie von Syl­via Remé hat mich ziem­lich ent­täuscht, ohne dass ich genau­er sagen könn­te, wor­an es liegt. Viel­leicht dar­an, dass die Autorin über­wie­gend aus schrift­li­chen Quel­len schöpf­te? Viel­leicht auch an der Aus­wahl von Per­so­nen, mit denen sie sprach: Vie­le sei­ner eng­sten Freun­de tau­chen im Per­so­nen­re­gi­ster nicht auf. Viel­leicht liegt es auch dar­an, was sie selbst in der Ein­lei­tung schreibt: »Das Buch hät­te den­noch nicht ohne die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung zahl­rei­cher För­de­rer erschei­nen kön­nen.« Mein Unwohl­sein fass­te Lars Johan­sen bes­ser in Wor­te, der in Han­no­ver groß gewor­de­ne und in Mag­de­burg leben­de und agie­ren­de Künst­ler: »Ich war als Süd­städ­ter, seit­dem ich etwa 14 oder 15 war, im tab, also dem Thea­ter an der Bult. (…) Ich habe ihn als Teen­ager bewun­dert. Er ist also defi­ni­tiv eines mei­ner Vor­bil­der. Die Bio­gra­fie habe ich erwor­ben und ver­sucht zu lesen. Die ist mir völ­lig fremd vor­ge­kom­men. (…) Kitt­ner war in Han­no­ver ein ech­ter Star, nicht nur der Gegen­kul­tur. Ohne ihn kein roter Punkt, und wenn er beim Alt­stadt­fest auf­trat, dann kamen die Massen.«

Als Weih­nachts­ge­schen­ke in die­ser Zeit sehr zu emp­feh­len: »Sehr geehr­te Dreck­sau« – Diet­rich Kitt­ner live auf CD. Oder, wenn die Pan­de­mie vor­über sein soll­te: Eine Ent­span­nungs­wo­che im öster­rei­chi­schen Exil von Chri­stel und Diet­rich, dem Hol­ler­hof in Dede­nitz: https://hollerhof.at/.