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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Monatsrückblick: Trübe Aussichten

Die Welt steht am Abgrund, aber vor­her geht’s noch zum Gip­fel: Die Welt­kli­ma­kon­fe­renz COP 26 tag­te in Glas­gow und ver­ab­schie­de­te nach tage­lan­ger Dis­kus­si­on eine win­del­wei­che Erklä­rung zur Errei­chung der Kli­ma­zie­le, die nicht mehr erreicht wer­den kön­nen, weil schon seit der Pari­ser Kli­ma­kon­fe­renz nichts gemacht wur­de, um bei 1,5 Grad Erd­er­wär­mung zu blei­ben. Aber die Finanz­in­du­strie ist nicht taten­los geblie­ben: Der Son­der­ge­sand­te der UNO für Kli­ma­ak­ti­on und Finan­zen, Mark Car­ney, vor­mals Chef der Zen­tral­bank Kana­das und der Bank von Eng­land, hat eine finanz­star­ke Alli­anz geschmie­det, die 130 Bil­lio­nen Dol­lar für kli­ma­neu­tra­le Inve­sti­tio­nen locker machen will. Black­Rock ist dabei und die Deut­sche Bank, um nur ganz weni­ge zu nen­nen, die sie­ben Mal so viel wie der US-Haus­halt oder drei­ßig Mal so viel wie der deut­sche Bun­des­haus­halt mobi­li­sie­ren wol­len, um die Kli­ma­neu­tra­li­tät bis 2030 mög­lich zu machen. Der schnel­le und gro­ße Anstieg der Kapi­tal­ver­pflich­tun­gen für die »Net­to­null« durch die »Glas­gow Finan­cial Alli­an­ce for Net Zero« (GFANZ) mache die Trans­for­ma­ti­on in eine 1,5-Grad-Welt mög­lich, meint Mark Carney.

Ab jetzt nur noch Inve­sti­tio­nen in »sau­be­re« Indu­strien; kein Geld mehr für Koh­le und Die­sel. Es könn­te so schön sein! In weni­ger eupho­ri­schen Blät­tern wie etwa der deut­schen FAZ (Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung) oder der bri­ti­schen Finan­cial Times las man aller­dings, die Fest­le­gun­gen der Alli­anz für Net­to­null sei­en etwas »vage« for­mu­liert. Chri­sto­pher Hohn, Mana­ger des bri­ti­schen Hedge­fonds TCI sprach sogar abfäl­lig von »Green­wa­shing«.

Da trifft er sich mit Gre­ta Thun­berg, die am Vor­abend der Demon­stra­tio­nen zur Kli­ma­kon­fe­renz in Glas­gow auf Twit­ter schrieb: »Dies ist nicht län­ger eine Kli­ma­kon­fe­renz. Dies ist ein Green­wa­shing-Festi­val der rei­chen Staa­ten« (AFP/​dpa/​jW, 06./07.11.21) Die rei­chen Staa­ten über­lie­ßen es dann den Auf­stei­gern Indi­en und Chi­na, die Reso­lu­ti­on noch­mal abzu­schwä­chen, weil die­se Län­der nicht so schnell ihre Indu­strie sau­ber krie­gen. Da blei­ben dann die eige­nen Hän­de schön gewa­schen: Die bösen Chi­ne­sen haben die Welt als Gei­sel genom­men für ihren indu­stri­el­len Auf­schwung. Jetzt wird aber Black­Rock kei­ne Inve­sti­tio­nen mehr in Chi­na täti­gen, wetten?

Die EU muss sich dage­gen ganz ande­re Sor­gen machen: An ihren öst­li­chen Gren­zen machen sich Geflüch­te­te aus Syri­en, Irak und Afgha­ni­stan zum Sturm bereit auf die fried­li­chen Bür­ger. Sagt die pol­ni­sche Regie­rung. Nie­mand ande­rer als Luka­schen­ko und – natür­lich! – Putin sind dafür ver­ant­wort­lich. Die Men­schen sei­en miss­braucht wor­den, und ihr Elend kön­ne das Anse­hen der EU schmä­lern, jam­mer­te Bär­bel Bas, neue Bun­des­tags­prä­si­den­tin (jW, 15.11.21). Der säch­si­sche Mini­ster­prä­si­dent Micha­el Kret­schmer stellt klar, dass die Geflüch­te­ten hier nicht erwünscht sei­en. Sol­che Bil­der müs­se man eben »aus­hal­ten«. Was die Men­schen dort aus­hal­ten müs­sen, ist dem Christ­de­mo­kra­ten natür­lich wurscht. Schließ­lich wur­de ja auch Jesus gebo­ren in einem win­ter­li­chen Stall, weil sei­ne Eltern kei­nen Platz in einer Her­ber­ge fan­den. Wir Chri­sten hal­ten jedes Jahr an Weih­nach­ten sol­che Bil­der aus.

Inzwi­schen hat der böse Anti­christ Luka­schen­ko die Geflüch­te­ten von der Gren­ze weg und in Lager brin­gen las­sen, eini­ge sind auch bereits wie­der in ihre Her­kunfts­län­der zurück­ge­flo­gen wor­den. Die viel­be­schwo­re­nen west­li­chen Wer­te haben mal wie­der die Pro­be aufs Exem­pel nicht bestanden.

Auch die neue schwe­di­sche Regie­rung hat die Pro­be aufs Exem­pel nicht bestan­den. Die schwe­di­sche Pre­mier­mi­ni­ste­rin Mag­da­le­na Anders­son hat den Rekord der kür­ze­sten Amts­zeit geknackt: Weni­ge Stun­den nach ihrer Ernen­nung am 24.11.21 trat sie zurück, weil ihr Haus­halts­vor­schlag vom Par­la­ment nicht ange­nom­men wur­de. Dage­gen erhielt der von der Oppo­si­ti­on vor­ge­leg­te Haus­halts­ent­wurf die Mehr­heit im Par­la­ment. Er war auch von den »Schwe­den­de­mo­kra­ten« mit erar­bei­tet wor­den, der schwe­di­schen AfD. Dar­auf­hin trat die Grü­nen­par­tei aus der Regie­rung aus. Sei­ne Par­tei kön­ne den »histo­ri­schen Haus­halt der Oppo­si­ti­on, der zum ersten Mal mit den Rechts­ex­tre­men erar­bei­tet wur­de«, nicht hin­neh­men, sag­te Grü­nen­chef Per Bolund. Die Regie­rungs­ko­ali­ti­on ist zer­bro­chen, bevor sie tätig wer­den konn­te. Laut schwe­di­schem Brauch muss die Pre­mier­mi­ni­ste­rin dann zurück­tre­ten und neu ver­han­deln. (AFP/​jW, 24.11.21)

Wäh­rend es die rot-gelb-grü­ne Ampel in Ber­lin geschafft hat: Sie hat sich zusam­men­ge­rauft, dies­mal hat Lind­ner nicht die Ver­hand­lun­gen ver­las­sen, war­um auch, er hat ja alles durch­ge­setzt und soll auch noch Finanz­mi­ni­ster wer­den, also auf alle miss­lie­bi­gen Geset­zes­ent­wür­fe den Dau­men drauf­hal­ten und wei­ter von unten nach oben ver­tei­len. Freu­de kommt auf unter der indu­stri­el­len Kli­en­tel der Libe­ra­len. Alle ande­ren Ver­spre­chen, wie die eines Min­dest­lohns von 12 €, einer Kin­der­grund­si­che­rung, Bür­ger­geld statt Hartz IV, kli­ma­neu­tra­le Ent­wick­lung usw. usf. wer­den das Papier nicht wert sein, auf dem sie ste­hen, weil ihre Finan­zie­rung ohne höhe­re Abga­ben der Rei­chen nicht mög­lich sein wird. Tja, Pech gehabt, ihr Wäh­ler: Ihr habt es so gewollt!

Ob man aber auch den Wäh­lern die Schuld zuschie­ben kann an den unse­li­gen jour­na­li­sti­schen Wort­schöp­fun­gen? »Schol­zig« sei die Rede von Olaf Scholz, dem zukünf­ti­gen Kanz­ler, gewe­sen, mein­te der ARD-Brenn­punkt am 24.11.21. Da kön­nen wir uns noch auf eini­ge Wort­spie­le gefasst machen, wenn Frau Baer­bock im Außen­mi­ni­ste­ri­um künf­tig den Gärt­ner spielt.

Trü­be Aus­sich­ten allerseits!