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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Linker Wind in Heilbronn

Der Heil­bron­ner Gym­na­si­al­leh­rer i.  R., Schrift­stel­ler und Kaba­ret­tist Erhard Jöst legt ein Buch mit dem Titel Der Müt­zen­baum vor. Es ent­hält 46 Erzäh­lun­gen und Kurz­ge­schich­ten, Arti­kel und Satiren.

Der gewähl­te Buch­ti­tel und das Titel­bild gehen auf Jösts Jugend in Hed­des­heim, nahe Mann­heim, zurück. Als Elf­jäh­ri­ger spiel­te er mit ande­ren Jugend­li­chen in einer Bau­gru­be Fuß­ball; ein Baum­stamm dien­te den Jungs nicht nur als Tor­pfo­sten, son­dern sie häng­ten auch ihre Müt­zen wäh­rend des Spiels an sei­ne Äste.

Jöst erträgt nach sei­ner Jugend­zeit als poli­tisch Han­deln­der manch Unbill. Wir erfah­ren, dass Leh­rer zu »Volks­ver­het­zern« wer­den, wenn sie Sati­ren dich­ten, und dass dafür Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men ange­setzt wur­den. Die dar­ge­stell­ten Pro­vinz­pos­sen könn­te man für unwahr­schein­lich hal­ten; Jöst hat sie aber leib­haf­tig erle­ben und erlei­den müs­sen. Es gibt frei­lich auch fik­ti­ve Erzäh­lun­gen, zumeist mit humo­ri­sti­schem Ein­schlag. Auch bei den Kurz­ge­schich­ten scheint der Kaba­ret­tist durch, der im Janu­ar 1988 das Heil­bron­ner Kaba­rett die »GAU­wah­nen« gründete.

Der Müt­zen­baum ist eine lesens­wer­te Lek­tü­re. Jöst Stil ist ele­gant, sei­ne lite­ra­ri­sche Sati­re ist bril­lant, wenn er uns mit­nimmt auf eine Rei­se durch die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Wirk­lich­keit und real­sa­ti­ri­sche Reak­tio­nen der Herr­schen­den schil­dert. In die sati­ri­sche Geschich­te »Der Frie­dens­kämp­fer« ist ein Lied ein­ge­baut, bei dem einem der Atem stockt, wenn ein ver­wun­de­ter Sol­dat nach der Melo­die: »Ich hab mein Herz in Hei­del­berg ver­lo­ren« singt: »Ich hab mein Beim am Hin­du­kusch ver­lo­ren, beim Ein­satz in dem Frie­dens­krieg. (…) Ich tra­ge nun ne wei­te­re Pro­the­se, doch bin ich des­halb kei­nes­falls ent­setzt, denn schließ­lich regu­lie­ren Chips mein Wesen, die wur­den mir ins Hirn hin­ein­ge­setzt!«. Schlag­ar­tig wird dadurch vor­ge­führt, was Kriegs­pro­pa­gan­da bewir­ken kann.

Der Schrift­stel­ler Bern­hard Schlink schrieb über Geschich­ten aus die­sem Band: »Ich habe mich ger­ne dar­in fest­ge­le­sen, mal mit mehr, mal mit weni­ger, mal ohne Zustim­mung, aber stets mit Freu­de dar­über, dass in Heil­bronn noch ein lin­ker Wind so kräf­tig weht.« Schlink spricht der Rezen­sen­tin aus dem Herzen.

Erhard Jöst: Der Müt­zen­baum. Ver­lag frei­heits­baum, edi­ti­on Spi­no­za, Reut­lin­gen 2022, 170 S., 15 €.