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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wodka aus Südafrika

Ich sor­tie­re schon mal mei­ne rus­si­sche Lite­ra­tur aus: Dosto­jew­skij, Tol­stoi, Pusch­kin, Gogol, Tur­gen­jew, Gor­ki, Gont­scha­row, Ait­matow, Dudin­zew, Pasternak, Lenin, Jew­tu­schen­ko. Natür­lich auch Baku­nin und Kro­pot­kin, die kön­nen zwar auch nix dafür, aber weg damit, Anar­chi­sten, elen­di­ge. Ich weiß gar nicht, was sich da noch alles in mei­nem Bücher­re­gal her­um­treibt, sicher habe ich wen übersehen.

Auch die MLPD, die Mar­xi­stisch-Leni­ni­sti­sche Par­tei Deutsch­land, müss­te jetzt aber schleu­nigst den Lenin aus ihrem Par­tei­na­men ent­fer­nen! Ob die bei der näch­sten Land­tags­wahl über­haupt antre­ten dür­fen? Obwohl sie genug Unter­schrif­ten auf ihren Listen haben?

Und dann die CDs: Tschai­kow­sky, Kla­vier­kon­zert Nr. 1 in b-Moll, gespielt unter Kiril Kondra­schyn vom US-Ame­ri­ka­ner Van Cliburn. Wie­so durf­te der das beim Wett­be­werb in Mos­kau über­haupt spie­len? Und gewon­nen hat er auch noch, nee, nee, was waren das für schlim­me Zei­ten, und so kurz nach dem Krieg, als wir die Rus­sen über­fal­len hat­ten! Wei­ter: Rach­ma­ninoff, Khacha­tu­ri­an, Stra­vin­sky, Pro­ko­fi­ev, Anton Rubin­stein. Schosta­ko­witsch auf jeden Fall, den hat­te sogar Sta­lin auf dem Kie­ker. Und für den habe ich heu­te auf deut­schen Büh­nen Vor­bil­der: des­sen Kon­zer­te wer­den abge­sagt. Auch Stücke von Dosto­jew­skij. Ja, rich­tig gele­sen: Stücke von Dosto­jew­skij wer­den hier und da nicht mehr gespielt. Der ist seit 141 Jah­ren tot. Aber ’n Rus­se war das. Ein ech­ter Rus­se. Und rus­si­sche Dra­ma­tur­gen und ande­re Spiel­lei­ter: Weg damit, die spie­len doch die fal­schen Sym­pho­nien, par­don, fal­schen Natio­nal­hym­nen! Die Netreb­ko erst. Soll die Klap­pe hal­ten. Ist das nicht eine von Putins Spio­nin­nen? Fünf­te Kolon­ne, sag ich. Und über­haupt: Es wim­melt nur so von Rus­sen und Rus­sin­nen bei uns, vor allem in der Kul­tur. Das ist beson­ders gefährlich!

Und der Schrö­der! Der bei Roz­neft und Gaz­prom oder sonst wo im Auf­sichts­rat sitzt. Wer ihn da wohl hin­bug­siert hat? Bis­her war man mit ihm sehr zufrie­den. Aber jetzt geht das gar nicht mehr. Und wenn das Gas nicht fließt, auch nicht durch Nord­stream 1, ist die­ser Herr nicht mehr nötig. Die­ser Lob­by­ist! Raus mit ihm aus der SPD. Ist eh eine selt­sa­me Par­tei. Jetzt wol­len sie sei­nen Namen aus bestimm­ten Listen und Pam­phle­ten löschen. Auch die Geschichts­bü­cher müs­sen berei­nigt wer­den, schließ­lich war Schrö­der für die Agen­da 2010 und die Hartz-IV-Geset­ze mit ver­ant­wort­lich. Viel­leicht freut er sich sogar dar­über, dann wird ihm das nicht mehr ange­la­stet. Dann bleibt das auf den Grü­nen hän­gen, ha, ha, ha.

Und der rus­si­sche Wod­ka, weg mit ihm! Nur wel­cher aus Ber­lin und aus Süd­afri­ka ist noch legi­tim. Raus aus den Rega­len bei ALDI, LIDL, Ede­ka & Co. Ob kuba­ni­scher Rum noch erlaubt ist? Die Fra­ge ist müßig. Natür­lich nicht, denn: Eine Aus­stel­lung der »Cuba-Hil­fe Dort­mund« mit Bil­dern eines Künst­lers aus Havan­na und eines deut­schen Künst­lers aus Hei­del­berg unter der Schirm­herr­schaft des Dort­mun­der Ober­bür­ger­mei­sters ist abge­sagt wor­den. Vor­ge­se­hen war sie bei der BIG-Kran­ken­kas­se Dort­mund. Grund: Kuba hat sich bei der Abstim­mung zum Ukrai­ne-Krieg in der UNO-Voll­ver­samm­lung der Stim­me ent­hal­ten. Ist das denn die possibility?

Aber die Deut­sche Bank, die will auf die guten Geschäf­te mit Russ­land nicht ver­zich­ten. Und dul­det, dass Russ­land im SWIFT-System bleibt. Die Sau­ban­de, die. Ich hat­te immer schon was gegen die­se Bank, schon seit dem Alt­na­zi Her­mann-Josef Abs.

Es war ja sehr vor­aus­schau­end, dass vor Jah­ren schon die Rus­si­schen Ehren­fried­hö­fe in Kriegs­grä­ber­stät­ten umbe­nannt wur­den. Ehren! Russische!

Jetzt woll­te ich mir gera­de ein schö­nes Sams­tag­abend-Stünd­chen machen, den Tschai­kow­sky auf­le­gen und einen rus­si­schen Wod­ka trin­ken (oder war es kuba­ni­scher wei­ßer Rum? Egal!), da kamen mir doch gewal­ti­ge Beden­ken. Sind die Fen­ster zu? Die Vor­hän­ge vor? Wenn das jemand sieht und hört! Und mich ver­petzt? Was ist dann?

Eine gute Bekann­te spricht Rus­sisch und war sogar Leh­re­rin an einer Ober­schu­le in Essen. Was ist mit der? Muss die jetzt einen Stern tra­gen, viel­leicht den rus­si­schen Fünf­zack? Wird der Rus­sisch-Unter­richt ersatz­los gestri­chen? Oder müs­sen die Schü­ler und Schü­le­rin­nen jetzt Ukrai­nisch ler­nen? Bringt denn das wirt­schaft­lich etwas? Ein Kol­le­ge in einer lin­ken Zei­tung hat sogar schon ver­sucht, das Rus­si­sche bei Borus­sia Dort­mund zu erset­zen: Bokrai­ne. Boh glaubs­se! Ich glaub’ ich werd’ nicht mehr. Mei­ne Borussia!

Na dann: Na sdo­ro­wje! Wohl bekomm’s! Aber das soll man angeb­lich nur beim Essen sagen und lau­tet genau­er als Toast, wenn über­haupt: »Sas­do­ro­wje«,

Aber das ist uns doch jetzt wohl auch egal, ist ja russisch.