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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Harte Töne, harte Zeiten

Fast im Stun­den­takt har­te Töne aus Ber­lin, Washing­ton, Brüs­sel, Kiew und in der UNO in New York. Alles an den Adres­sa­ten Putin in Mos­kau gerich­tet. Das vom Schau­spie­ler Man­fred Krug als BLÖD-Zei­tung beti­tel­te Bou­le­vard­blatt wuss­te gar zu berich­ten, der Westen habe einen »Plan für Putins Sturz«. Irak und Liby­en als Muster oder Farb­re­vo­lu­ti­on, das bleibt offen.

Es ist erin­ner­lich, dass im Mai 2011 US-Prä­si­dent Barack Oba­ma, vor­schnell zwei Jah­re zuvor zum Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger gekürt, Außen­mi­ni­ste­rin Hil­ary Clin­ton und ande­re die Kil­ler-Akti­on des sei­ner­zei­ti­gen Staats­fein­des Nr. 1 live am Bild­schirm ver­folg­ten. Biden starr­te damals als Vize-Prä­si­dent wie alle 40 Minu­ten lang auf die ille­ga­le Mili­tär­ak­ti­on. Kein Detail des Lynch­mords ließ sich die illu­stre Gesell­schaft ent­ge­hen. Inter­na­tio­na­les Recht, wozu? Die deut­sche Christ-Pro­mi­nenz lob­prei­s­te sogleich. In Mün­chen erfass­te Mini­ster­prä­si­dent und CSU-Chef See­hofer ein »Gefühl der Freu­de«. Bun­des­kanz­le­rin und CDU-Che­fin Mer­kel topp­te und sprach: »Ich freue mich, dass es gelun­gen ist, Bin Laden zu töten. Das ist es, was jetzt für mich zählt.«

Und was ist heu­te? Der ukrai­ni­sche Prä­si­dent Selens­kij erlässt tel­ein­sze­niert einen Ukas nach dem ande­ren für den UN-Sicher­heits­rat, den Deut­schen Bun­des­tag und die Ber­li­ner Regie­rung, damit Russ­land sei­nen Stän­di­gen Sitz in die­sem Gre­mi­um ver­liert, Ber­lin Waf­fen wie ein­ge­for­dert gehor­sam lie­fert und die Nato end­lich voll­ends zum WWIII bei Fuß steht.

Vor Ort in Deutsch­land führt der Kie­wer Stän­di­ge Ober­be­stim­mer für Deutsch­land Andrij Mel­nik als ukrai­ni­scher Bot­schaf­ter das Wort. Laut Ber­li­ner Tages­spie­gel las er Stein­mei­er ordent­lich die Levi­ten. Dem sei das Ver­hält­nis zu Russ­land etwas Fun­da­men­ta­les, ja Hei­li­ges – egal was gesche­he. In sei­nen frü­he­ren Ämtern als Kanz­ler­amts­chef und Außen­mi­ni­ster habe er bereits ein Spin­nen­netz der Kon­tak­te zu Mos­kau geknüpft. Dar­in sei­en vie­le Leu­te ver­wickelt, die jetzt in der deut­schen Ampel­ko­ali­ti­on das Sagen hät­ten. Mel­nik führt sich auf wie wei­land eini­ge UdSSR-Bot­schaf­ter, die zeit­wei­lig in der DDR-Haupt­stadt resi­dier­ten. Die kamen und gingen.

Und der Herr Bun­des­prä­si­dent kroch zu Kreu­ze und bereu­te. Die Schlag­zei­le einer Ber­li­ner Bou­le­vard­zei­tung mit Stein­mei­ers Kon­ter­fei: »Wir sind geschei­tert«. Ex-Kanz­le­rin Mer­kel stand nicht nach. Na, bit­te. Geht doch, wenn im ukrai­nisch-pol­ni­schen Dop­pel die Ber­li­ner Polit­pro­mi­nenz ange­pfif­fen wird. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on wäre ein­fa­cher und gin­ge schnel­ler, wenn die gan­ze deut­sche Staats­ob­rig­keit gleich auf dem Mai­dan kam­pie­ren wür­de, um ihre Ord­re du Selens­kij zu empfangen.

In Deutsch­land hat die Ankün­di­gung har­ter Zei­ten für die lie­ben Bun­des­bür­ger Hoch­kon­junk­tur. Ob des euro­päi­schen Krie­ges in der Ukrai­ne und der selbst­mör­de­ri­schen Kami­ka­ze-Sank­tio­nen haben sie die unaus­bleib­li­chen Fol­gen zu schul­tern. Der bay­ri­sche Mini­ster­prä­si­dent Mar­kus Söder, gewiss kein Poli­t­hei­li­ger, mein­te im ZDF-Mor­gen­ma­ga­zin, dass die in den Talk­shows gut reden hät­ten, sie betref­fe es ja nicht. Er mein­te die vor­geb­li­chen Lei­stungs­trä­ger in Poli­tik und Regie­rung sowie deren alles wis­sen­de Nach­plap­pe­rer. Ein bay­ri­scher Voll­tref­fer oder Selbsttor?

Stein­mei­er hat­te Deutsch­land doch sal­bungs­voll auf här­te­re Zei­ten ein­ge­schwo­ren. Die schar­fen Sank­tio­nen gegen Russ­land führ­ten unver­meid­lich auch zu Unsi­cher­hei­ten und Ein­bu­ßen für UNS. Unter­stüt­zung, Stand­haf­tig­keit und Bereit­schaft zu Ein­schrän­kun­gen wür­den noch auf lan­ge Zeit gefor­dert sein.

Mit die­sem über­stra­pa­zier­ten UNS und WIR kam und kommt im Namen von mei­ner Wenig­keit und Mil­lio­nen ande­ren stets Unheil und Ver­der­ben. In Zei­ten wie die­sen graust es mir beim Blick in deut­sche Ver­gan­gen­heit. Wäh­rend des 2. Welt­krie­ges star­ben in Lenin­grad wäh­rend der 28 Mona­te dau­ern­den Blocka­de schät­zungs­wei­se etwa 1,1 Mil­lio­nen Zivi­li­sten, etwa 90 Pro­zent waren ver­hun­gert. Die Ein­schlie­ßung durch die deut­schen Trup­pen gilt als eines der ekla­tan­te­sten Kriegs­ver­bre­chen der deut­schen Wehrmacht.

Kai­ser Wil­helm Zwo tön­te am 1. August 1914, als das Deut­sche Reich Russ­land den Krieg erklär­te, vom Bal­kon des Stadt­schlos­ses: »Ich ken­ne kei­ne Par­tei­en und auch kei­ne Kon­fes­sio­nen mehr; wir sind heu­te alle deut­sche Brü­der und nur noch deut­sche Brü­der.« Der Ober­bru­der ver­schwand im Novem­ber 1918 ins nie­der­län­di­sche Exil, wo er sich wohl vor­wie­gend mit Holz­hacken beschäf­tig­te. Gegen­dert wur­de damals nicht, obwohl die Frau­en wäh­rend des Krie­ges und danach die größ­te Last zu tra­gen hat­ten. Im Kohl­rü­ben­win­ter 1916/​17 muss­ten sie die Fami­li­en durchbringen.

Die Nazis trie­ben mit dem Win­ter­hilfs­werk (WHW) per Haus- und Stra­ßen­samm­lun­gen Sach- und Geld­spen­den ein. Die Akti­on unter­stand Reichs­pro­pa­gan­da­mi­ni­ster Goe­b­bels und soll­te die Volks­ge­mein­schaft stär­ken. Ein­topf­sonn­ta­ge, Lot­te­rien und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen, die vom Deut­schen Roten Kreuz, der Wehr­macht und ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen durch­ge­führt wur­den, hal­fen der gut­gläu­bi­gen Volks­ge­mein­schaft auf die Sprün­ge. Nie­mand konn­te sich ent­zie­hen. Hit­lers Kriegs­kas­se füll­te sich auf dubio­se Wei­se. Die Reichs­bahn dampf­te unter der Paro­le »Räder müs­sen rol­len für den Sieg« durch das besetz­te und geplün­der­te Europa.

Alles natür­lich kein Ver­gleich zu heu­te und dem atlan­ti­schen EU-Krieg. Die Ukrai­ne dient nur als Eti­kett. Doch glei­chen sich nicht Reden, Tex­te und Bilder?

Jahr­zehn­te spä­ter beschloss der Deut­sche Bun­des­tag am 30. Juni 1995, erst­mals nach dem Zwei­ten Welt­krieg wie­der deut­sche Sol­da­ten in einen bewaff­ne­ten Ein­satz auf dem Bal­kan zu schicken. Die toten Zivi­li­sten der Nato-Krie­ge gal­ten als unver­meid­li­che Kol­la­te­ral­schä­den. Basta-Kanz­ler Schrö­der, ein Herr Schar­ping (wer war das gleich?) oder Turn­schuh-Josch­ka (Fischer) als Außen­mi­ni­ster wur­den wegen des Angriffs­krie­ges und der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen kei­nes­wegs zur Rechen­schaft gezo­gen. Schließ­lich ver­kün­de­te ein Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Peter Struck (SPD): »Die Sicher­heit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wird auch am Hin­du­kusch ver­tei­digt.« Das Ende des 20-jäh­ri­gen Deba­kels hat er nicht mehr mit­er­lebt. Die Bun­des­wehr-Vete­ra­nen lei­den bis heu­te allein gelas­sen und trau­ma­ti­siert unter den Folgen.

Als Wäh­ler hat­te ich kei­nen die­ser Auf­trä­ge erteilt. Kann und darf ich auch gar nicht. Die Damen und Her­ren MdB sind ein­zig ihrem Gewis­sen unter­wor­fen und an kei­ner­lei Auf­trä­ge und Wei­sun­gen gebun­den. Der aus­he­beln­de Frak­ti­ons­zwang scheint auf einem bös­ar­ti­gen Gerücht zu beruhen.

Wie­der und wie­der wer­den schar­fe, schär­fe­re und schärf­ste Sank­tio­nen gegen Russ­land fast im Tages­takt ver­hängt. Die Fol­ge ist die Lind­ner­sche Preis­spi­ra­le aller­or­ten – Ten­denz und Infla­ti­on rapi­de anstei­gend. Lee­re Rega­le bei Son­nen­blu­men­öl wären zu ver­schmer­zen. Was aber, wenn rus­si­sches Öl, Gas und Koh­le gänz­lich aus­blei­ben? Dann schlit­tern Taxi­un­ter­neh­men, Spe­di­tio­nen und Glas­wer­ke in die Plei­te. Bei Che­mie­gi­gan­ten von Lud­wigs­ha­fen, über Leu­na bis Schwedt läuft alles auf Spar­flam­me. Dün­ger und täg­lich Brot wer­den Man­gel­wa­re. Zur Ein­stim­mung gilt vor­läu­fig »Frie­ren für den Frie­den« oder »Tarn­kap­pen­jets statt Rapsöl«.

Die­se ver­damm­te Nazi-Spra­che. Hat­ten die nicht ver­kün­det »Kano­nen statt But­ter«? Es soll­te, um sol­che Goe­b­bels­nä­he zu ver­mei­den, unver­blümt dekre­tiert wer­den: Zur Kas­se, Deut­sche! Viel­leicht setzt dann end­lich beim Michel der Ver­stand wie­der ein.