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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ohne Worte

Die Anwen­dung der deut­schen Spra­che war schon immer Gegen­stand inten­si­ver Aus­ein­an­der­set­zung. Vom Alt­mei­ster Goe­the bis hin zum ein­sti­gen Lite­ra­tur­papst und Preis­ver­wei­ge­rer Mar­cel Reich-Ranicki haben sich vie­le Zeit­ge­nos­sen dazu geäu­ßert. Auch inner­halb der Fami­lie bekam man als Kind oft mit auf den Weg gege­ben, dass man auf sei­ne Spra­che ach­ten, man­che Begrif­fe aus vie­ler­lei Grün­den auch mei­den soll. So haben man­che Aus­drücke, die noch vor einem hal­ben Jahr­hun­dert als »nicht druck­reif« gal­ten oder nur mit Anfangs­buch­sta­ben und drei Punk­ten ange­deu­tet wur­den, längst Ein­gang in den Sprach­ge­brauch, aber auch in den unse­rer Medi­en­land­schaft gefun­den. Die einen fin­den das absto­ßend, ande­re sind der Auf­fas­sung, dies stel­le eine Art Befrei­ung von Tabus dar. Dar­über kann man vor­treff­lich strei­ten. Nicht strei­ten möch­te ich aller­dings über Begrif­fe, die in einer Zeit geprägt wur­den, die sich als das dun­kel­ste Kapi­tel des 20. Jahr­hun­derts in der deut­schen Geschich­te erwie­sen hat. Wie selbst­ver­ständ­lich wird das Wort »natio­nal­so­zia­li­stisch« oder abge­kürzt NS noch heu­te immer wie­der ver­wen­det, wenn es um die Befas­sung mit The­men der Jah­re 1933–1945 geht, selbst von Histo­ri­kern. Umso mehr möch­te ich in Erin­ne­rung zu rufen, dass der Begriff von den Nazis selbst geprägt wur­de und gewis­ser­ma­ßen deren eige­ne Schöp­fung ist. Er dien­te der Ver­klä­rung der tat­säch­li­chen Zie­le nazi­sti­schen Ungei­stes und soll­te den Ein­druck erwecken, als habe das Ver­hal­ten der Akteu­re des Nazi­staa­tes etwas mit Sozia­lis­mus zu tun. So ver­wun­dert es nicht, dass er auch in dem Namen ihrer Par­tei NSDAP ent­hal­ten ist. Im Vor­feld der im ver­gan­ge­nen Herbst in Thü­rin­gen durch­ge­führ­ten Land­tags­wahl äußer­te sich auch eine frü­he­re Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, die dem Kreis der Bür­ger­recht­ler zuge­rech­net wird, und sprach sich für eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen der CDU und der AfD aus. Aller­dings warn­te sie vor Höcke. Ein Leit­ar­ti­kel der stell­ver­tre­ten­den Chef­re­dak­teu­rin der Thü­rin­gi­schen Lan­des­zei­tung vom 16. Okto­ber 2019 trug als Unter­über­schrift: »Sie lehnt natio­na­le Sozia­li­sten ab.« Eine sol­che For­mu­lie­rung ist geeig­net, bei dem einen oder ande­ren Leser den Ein­druck zu erwecken, die AfD habe auch etwas mit Sozia­lis­mus zu tun. Hier­an wird deut­lich, wie not­wen­dig es ist, sich von der Ver­wen­dung des irre­füh­ren­den Begrif­fes zu ver­ab­schie­den, egal ob es um alte oder neue Nazis geht. Die­se Art Wort­schöp­fung trägt auch dazu bei, die Theo­rie von den »bei­den deut­schen Dik­ta­tu­ren« zu näh­ren. Faschis­mus soll­te als das bezeich­net wer­den, was er ist. Bei Höcke hat das auch das Ver­wal­tungs­ge­richt Mei­nin­gen mit sei­ner Ent­schei­dung vom 26. Sep­tem­ber 2019 (Az.: 2 E 1194/​19 Me) so gesehen.

Als ich unlängst in einem Jugend­straf­ver­fah­ren als Ver­tei­di­ger auf­trat, gab der eben­falls im Gerichts­saal anwe­sen­de Ver­tre­ter des Jugend­am­tes an, er habe mit dem Ange­klag­ten nicht im Vor­feld spre­chen kön­nen, da die­ser kurz­fri­stig in eine ande­re Justiz­voll­zugs­an­stalt »über­stellt« wor­den sei. Auch die­ser Begriff ist aus mei­ner Sicht nega­tiv belegt. Wie zahl­rei­chen zeit­ge­nös­si­schen Doku­men­ten zu ent­neh­men ist, wur­den Men­schen in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger wie Maj­da­nek, Sobi­bor, Treb­lin­ka oder Ausch­witz »über­stellt«.