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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Rückständigkeit

Als ich am frü­hen Abend des 6. März im letz­ten Kapi­tel mei­ner Erzäh­lung Sabo­ta­ge in San­ta Molin­ga steck­te, sprang mein Lap­top von Netz- auf Akku­be­trieb um. Aha, der Strom war aus­ge­fal­len. Anschei­nend betraf das nur den Raum Wal­ters­hau­sen. Und nach einer knap­pen Stun­de war der Strom wie­der da. Das ging also glimpf­lich ab, aber wit­zig war es schon. In der Erzäh­lung hat sich näm­lich eine gro­ße kata­la­ni­sche Kom­mu­ne, die in einer frü­he­ren Abtei resi­diert, für drei Tage mit Ker­zen, Fackeln und Petro­le­um­lam­pen zu behel­fen, weil irgend­ein Spitz­bu­be das Lauf­was­ser-Kraft­werk in der ehe­ma­li­gen Korn­müh­le der Abtei ange­zün­det hat­te. Wie sich her­aus­stellt, war es eine Frau – nur ver­ra­ten Sie mir ein­mal, wie man die­se Übel­tä­te­rin nen­nen soll? Etwa »Spitz­bü­bin«? Da kommt mir sofort die erneu­er­te rot­grü­ne Bun­des­re­gie­rung auf den Hals und lässt mich zwangsimpfen.

Das Inter­net ver­riet mir andern­tags nicht, wo hier der Hase im Pfef­fer, also der »Defekt« gele­gen hat­te. Ver­mut­lich ist der Raum Wal­ters­hau­sen ein­fach nicht so wich­tig. Dafür mein­te es jedoch, am 9. Janu­ar (drei Grad plus) hät­ten meh­re­re Ber­li­ner Stadt­tei­le zum Teil stun­den­lang unter Strom- und Hei­zungs­aus­fall gelit­ten. Der Defekt habe in einem Umspann­werk vor­ge­le­gen. All die­se »Defek­te« sind unge­fähr so aus­sa­ge­kräf­tig wie die gan­zen »Herz­ver­sa­gen«, die bei uns die alten Leu­te, die Mana­ger oder die Geimpf­ten dahin­raf­fen. Nur die gen­der­fe­sten Dyna­mi­ke­rIn­nen in der rot­grü­nen Bun­des­re­gie­rung wer­den von denen verschont.

Der Ham­mer erwisch­te mich aller­dings erst, als ich andern­tags, am 7. März, in die Online-Aus­ga­be der jun­gen Welt blick­te. Die Groß­stadt Mariu­pol habe inzwi­schen seit fünf Tagen kei­nen Strom mehr, hät­te der Bür­ger­mei­ster geklagt. Mit­ten im Win­ter! Ein Foto zeigt rie­si­ge Plat­ten­bau­ten mit Miet­woh­nun­gen, über denen Qualm auf­steigt. Ob eine Kie­wer Sturm­ab­tei­lung oder Mon­ster Putin in der Qualm­wol­ke steck­te, war nicht zu erken­nen. Ja, Mensch, wer­fen Sie viel­leicht ein, das ken­nen wir doch alles, Frie­ren, Tot­ge­schos­sen­wer­den und so wei­ter. Ja, sicher – Sie ken­nen es vom zwei Qua­drat­me­ter gro­ßen Bild­schirm Ihres Fern­seh­ge­rä­tes her, nicht wahr?

Ich besit­ze übri­gens über­haupt kein Fern­seh­ge­rät, und das schon seit min­de­stens 40 Jah­ren. Dafür besit­ze ich jedoch einen wun­der­ba­ren Zim­mer­ofen. Solan­ge es noch Palet­ten, alte Dach­bal­ken oder nicht mit Gift behan­del­te Jäger­zäu­ne zum Zer­hacken gibt, kann mir kein Strom­aus­fall die Behag­lich­keit in mei­ner Bude rau­ben. Die flä­chen­decken­den Fern­hei­zun­gen sind im Grun­de der glei­che Wahn­sinn wie die flä­chen­decken­de Anti-Coro­na-Imp­fung. Die gan­ze Zivi­li­sie­rung war ein wahn­sin­ni­ges Unter­fan­gen, weil sie auf Mam­muti­sie­rung setz­te – nach­dem das Mam­mut von unse­res­glei­chen aus­ge­rot­tet wor­den war. Lewis Mum­ford beschei­nig­te (um 1965) schon den alten Sume­rern und Ägyp­tern eine Megama­schi­ne. Irgend­wel­che Jäger und Samm­ler waren plötz­lich blö­de genug, sich an blit­zen­den, eiser­nen Pflü­gen und unter den Stein­qua­dern für diver­se Tem­pel oder Pyra­mi­den zu bücken. Von daher haben wir unse­re Band­schei­ben­schä­den, Mil­lio­nen­städ­te und Pharmaziekonzerne.

Mei­ner Ansicht nach wäre die oft beschwo­re­ne »ande­re« Welt nur durch eine vor­aus- oder par­al­lel­ge­hen­de Ver­klei­ne­rung der Welt zu haben. Aber wie soll­te das mög­lich, ja, auch nur denk­bar sein? So gut wie alle angeb­lich system­kri­ti­schen Autoren klam­mern den Gesichts­punkt der Mam­muti­sie­rung wohl­weis­lich aus. Schließ­lich könn­te ihnen die Schluss­fol­ge­rung dro­hen: Das geht nie und nim­mer! Und damit brä­che der Zweck­op­ti­mis­mus, mit dem sämt­li­che Frak­tio­nen der System­kri­tik seit Jahr­zehn­ten hau­sie­ren gehen, wie ein Kar­ten­haus zusammen.

Ich glau­be, auf die­ser sozi­al­psy­cho­lo­gi­schen Ebe­ne gin­ge es ans Ein­ge­mach­te – und wer möch­te das schon. Die Lüge, der Selbst­be­trug, die Hoff­nung sind dem Men­schen so teu­er wie der Stolz. Wenn Poli­ti­ke­rIn­nen plötz­lich damit anfin­gen, Feh­ler zuzu­ge­ben und das Rad des Fort­schritts auf das Niveau von Was­ser­müh­len und Bie­nen­wachs­ker­zen zurück­zu­dre­hen, wür­fe ihnen natür­lich jeder Schwä­che, Rück­stän­dig­keit, Hin­ter­wäld­ler­tum vor. Der Mensch möch­te nicht hin­ter sei­ne Errun­gen­schaf­ten zurück­fal­len. Lie­ber lässt er sich von ihnen erschlagen.